Geschichten besser erzählen: Den richtigen Erzähler finden mit der Erzähltheorie von Genette

Geschichten besser erzählen: Den richtigen Erzähler finden mit der Erzähltheorie von Genette

Ohne Erzähler gibt es keine Erzählung. Und ein unpassender Erzähler kann selbst die beste Geschichte zerstören. Wenn man ein eigenes Buch schreibt, muss man sich also genau überlegen, welchen Erzähler man wählt. In diesem Artikel erkläre ich, wie ich die Erzähltheorie von Genette (Modus und Stimme) für mich selbst abwandle: Aus einem reinen Analysewerkzeug entstehen vier Fragen, die mir helfen, den richtigen Erzähler für meine Geschichten zu finden.

(In der Video-Version dieses Artikels hat sich bei der Kategorie der Ebene leider ein Fehler eingeschlichen. Ich kann ihn leider nicht mehr korrigieren. Deswegen empfehle ich, sich bei diesem Punkt an die Text-Version zu halten. Ich bitte um Entschuldigung für die Umstände.)

Wenn man Geschichten erzählt, dann spielt die Wahl des Erzählers eine wichtige Rolle. Denn der Erzähler entscheidet, ob die Erzählung funktioniert oder nicht.

Wie findet man also den richtigen Erzähler für seine Geschichte?

Im letzten Artikel haben wir den Typenkreis von Stanzel umgeformt und daraus drei Fragen hergeleitet, mit denen man als Autor den richtigen Erzähler für seine Geschichte finden kann. Und dieses Mal machen wir dasselbe mit einem Konkurrenzmodell:

Wir verunstalten die Erzähltheorie von Gérard Genette zu vier Fragen, mit deren Hilfe wir den richtigen Erzähler für unsere Geschichte finden können.

Genettes Erzähltheorie

… hat in den 90er Jahren im akademischen Bereich Stanzels Typenkreis in den Hintergrund gedrängt. Aber außerhalb des akademischen Bereiches ist es immer noch eher wenig bekannt. Wenn Du also mehr über dieses Modell erfahren willst, dann habe ich einen ganzen Artikel, der dieses Modell erklärt.

Was aber unbedingt in diesem Artikel erwähnt werden muss, ist, dass Genette hinsichtlich der Erzählperspektive eine sehr wichtige Trennung eingeführt hat. Und zwar trennt er zwischen Modus und Stimme:

  • Modus ist die Frage danach, wer das Geschehen wahrnimmt.
  • Stimme ist die Frage danach, wer das Geschehen wiedergibt.

Auf diese beiden Gruppen verteilen sich auch unsere vier Fragen heute:

Beim Modus wählen wir nämlich die Fokalisierung; und die restlichen drei Fragen auf dem Weg zum passenden Erzähler gehören in den Bereich der Stimme.

Modus: Wahl der Fokalisierung

Nun denn: Wer nimmt das Geschehen wahr?

Hier gibt es drei Möglichkeiten:

  1. Nullfokalisierung: Der Erzähler weiß mehr als die Figuren.
  2. interne Fokalisierung: Der Erzähler weiß exakt so viel wie die Figuren.
  3. externe Fokalisierung: Der Erzähler weiß weniger als die Figuren.

Als Autor fragen wir uns also:

Von welchem Punkt aus soll der Leser das Geschehenen wahrnehmen?

Soll er, wie zum Beispiel im Fall der Nullfokalisierung, das Geschehen quasi aus Vogelperspektive wahrnehmen oder aus der kleinen und sehr begrenzten Froschperspektive einer Figur? Oder soll der Leser das Geschehen durch eine scheinbar neutrale „Kamera“ beobachten und nur das sehen, was äußerlich wahrnehmbar ist?

Stimme I: Wahl der Zeit

Wenn wir uns für eine Fokalisierung entschieden haben, kommen wir auch schon in den Bereich der Stimme und wählen die Zeit. Hier müssen wir unterscheiden zwischen:

  • dem Zeitpunkt, zu dem das Geschehen stattgefunden hat,

und

  • dem Zeitpunkt, zu dem die Erzählung stattfindet.

Nun fragen wir, in welchem Verhältnis diese beiden Zeitpunkte zueinander stehen sollen.

  • spätere Narration: Die Erzählung findet nach dem Geschehen statt.
    Etwas ist in der Vergangenheit passiert und der Erzähler erzählt dementsprechend in der Vergangenheitsform (Perfekt, Präteritum, Plusquamperfekt).
  • frühere Narration: Die Erzählung findet vor dem Geschehen statt.
    Das ist zwar ein seltener Fall, aber es gibt durchaus Erzähler, die das Futur benutzen.
  • gleichzeitige Narration: Die Erzählung findet zeitgleich mit dem Geschehen statt.
    In einer Erzählung passiert etwas und der Erzähler gibt direkt das wieder, was er wahrnimmt und benutzt das Präsens.
  • eingeschobene Narration: Die Erzählung wird immer wieder aktualisiert.
    Etwas passiert – und dann erzählt der Erzähler. Dann passiert wieder etwas – und der Erzähler erzählt, was im neuen Abschnitt passiert ist (zum Beispiel Tagebücher und Briefromane). Es werden Vergangenheitsformen für das bereits Geschehene und das Präsens für das Aktuelle gebraucht.

Diese Frage nach der Zeitform kann man als Frage nach der Distanz zum Geschehen betrachten. Also:

Wie viel Distanz soll der Leser zum Geschehen haben?

Es ist schließlich ein Unterschied, ob man über etwas Aktuelles oder Vergangenes berichtet. Das hängt auch mit den Fragen zusammen:

Wie natürlich soll sich der Erzählakt anfühlen und wie wahrnehmbar soll er sein?

Eine eingeschobene Narration zum Beispiel ist sehr wahrnehmbar. Wenn ein Roman als Briefsammlung stilisiert ist, dann nimmt man als Leser ganz klar war: Da ist jemand und schreibt Briefe. Mit einer späteren oder gleichzeitigen Narration hingegen kann man die Illusion erzeugen, man würde im Kopf einer Figur sitzen.

Und was die Natürlichkeit angeht: Tagebücher oder Briefe (die eingeschobene Narration) sind sehr natürlich; aber die frühere Narration ist für jemanden, der nicht in die Zukunft blicken kann, ziemlich widernatürlich.

Stimme II: Wahl der Ebene

Gehen wir nun weiter und wählen die Anzahl der Ebenen unserer Erzählung. Hier geht es darum, wie unmittelbar sie stattfinden soll:

  • extradiegetische Ebene: Der Erzähler erzählt dem Leser die Geschichte. Diese Ebene ist immer vorhanden.
  • intradiegetische Ebene: Was der Erzähler erzählt. Auch diese Ebene ist immer vorhanden. Ob es aber noch weitere Ebenen gibt, entscheidet der Autor.
  • metadiegetische Ebene: Der Erzähler erzählt, wie eine Figur die (eigentliche) Geschichte erzählt.
    Erzählung in einer Erzählung: Die intradiegetische Ebene ist eine Rahmenhandlung und die (eigentliche) Geschichte findet auf der metadiegetischen Ebene statt.
  • Sollte es noch verschachtelter werden, sprechen wir von einer metametadiegetischen
  • Und als nächsten Schritt auch von der metametametadiegetischen Ebene …

Wenn wir nun als Autor einen Erzähler für unsere Geschichte auswählen, fragen wir uns:

Wie nah soll der Leser an der Erzählung stehen?

Soll er die Geschichte unmittelbar vom Erzähler hören oder soll er lediglich nur Zeuge sein, wie eine Figur die Geschichte erzählt? Oder soll der Leser sich vielleicht in einer komplexen, verschachtelten Erzählstruktur zurechtfinden? Soll er sogar unterschiedliche sich widersprechende metadiegetische Erzählungen auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen? – Denn die Erzählungen in der Erzählung müssen ja nicht zwangsläufig einen zuverlässigen Erzähler haben …

Stimme III: Wahl der „Welt“

Am Ende ist auch zu entscheiden, in welcher „Welt“ sich der Erzähler befinden soll:

  • heterodiegetischer Erzähler: befindet sich außerhalb der narrativen Welt.
    Das heißt: Es gibt eine Welt, in der die Figuren leben und interagieren, aber der Erzähler ist nicht Teil davon.
  • homodiegetischer Erzähler: befindet sich innerhalb der narrativen Welt.
    Das heißt: Der Erzähler lebt in derselben Welt wie die Figuren. In der Regel bedeutet das auch, dass er selbst eine Figur ist.

    • autodiegetischer Erzähler: ist der/die Protagonist/in.
      Sonderform des homodiegetischen Erzählers: Der Erzähler erzählt nicht nur die Geschichte, sondern ist auch der Protagonist der Handlung.

Für uns als Autoren bedeutet das nun, dass wir entscheiden müssen:

Wie soll der Leser den Erzähler wahrnehmen?

Soll der Erzähler unsichtbar sein oder soll er sichtbar sein und seine Meinung preisgeben? Oder soll er als Figur auftauchen oder gar seine eigene Geschichte erzählen?

Erzähler finden mit Genette: praktisches Beispiel

Nun haben wir also unsere Fragen und können sie anwenden. Im letzten Artikel haben wir uns die Aufgabe gestellt:

Der Leser soll mit der Hauptfigur „verschmelzen“ und mit ihr mitfühlen.

Machen wir in diesem Artikel also dasselbe. Wir stellen uns die vier Fragen:

Fokalisierung:

Von welchem Punkt aus soll der Leser das Geschehen wahrnehmen?

Wenn der Leser mit der Hauptfigur „verschmelzen“ soll, sollte der Erzähler – und damit der Leser – so nah wie möglich an der Figur sein. Das heißt:

Wir wählen die interne Fokalisierung.

Dann kommen wir zur Frage nach der Zeit:

Wie viel Distanz soll der Leser zum Geschehen haben?

In unserem Fall: so wenig wie möglich. Damit schließen wir die vollkommen unnatürliche frühere Narration komplett aus. Das tun wir auch bei der eingeschobenen Narration, weil diese Art der Erzählung sehr wahrnehmbar ist. Das heißt:

Wir müssen uns zwischen der späteren Narration und der gleichzeitigen Narration entscheiden.

Zugegeben, die gleichzeitige Narration ist etwas unnatürlich: Der Fall, dass jemand direkt wiedergibt, was er wahrnimmt, ist im realen Leben extrem selten. Das haben wir zum Beispiel bei Sportkommentatoren. Aber kein normaler Mensch kommentiert ständig sein Alltagsleben. Wenn man etwas erzählt, dann in der Regel von Dingen, die in der Vergangenheit passiert sind. Deswegen ist die spätere Narration etwas natürlicher.

Doch auch die gleichzeitige Narration hat trotz allem ihre Vorteile. Durch die Präsensform wirkt alles, was erzählt wird, etwas unmittelbarer. Frei nach dem Motto: Es passiert gerade jetzt! Genau in diesem Moment!

Die Frage nach der Ebene ist zum Glück etwas einfacher:

Wie nah soll der Leser an der Erzählung stehen?

So nah wie möglich. Der Leser soll nicht lediglich nur Zeuge davon sein, wie eine Figur etwas erzählt, sondern die Geschichte direkt vom Erzähler erzählt bekommen. Das heißt:

Wir packen unsere eigentliche Geschichte auf die intradiegetische Ebene.

Und last but not least entscheiden wir, in welcher „Welt“ sich der Erzähler befinden soll:

Wie soll der Leser den Erzähler wahrnehmen?

Ich persönlich plädiere dafür, den Erzähler in einem solchen Fall möglichst unsichtbar zu machen. Ein homodiegetischer Erzähler sagt immer „ich“ – und das macht ihn sichtbar. Ein heterodiegetischer Erzähler hingegen kann „ich“ sagen, muss es aber nicht.

Deswegen bin ich persönlich für einen heterodiegetischen Erzähler, der sich möglichst im Hintergrund hält.

Fertig!

Abschließende Hinweise

Am Ende möchte ich nur noch anmerken, dass die Grenzen auch bei diesem Modell sehr fließend sind:

  • Zum Beispiel kann eine Fokalisierung variabel sein – das heißt: sich während der Erzählung verändern.
  • Oder es gibt auch das Phänomen der Metalepse – das heißt: den Fall, wenn die unterschiedlichen Ebenen miteinander vermischt werden.

Wenn man also einen wirklich passenden Erzähler finden will, muss man auch hier für sich geklärt haben, was man mit seiner Geschichte erreichen möchte.

Und jetzt, wo wir beide Modelle angesprochen haben, mögen manche vielleicht überlegen: Welches Modell ist besser? Stanzel oder Genette? Welches wende ich an?

Ich kann nur sagen: Sucht euch das aus, was euch am besten gefällt. Ich persönlich wende beide Modelle gleichzeitig an. – Spricht ja nichts dagegen.

Aber egal, welches Modell man letztendlich wählt … Es gilt nach wie vor:

Wenn es darum geht, den richtigen Erzähler für die eigene Geschichte zu finden, sind Erfahrung durch Lesen und Analysieren die beste Lernhilfe.

Aus diesem Grund habe ich auf dieser Seite eine eigene Kategorie für Erzählanalysen. Wenn Du also Lust hast auf mehr Stanzel und Genette sowie das Zerfleddern von literarischen Werken, bist Du herzlich eingeladen vorbeizuschauen.

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