Geschichten besser erzählen: Den richtigen Erzähler finden mit dem Typenkreis von Stanzel

Geschichten besser erzählen: Den richtigen Erzähler finden mit dem Typenkreis von Stanzel

Ein unpassender Erzähler kann selbst die beste Geschichte zerstören. Wer ein eigenes Buch schreibt, muss den Erzähler also sorgfältig auswählen. Ich selbst finde dabei erzählwissenschaftliche Modelle sehr hilfreich. Und in diesem Artikel erkläre ich, wie ich den Typenkreis von Stanzel, das bekannteste Modell, für mich selbst abwandle: Aus einem reinen Analysewerkzeug entstehen drei Fragen, die mir helfen, den richtigen Erzähler für meine Geschichten zu finden.

Im Artikel über die Definition von Erzählen habe ich folgende Faustregel aufgestellt:

Eine noch so interessante Geschichte, vorgetragen durch einen schlechten Erzähler, kommt schlecht an.

Eine noch so unspektakuläre Geschichte, vorgetragen durch einen guten Erzähler, kommt gut an.

Es stellt sich also nun die Frage:

Wie finde ich für meine Geschichte einen guten Erzähler?

Nun, heute zeige ich, wie ich den Typenkreis von Stanzel modifiziere und zweckentfremde, um für meine Geschichten den richtigen Erzähler zu finden.

Was ist der Typenkreis von Stanzel?

Stanzels Typenkreis ist das bekannteste Modell, das zur Analyse der Erzählperspektive verwendet wird. Seine Bekanntheit reicht so weit, dass es in vereinfachter Form in der Schule gelehrt wird. Einfach ausgedrückt:

Es ist das Modell, das mit den Begriffen

  • Ich-Erzähler,
  • auktorialer (bzw. allwissender) Erzähler

und

  • personaler Erzähler

operiert.

Eine ausführlichere Erklärung findest Du in diesem Artikel.

Hier jedoch reduziere und verändere ich dieses Modell so weit, wie es mir als Autor nützt, um einen passenden Erzähler zu finden.

Um ein paar Grundlagen kommen wir aber trotzdem nicht herum …

Der Kreis und seine Achsen

Der wichtigste Punkt, der in der Schule in der Regel ausgelassen wird, ist, dass der Typenkreis eben ein Kreis ist. Das heißt:

Die Übergänge zwischen den klassischen Erzählsituationen sind fließend.

Außerdem hat der Typenkreis drei Achsen und jede Erzählsituation bildet jeweils einen Pol einer Achse. Diese drei Achsen sind:

  • Modus
  • Person
  • Perspektive

Einen passenden Erzähler finden mit 3 Fragen

Die drei Achsen des Typenkreises sind die Grundlage für die drei Fragen, mit denen der passende Erzähler gefunden werden soll:

  • Jede Achse stellt eine Frage mit je zwei Antwortmöglichkeiten.
  • Bei jeder Antwortmöglichkeit kann die ausgesuchte Eigenschaft verschieden stark ausgeprägt sein.
  • Die Kombination der Antworten für die drei Achsen ergibt schließlich die Position des Erzählers im Typenkreis.

Schauen wir uns deswegen die drei Achsen und die damit zusammenhängenden Fragen im Detail an.

Modus

Auf der Achse des Modus stellt man die Frage, wer im Vordergrund stehen soll:

  • der Erzähler (der die Geschichte erzählt)

oder

  • die Reflektorfigur (durch deren Augen erzählt wird)?

Das läuft auf die Frage hinaus:

Wie sichtbar soll der Erzähler sein?

Ein Erzähler kann nämlich über Informationen verfügen, die die Reflektorfigur gar nicht hat. Zum Beispiel durch zeitliche Distanz (wie im Fall eines erzählenden Ich oder eines Erzählers als Herausgeber) oder durch Einblick in das Innenleben mehrerer Figuren. Der Erzähler kann auch generell allwissend sein. Das macht ihn natürlich besonders sichtbar.

Das alles bedeutet nun, dass man ganz unterm Strich fragt:

Wie viel soll mein Leser wissen?

Soll er mehr wissen als die Figuren? Soll er weniger wissen als die Figuren? Oder genauso viel wie die Figuren? – Abhängig davon, was man als Autor erreichen möchte, sollte man sich das im Vorfeld überlegen.

Person

Hier fragen wir, in welcher „Welt“ sich der Erzähler befinden soll:

  • Befindet er sich in derselben „Welt“ wie die Figuren

oder

  • befindet er sich nicht in derselben „Welt“ wie die Figuren?

Mit anderen Worten, wir fragen:

Steckt der Erzähler mitten im Geschehen oder beobachtet er nur?

Ein Erzähler, der mitten im Geschehen steckt, handelt. Er ist damit Teil der Geschichte – entweder als Protagonist oder als Nebenfigur. Oder als jemand, der herauszufinden versucht, was vor langer Zeit mal geschehen ist. Wichtig ist: Er befindet sich in derselben „Welt“ wie die Figuren. Das heißt: Er ist irgendwie mit dem Geschehen verbunden.

Das Ganze bedeutet nun, dass man sich unterm Strich fragt:

Mit wem soll sich mein Leser identifizieren?

Soll er das Geschehen durch die Augen einer handelnden Figur vornehmen? Oder durch die eines Zeugen? Oder soll er als unsichtbarer Beobachter im Kopf einer Figur sitzen? – Das nur als ein paar mögliche Beispiele.

Perspektive

Hier geht es um die Frage, ob wir die Figuren von innen oder von außen wahrnehmen:

  • Wird das Innenleben der Figuren offenbart

oder

  • werden sie nur von außen betrachtet?

Das ist also die Frage:

Wie tief blickt der Erzähler in die Figuren hinein?

Gibt er also die Gedanken und Gefühle der Figuren direkt wieder oder deutet er sie nur an?

Und ganz unterm Strich bedeutet das schließlich:

Was soll mein Leser fühlen?

Soll der Leser unmittelbar erfahren, was im Inneren der Figuren vor sich geht? Oder soll er anhand von äußerlichen Beobachtungen selbstständig Schlüsse ziehen?

Erzähler finden mit Stanzel: praktisches Beispiel

Zugegeben, das war gerade sehr viel Theorie. Wagen wir uns also ein praktisches Beispiel.

Wir setzen uns die Aufgabe:

Der Leser soll mit der Hauptfigur verschmelzen und mit ihr mitfühlen.

Für die Achse des Modus stellen wir uns, wie gesagt, die Frage:

Wie viel soll mein Leser wissen?

Wenn der Leser mit der Hauptfigur verschmelzen und mitfühlen soll, dann bietet es sich an, einen Erzähler zu wählen, der exakt so viel weiß wie die Figur. Das heißt:

Die Reflektorfigur soll im Vordergrund stehen.

Auf der Achse der Person hingegen wird es ein bisschen kniffliger:

Mit wem soll sich mein Leser identifizieren?

Einerseits kann man mit einer Ich-Erzählsituation ergreifende Geschichten quasi „aus erster Hand“ erzählen. Andererseits hat man es als Leser mit einem Ich zu tun, das nicht man selbst ist. Die Hauptfigur, mit der man eigentlich verschmelzen soll, ist in diesem Fall vielmehr ein Gegenüber.

Deswegen ist es meiner Meinung nach besser, wenn der Erzähler möglichst unsichtbar ist. Dementsprechend sollte er sich auch

nicht in derselben „Welt“ befinden wie die Figuren.

Aber da man sich bei diesem Punkt, wie gesagt, streiten kann und eine Ich-Erzählsituation, wenn gut gehandhabt, hier ebenfalls wunderbar funktionieren kann, gebe ich diesem Punkt an dieser Stelle eine geringere Priorität.

Auf der Achse der Perspektive schließlich …

Wie soll mein Leser fühlen?

… entscheiden wir uns ganz klar für die

Innenperspektive.

Wenn der Leser mit der Hauptfigur mitfühlen soll, muss er ja einen möglichst guten Einblick in ihr Inneres bekommen.

Was sich nun herauskristallisiert, ist der Sektor an der Grenze zwischen der Ich-Erzählsituation und der personalen Erzählsituation. Durch ihn verläuft übrigens auch die Grenze der Erzählung in der dritten und der ersten Person.

Geschichten besser erzählen: Den richtigen Erzähler finden mit dem Typenkreis von Stanzel

Wir wählen also eine personale Erzählsituation mit einigen Tendenzen in Richtung Ich-Erzählsituation.

Fertig!

Abschließende Hinweise

Dass der Leser in eine Geschichte komplett eintauchen und mit den Figuren verschmelzen soll, wird oft erwartet und gefordert. Aber man darf niemals vergessen:

Es gibt nicht die eine richtige Art zu erzählen.

Was für eine Geschichte gut ist, ist für eine andere Geschichte Gift: Man kann Harry Potter nicht so erzählen wie den Herrn der Ringe; und man kann den Herrn der Ringe nicht so erzählen wie Harry Potter.

Ein Erzähler muss vor allem zu seiner Geschichte passen. Deswegen muss sich ein Autor vor allem die Frage stellen:

Worum geht es in meiner Geschichte? Was will ich damit erreichen?

Erst, wenn man diese Dinge für sich geklärt hat, kann man sich bewusst einen passenden Erzähler aussuchen.

Ansonsten sollte man auch nicht vergessen,

dass ein Erzähler auch dynamisch sein kann.

Das heißt: Er kann sich während der Erzählung verändern. Der Erzähler im Herrn der Ringe zum Beispiel ist auktorial; aber an manchen Stellen wird er eher personal, um die entsprechende Stelle interessanter zu machen.

In Bezug auf die Erzählperspektive sind also unendlich viele Spielereien möglich.

Und der beste Weg zu lernen, welcher Erzähler wie funktioniert, sind Lesen und das Analysieren des Gelesenen.

Das ist auch der Grund, warum ich auf dieser Seite unter anderem Erzählanalysen anstelle. Schau doch vorbei!

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