Rede in Geschichten: Erzählerrede und Figurenrede

Rede in Geschichten: Erzählerrede und Figurenrede

Jede Geschichte besteht aus Erzählerrede und in der Regel auch Figurenrede. Und während die Erzählerrede – bzw. der Erzählerbericht – einfach die Rede des Erzählers ist (Handlungswiedergabe, Beschreibungen, Kommentare etc.), kommt die Figurenrede in vielen verschiedenen Formen vor: direkte Rede, indirekte Rede, erlebte Rede, innerer Monolog, Bewusstseinsstrom. Natürlich stellen die meisten davon eine Figuralisierung der Erzählerrede dar – und genau hierin liegt ihre Bedeutung: Der Grad der Figuralisierung beeinflusst maßgeblich die Nähe des Lesers zu den Figuren …

In jeder Geschichte gibt es Figuren. Und meistens reden sie: miteinander oder mit sich selbst.

Doch auch das Erzählen an sich ist eigentlich Rede: die Rede des Erzählers.

Somit besteht ein Erzähltext aus Erzählerrede und Figurenrede. Und während Erstere einfach die Rede des Erzählers darstellt, findet man Letztere in verschiedenen Formen:

  • in der direkten Rede,
  • in der indirekten Rede,
  • in der erlebten Rede,
  • im inneren Monolog und
  • im Bewusstseinsstrom.

In diesem Artikel schauen wir uns also die Redewiedergabe in Geschichten an und wie die einzelnen Formen sich voneinander unterscheiden.

Erzählerrede und Figurenrede

Auf den ersten Blick sind Erzählerrede und Figurenrede leicht voneinander zu unterscheiden:

Rede in Geschichten: Erzählerrede und Figurenrede“Inzwischen war Porthos herangekommen und begrüßte Athos. Als er sich d’Artagnan zuwandte, machte er ein ganz verdutztes Gesicht. Er hatte, nebenbei bemerkte, [sic!] sein Wehrgehänge gewechselt und den Mantel zu Hause gelassen.

»Ja, was heißt denn das?« rief er.

»Das ist der Herr, mit dem ich mich schlage«, erklärte Athos und wies auf d’Artagnan.

»Ich schlage mich auch mit ihm«, sagte Porthos.

»Aber erst in einer Stunde«, bemerkte d’Artagnan.

»Und ich«, rief Aramis, der in diesem Augenblick herankam, »schlage mich ebenfalls mit ihm.«

»Aber erst um zwei«, sagte d’Artagnan gelassen.”

Alexandre Dumas: Die drei Musketiere, V. Kapitel: Die Musketiere des Königs und die Leibgarde des Kardinals.

In der Erzählerrede wird berichtet, was in der Geschichte passiert und wer was tut; der Erzähler beschreibt und erklärt, reflektiert, wertet und kommentiert und wendet sich in manchen Geschichten sogar direkt an den Leser.

Jedoch wird die Erzählerrede – oder der Erzählerbericht (wie sie oft auch genannt wird) – oft von der Figurenrede unterbrochen. Dabei ist diese im obigen Beispiel klar gekennzeichnet:

  • Es wird wörtlich zitiert, was die Figuren “tatsächlich” gesagt haben.
  • Diese Zitate sind durch entsprechende Satzzeichen gekennzeichnet.
  • Die Erzählerrede wird unterbrochen und
  • die 3. Person (er) wechselt in die 1. Person (ich).
  • In den Begleitsätzen steht klar und deutlich, dass hier eine Figur spricht.

Und weil diese Figurenrede eben so wörtlich und direkt ist, nennt man sie wörtliche oder direkte Rede.

Direkte Rede: Zeichensetzung

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zur Zeichensetzung bei der direkten Rede, weil das oft falsch gemacht wird:

  • Wörtliche Rede wird immer zwischen Anführungsstriche gesetzt: Standardmäßig stehen die Anführungsstriche am Anfang unten und am Ende oben.

Fritzchen sagte: “Mir ist kalt.”

  • Die wörtliche Rede wird vom Begleitsatz durch ein Komma abgetrennt. Dieses steht außerhalb der Anführungsstriche.

“Mir ist kalt”, sagte Fritzchen.

  • Wenn auf den Satz der wörtlichen Rede der Begleitsatz folgt, wird bei Aussagesätzen kein Punkt gesetzt. Frage- und Ausrufezeichen aber schon. Das Komma, das den Begleitsatz von der wörtlichen Rede abtrennt, bleibt!

“Ist dir kalt?”, fragte Lieschen.

“Ja, mir ist kalt!”, rief Fritzchen.

Ja, manchmal sieht man das auch in veröffentlichten Büchern anders gehandhabt – auch im obigen Beispiel. Das bedeutet aber nicht, dass man ohne guten Grund gegen die Regeln der deutschen Zeichensetzung verstoßen sollte.

Wenn Erzählerrede und Figurenrede verschmelzen

So säuberlich getrennt die Erzähler- und Figurenrede im obigen Beispiel auch waren: So eindeutig ist es nicht immer!

Denn erstens ist anzumerken, dass die Erzählung ja immer durch einen Erzähler wiedergegeben wird und wir keine Garantie haben, dass die wörtliche Rede tatsächlich so gesagt wurde. Wir gehen in der Regel davon aus, dass sie authentisch ist – und meistens ist sie auch so gedacht -, aber rein theoretisch obliegt es immer noch allein dem Erzähler, das Gesagte wörtlich wiederzugeben oder stilistisch oder sogar inhaltlich abzuwandeln. Stichpunkt unzuverlässiges Erzählen.

Zweitens – und darüber sprechen wir heute ausführlicher – sieht man die Erzählerrede oft nicht in ihrer Reinform, sondern mit Merkmalen der Figurenrede. Und der erste Schritt zur Figuralisierung der Erzählerrede ist die indirekte Rede …

Indirekte Rede

Die indirekte Rede kommt ohne Anführungsstriche aus, ist aber immer noch klar identifizierbar:

Fritzchen sagte, ihm sei kalt.

Fritzchen sagte, dass ihm kalt sei.

Signale, anhand derer wir erkennen, dass hier eine Figur spricht, sind Folgende:

  • Es steht klipp und klar, dass hier Fritzchen spricht.
  • Das Gesagte ist durch ein Komma – und im zweiten Beispiel auch durch ein “dass” – abgetrennt und
  • steht im Konjunktiv.

Die indirekte Rede wirkt weniger authentisch als die direkte, weil sie kein Zitat ist. Es ist eindeutig der Erzähler, der das Gesagte wiedergibt, nicht die Figur selbst.

Und oft fasst der Erzähler das Gesagte auch noch zusammen. Bei unserem Beispiel könnte Fritzchen zum Beispiel ursprünglich gesagt haben: “Brrr, ist das kalt hier! Meine Hände sind Eiszapfen!” Damit hätte der Erzähler sich bei der indirekten Rede nur auf das Wesentliche fokussiert.

Der Einfluss der Erzählers auf die Wiedergabe des Gesagten ist hier also klar erkennbar. Doch während das Gesagte in der indirekten Rede weniger authentisch wirkt, ist die indirekte Rede gerade für das Erzählen authentischer als die wörtliche Rede.

Niemand erzählt seinen Freunden:

Meine Eltern haben gesagt: “Du darfst erst zur Party, wenn du deine Hausaufgaben gemacht hast!”

Normalerweise sagt man eher sowas:

Meine Eltern haben gesagt, ich kann erst zur Party, wenn ich meine Hausaufgaben gemacht habe.

Erlebte Rede

Etwas stärker ist die Vermischung bei der erlebten Rede. Hier spricht der Erzähler sozusagen durch das Prisma der Figur, ohne es ausdrücklich zu kennzeichnen. Man könnte sagen: Die Figurenrede tarnt sich hier als Erzählerrede.

Fritzchen schauderte. Ihm war so schrecklich kalt! Seine Hände waren Eiszapfen. Hoffentlich erfror er nicht.

Formal spricht hier zwar der Erzähler, aber der Text ist durch Fritzchens Innensicht geprägt: Wir haben Einblick in seine Gefühle und Gedanken, seine Empfindungen und Hoffnungen. Dadurch ist der Leser emotional näher an der Figur und kann mitfühlen.

Ändert man die 3. Person in die 1. um und das Präteritum ins Präsens, wird es schon ein innerer Monolog …

Innerer Monolog

Beim inneren Monolog nimmt die Figur gegenüber dem Erzähler noch mehr Raum ein. Mehr noch, der Erzähler gibt die “Bühne” fast komplett frei für das Innenleben der Figur:

Mir ist so schrecklich kalt! Meine Hände sind Eiszapfen. Hoffentlich erfriere ich nicht.

Mal angesehen davon, dass wir hier unnatürlicherweise die Gedanken eines anderen Menschen lesen und Gedanken und Gefühle generell nur selten in vollständigen, grammatikalisch korrekten Sätzen ausformuliert sind, fühlt sich die Wiedergabe der Gefühle einer Figur durch den innen Monolog ziemlich authentisch an. Es wirkt ein bisschen wie die wörtliche Rede: buchstäblich und unverfälscht. Der Erzähler bleibt schön im Hintergrund, wo er nicht vom Inneren der Figur ablenken kann.

Bewusstseinsstrom

Maximale Authentizität erreicht man eigentlich nur, wenn man einen (vermeintlich) unverfälschten Bewusstseinsstrom wiedergibt: Gedanken, Gefühle, Wort- und Satzfetzen, Erinnerungen … Alles Mögliche, was der Figur durch den Kopf geht – so chaotisch, wie es eben im Kopf der Figur auftaucht.

Kalt. Verdammt … Hände – Scheiße, wie Eiszapfen! Schon Viertel nach drei. Wo steckt sie?! Durchhalten … Durchhalten!

Kein Sonderfall: Ich-Erzähler

Nun sind wir bei den vorangegangenen Beispielen davon ausgegangen, dass der Erzähler in der 3. Person (er/sie) erzählt. Die Figuren selbst sprechen natürlich in der 1. Person.

Was ist aber, wenn wir einen Ich-Erzähler haben?

Nun, ich erinnere an die Unterscheidung zwischen dem erzählenden und dem erzählten Ich. Die Erzählerrede ist die Rede des erzählenden Ich. Die Rede des erzählten Ich ist die Figurenrede. Bei den Merkmalen von Erzählerrede und Figurenrede bleibt also alles gleich – abgesehen davon, dass in der Erzählerrede eben nicht die 3., sondern die 1. Person gebraucht wird.

Ich sagte: “Mir ist kalt.”

Ich sagte, mir sei kalt.

Und so weiter …

Der Sinn von Erzählerrede und Figurenrede

Aber wozu nun das Ganze? Denn zumindest bei der Erzählerrede ist der Sinn klar:

Der Erzähler erzählt, er spricht, also hat er eine Rede.

Doch sobald die Figurenrede ins Spiel kommt, wird es komplizierter …

Denn diese hat eine doppelte Funktion:

  • Sie unterstützt die Erzählerrede bei der Wiedergabe der Handlung.
    Die Figuren besprechen Ereignisse, treffen Entscheidungen, stellen kausale Verbindungen her, tauschen Hintergrundinformationen aus … und so weiter.
  • Sie charakterisiert die Figuren und ggf. auch ihre Beziehungen zueinander.
    Ihre Wortwahl und Syntax, worauf sie achten, wie sich ihr Ton gegenüber unterschiedlichen Gesprächspartnern verändert … All das gibt uns Aufschluss darüber, wer sie sind, was für einen Hintergrund sie haben und wie sie untereinander vernetzt sind.

Durch eine Figuralisierung der Erzählerrede wird der Erzähler außerdem (scheinbar) in den Hintergrund gerückt und das Innenleben der Figur in den Vordergrund. Dadurch kann der Leser direkt an den Gedanken und Gefühlen der Figur teilhaben, sich emotional anstecken lassen, mitfühlen und mitfiebern. Außerdem geht die Figuralisierung oft mit der eingeschränkten, subjektiven Perspektive der Figur einher und damit auch mit einem eingeschränkten Wissenshorizont:

  • Was die Figur nicht weiß, weiß auch der Leser nicht.
  • Ist die Figur überrascht, ist es auch der Leser.
  • Irrt sich eine Figur, hinterfragen es die meisten Leser nicht.
  • Und so weiter …

Wie viel Erzählerrede und wie viel Figurenrede man in seine Geschichte einbindet, hängt sehr stark mit der Wahl der Erzählperspektive zusammen. An dieser Stelle verweise ich auf meine beiden Artikel, in denen ich die erzähltheoretischen Modelle von Stanzel und Genette “verunstaltet” habe, um aus ihnen ein Werkzeug für die Wahl einer passenden Erzählperspektive zu machen. Klickt doch mal vorbei uns sagt mir, ob meine “Verunstaltungen” etwas taugen!

4 Kommentare

  1. Eine Lösung meiner Frage habe ich hier nicht gefunden. Es geht um Folgendes:
    Er nahm sein Tagebuch zur Hand und schrieb:
    Ich traf sie unten am Fluss.
    “Hallo”, begrüßte sie mich (( anstelle von “Hallo, begrüßte sie ihn” )).
    * Oder setzt man in der Ichform keine Anführungsstriche:
    Hallo, begrüßte sie mich.
    Oder schreibt man es mit Apostroph: ‘Hallo’, begrüßte sie mich.
    Also was ist richtig: mit Anführungszeichen oder mit Apostroph oder ohne Zeichen?

    Gerhard
    1. Das ist ein Fall von wörtlicher Rede innerhalb von wörtlicher Rede.

      Grundsätzlich wird wörtliche Rede in Anführungszeichen gesetzt, die Erzählperspektive (ob Ich-Erzähler oder nicht) ist dabei egal:

      Ich traf sie unten am Fluss.
      „Hallo“, begrüßte sie mich.

      Bei wörtlicher Rede innerhalb von wörtlicher Rede setzt man jedoch einfache Anführungszeichen:

      Er nahm sein Tagebuch zur Hand und schrieb:
      „Ich traf sie unten am Fluss.
      ‚Hallo‘, begrüßte sie mich.“

      Ich hoffe, ich konnte helfen. 🙂

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