„Die Nacht von Lis­sabon“ von Erich Maria Remarque

„Die Nacht von Lis­sabon“ von Erich Maria Remarque

Was kann eigent­lich ein Ich-Erzähler? In Die Nacht von Lis­sabon hat Remarque gleich zwei davon inein­ander ver­schach­telt. Weil diese Ent­schei­dung stark mit der zen­tralen Meta­pher des Romans ver­knüpft ist, trägt die Erzähl­per­spek­tive hier zur Bot­schaft des Romans bei. Damit gehört Remarque klar zu den Größen, von denen man vir­tuoses Erzählen lernen kann und muss. Denn besser schreiben lernen tut man am besten, indem man den Meis­tern über die Schulter schaut …

(In der Video-Ver­sion dieses Arti­kels hat sich bei Genettes Kate­gorie der Ebene leider ein Fehler ein­ge­schli­chen. Ich kann ihn leider nicht mehr kor­ri­gieren. Des­wegen emp­fehle ich, sich bei diesem Punkt an die Text-Ver­sion zu halten. Ich bitte um Ent­schul­di­gung für die Umstände.)

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Die Nacht von Lis­sabon lehrt uns eine Menge über die Anwen­dungs­mög­lich­keiten des Ich-Erzäh­lers.

Hier ist er näm­lich vor allem ver­schach­telt: Der Roman ent­hält eine Rah­men­hand­lung und eine Bin­nen­er­zäh­lung und beide haben einen Ich-Erzähler. Das ermög­licht einer­seits intime Ein­blicke in beide Geschichten, ande­rer­seits aber auch meh­rere Per­spek­tiven.

Die Wahl dieses ver­schach­telten Ich-Erzäh­lers ist gleich­zeitig stark mit der zen­tralen Meta­pher des Romans ver­knüpft. Damit trägt die Wahl des Erzäh­lers zur Bot­schaft des Romans bei.

Bevor wir jedoch zur eigent­li­chen Ana­lyse kommen, stellt sich natür­lich die Frage:

Worum geht es in Die Nacht von Lis­sabon eigent­lich?

Die Rah­men­hand­lung spielt 1942. Der Ich-Erzähler und seine Frau Ruth sind aus Deutsch­land geflohen, bleiben aber in Lis­sabon ste­cken. Denn um in die USA aus­reisen zu können, brau­chen sie Geld und Visa. Wie der Ich-Erzähler es gleich im ersten Kapitel tref­fend auf den Punkt bringt:

„Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr; ein gül­tiger Paß alles.“

Als alle Hoff­nung ver­loren zu sein scheint, trifft der Ich-Erzähler einen Mann, der ihm völlig umsonst zwei Schiffs­karten nach New York und zwei Pässe mit ame­ri­ka­ni­schen Visa anbietet. Dabei stellt er nur eine ein­zige Bedin­gung: Der Ich-Erzähler soll mit dem Fremden die ganze Nacht von Kneipe zu Kneipe ziehen und sich dessen Geschichte anhören. Diese Geschichte, also die Bin­nen­er­zäh­lung, ist die eigent­liche Geschichte des Romans und der Fremde wird darin selbst zum Ich-Erzähler.

Der Fremde nennt sich Josef Schwarz und ist mit seiner Frau Helen aus Deutsch­land geflohen. Nach vielen Her­aus­for­de­rungen hat er Geld, Fahr­karten und ame­ri­ka­ni­sche Visa. Aller­dings hat sich zum Ende hin her­aus­ge­stellt, dass Helen an Krebs litt. Am Tag vor der Abreise hat sie sich mit Gift das Leben genommen. Schwarz selbst will nun in die Frem­den­le­gion ein­treten und braucht die Karten und die Visa nicht mehr.

Die Ver­er­bung einer Iden­tität

In der Rah­men­hand­lung geht es um die Ver­er­bung einer Iden­tität. Und wie sich her­aus­stellt, ist Josef Schwarz nicht der erste Träger dieser Iden­tität.

  • Der erste Josef Schwarz, näm­lich der echte Besitzer, ist längst ver­storben.
  • Der Fremde, der die Geschichte in der Geschichte erzählt und der eigent­liche Prot­ago­nist der Hand­lung ist, ist der zweite Besitzer dieser Iden­tität.
  • Der Name Josef Schwarz geht dann auf den Ich-Erzähler über, also auf den Prot­ago­nisten der Rah­men­hand­lung.
  • Und am Ende des Romans schließ­lich gibt er den Pass weiter an einen rus­si­schen Emi­granten.

Die wahren Namen des Ich-Erzäh­lers und des Fremden erfahren wir nicht. Damit kommt dem Pass eine ganz besonere Rolle zu:

„Der Paß ist die zen­trale Meta­pher des Romans für die Ent­hu­ma­ni­sie­rung des Indi­vi­duums durch Staat und Büro­kratie.“
Tilman West­phalen im Nach­wort.

Die Nacht von Lis­sabon in Stan­zels Typen­kreis

Hier fällt vor allem auf, dass der Erzähler im Vor­der­grund steht. Wir haben eine Rah­men­hand­lung und eine Bin­nen­er­zäh­lung, und beide Erzähler sind klar sichtbar, weil beide ein „Ich“ sind.

Wei­terhin haben wir den Fall einer Iden­tität der Seins­be­reiche von Erzähler und Figuren. – Mehr noch: Beide Erzähler befinden sich nicht nur in der­selben Welt wie die Figuren, son­dern sind gleich­zeitig auch die Prot­ago­nisten ihrer jewei­ligen Geschichten. Bei Schwarz, dem „Ich“ der Bin­nen­er­zäh­lung, muss man aller­dings anmerken, dass das „Ich“ sehr erzäh­lend ist und die Erzäh­lung durch all­ge­meine Refle­xionen unter­bricht. Damit haben wir bei Schwarz eine klar sicht­bare zeit­liche Distanz zum Geschehen.

In Bezug auf die Per­spek­tive haben wir es über­wie­gend mit der Innen­per­spek­tive zu tun. Durch den Erzähler der Rah­men­hand­lung haben wir aber auch eine Außen­per­spek­tive auf die Geschichte von Schwarz, denn der Ich-Erzähler stellt Fragen und macht Kom­men­tare eines Außen­ste­henden, der aber zum Teil viele ähn­liche Dinge erlebt hat. Ein Bei­spiel dafür ist diese Stelle hier:

„»Mein Ent­schluß, offen über die Grenze zu gehen, hatte etwas in mir befreit«, sagte Schwarz. »Ich fürch­tete mich plötz­lich nicht mehr. Ein Poli­zist auf der Straße ließ mein Herz nicht mehr sto­cken; er gab mir noch einen Schock, aber einen milden, gerade stark genug, daß mir im nächsten Moment meine Frei­heit um so mehr bewußt wurde.«
Ich nickte. »Das erhöhte Lebens­ge­fühl durch die Gegen­wart der Gefahr. Aus­ge­zeichnet, solange die Gefahr nur den Hori­zont belebt.«“
Kapitel 9.

Wir haben hier also einen Josef Schwarz, der über seine Gefühle spricht, und ein „Ich“, das diese Gefühle von Außen iden­ti­fi­ziert, benennt und kom­men­tiert.

Trägt man diese Beob­ach­tungen als Punkte im Typen­kreis ein, haben wir ein erle­bendes Ich, ein erzäh­lendes Ich und ein Ich als Zeuge. Schwarz fun­giert dabei als das erle­bende Ich in der Bin­nen­er­zäh­lung und gleich­zeitig als das erzäh­lende Ich, das diese Erzäh­lung wie­der­gibt. Das „Ich“ der Rah­men­hand­lung ist eben­falls ein erle­bendes Ich, aber im Gegen­satz zu Schwarz lässt es sich die zeit­liche Distanz zum Geschehen nicht all­zu­sehr anmerken. Dafür aber fun­giert „Ich“ als Zeuge dessen, wie Schwarz seine Geschichte erzählt: Er beob­achtet Schwarz und inter­pre­tiert seine Worte und Hand­lungen.

"Die Nacht von Lissabon" von Erich Maria Remarque

Ana­lyse der Nacht von Lis­sabon nach Genette

Hier stellt man zunächst fest, dass der Ich-Erzähler der Rah­men­hand­lung grund­sätz­lich intern foka­li­siert ist: Er erzählt zwar in der Ver­gan­gen­heits­form, aber er macht keine Vor­aus­deu­tungen, was später pas­sieren wird. Statt­dessen ver­folgt der Leser nur das, was der Ich-Erzähler gerade erlebt.

Aller­dings, wie bei Stanzel gerade ange­merkt, hat der Ich-Erzähler auch eine Außen­sicht bzw. eine extern foka­li­sierte Sicht auf Schwarz und dessen Geschichte. Wie gesagt, er beob­achtet ihn von Außen und zieht seine Schlüsse:

„Ich ver­stand den Mann nicht.“
Kapitel 1.

Bei Schwarz selbst liegt eine variable Foka­li­sie­rung vor: Bei kon­kreten Szenen, die den Groß­teil seiner Erzäh­lung aus­ma­chen (zum Bei­spiel: Dia­loge), ist die Foka­li­sie­rung intern. Aber dadurch, dass Schwarz seine Erleb­nisse kom­men­tiert, Erklä­rungen rein­bringt, aus zeit­li­cher Distanz reflek­tiert und auch andeutet, was später pas­siert … Durch das alles schleicht sich auch eine Null­fo­ka­li­sie­rung mit ein:

„[Schwarz:] Vor der Flucht hatte sie [Helen] mir ver­spro­chen, sich von mir scheiden zu lassen. Es sollte ihr Schwie­rig­keiten ersparen. Einige Jahre glaubte ich auch, sie hätte es getan.“
Kapitel 1.

Schwarz sagt das ganz zu Anfang – zu einem Zeit­punkt, wo der Schwarz in der Bin­nen­er­zäh­lung noch gar nicht wusste, dass seine Frau sich nicht hat von ihm scheiden lassen. Aber der Schwarz, der die Geschichte erzählt, weiß es und deutet es an dieser Stelle an.

In Bezug auf die Stimme ist der Roman weniger kom­pli­ziert: Es liegt bei beiden Erzäh­lungen eine spä­tere Nar­ra­tion vor und wir haben ganz klar eine int­ra­die­ge­ti­sche Ebene mit der Rah­men­er­zäh­lung und eine meta­die­ge­ti­sche Ebene mit der eigent­li­chen Geschichte von Schwarz. In Bezug auf homo- und hete­ro­die­ge­tisch kann man klar sagen, dass wir hier eine auto­die­ge­ti­sche Erzäh­lung in einer auto­die­ge­ti­schen Erzäh­lung haben.

Die Wir­kung des ver­schach­telten Ich-Erzäh­lers

Wo der Roman im „tech­ni­schen“ Sinne also am span­nendsten ist, ist die Foka­li­sie­rung. So, wie sie von Remarque gehand­habt wird, hat sie den Effekt, dass die meta­die­ge­ti­sche Erzäh­lung aus unter­schied­li­chen Per­spek­tiven (erzähltes Ich, zeit­liche Distanz, andere Person) erzählt wird. Die Ich-Erzähl­si­tua­tion an sich ermög­licht dabei sehr intime Ein­blicke in die Geschichte. Gleich­zeitig ermög­li­chen die zeit­liche Distanz und die Anwe­sen­heit einer anderen Person die Ein­ord­nung der Erzäh­lung in grö­ßere Kon­texte wie Geschichte, Emi­gra­tion und so weiter …

Weil zwei auto­die­ge­ti­sche Erzähler vor­liegen, lassen sich die intra- und die meta­die­ge­ti­sche Ebene kaum von­ein­ander unter­scheiden. – Auf den ersten Blick nur anhand der Anfüh­rungs­striche der wört­li­chen Rede (dop­pelte Anfüh­rungs­striche bei der int­ra­die­ge­ti­schen Ebene, ein­fache Anfüh­rungs­striche bei der meta­die­ge­ti­schen). Dadurch wirkt es so, als würden die beiden Ich-Erzähler mit­ein­ander ver­schmelzen. Die Geschichte von Schwarz wird Teil der Geschichte des Ich-Erzäh­lers der Rah­men­hand­lung. Und damit kommen wir zurück zum Thema der ver­erbten Iden­tität …

Die Ver­knüp­fung der Erzähl­per­spek­tive mit der zen­tralen Meta­pher

In Kapitel 1 fragt Schwarz den Ich-Erzähler: „Glauben Sie an ein Wei­ter­leben nach dem Tode?“ Schwarz selbst glaubt nicht daran, aber am Ende des Romans ent­hüllt er, warum er seine Geschichte wei­ter­geben will:

„Jemand muß es halten! Es soll nicht fort sein! Wir sind nur noch zwei. Bei mir ist es nicht sicher. […] mein Gedächtnis wird die Erin­ne­rung zu zer­stören ver­su­chen. […] Schon in einigen Wochen könnte ich Ihnen das nicht mehr erzählen, was ich Ihnen heute erzählt habe. […] In Ihnen bleibt es unver­fälscht, weil es für Sie nicht gefähr­lich ist.“
Kapitel 18.

Zwar mag Schwarz in Bezug auf Men­schen nicht an ein Wei­ter­leben nach dem Tode glauben, aber er ver­sucht seine Erin­ne­rung wei­ter­leben zu lassen – wenn auch in einem anderen Men­schen. Er gibt sie zusammen mit dem Pass weiter.

Inter­es­san­ter­weise bleibt die ver­erbte Iden­tität tat­säch­lich bis zu einem gewissen Grad haften. Der Ich-Erzähler beob­achtet:

„Son­der­ba­rer­weise begann ich mich für Malerei zu inter­es­sieren, die ich früher kaum beachtet hatte – als wäre das eine Erb­schaft des fernen toten Ur-Schwarz. Ich dachte auch oft an den anderen, der viel­leicht noch lebte, und beide ver­mischten sich zu einem geis­ter­haften Rauch, den ich manchmal um mich zu spüren glaubte, als habe er Ein­fluß auf mich, obschon ich doch wußte, daß es Unsinn war.“
Kapitel 18.

Fazit

Am Ende lassen sich vor allem zwei Punkte fest­halten:

Durch den Dialog zwi­schen zwei Ich-Erzäh­lern gelingt Remarque eine meis­ter­hafte Ver­bin­dung von Inti­mität und Pan­orama: Die Erin­ne­rung, das Thema Migra­tion und Flucht, wird auf ein­drucks­volle Weise kon­ser­viert.

Außerdem spie­gelt die Erzähl­per­spek­tive auch die Ver­er­bung einer Iden­tität und die grau­same Wahr­heit aus dem ersten Kapitel:

„Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr; ein gül­tiger Paß alles.“

2 Kommentare

  1. Ich habe nicht eine direkte Frage zu ihrem inter­es­santen Artikel! Und den­noch möchte voran noch Ihnen für ihre tolle Arbeit loben 😊
    Sollte oder Kann man in einem typi­schen Gen­re­roman, wie zum Bei­spiel in einem Cozy Mys­tery Kri­mi­nal­roman eine Binnen. und Rah­men­hand­lung ein­fügen. Mein Haupt­plot habe ich schon fertig. Bin nur jetzt. fast schon am Ver­zwei­feln, an der Hand­lung des Erzäh­lers 🤔 Viel­leicht konnen Sie mir ein Tipp geben. Vielen lieben Dank! 🙋‍♂️🌈📖🚀💫😊👍

    Oliver
    1. Herz­li­chen Dank fürs Lob! 😊
      Was die Frage angeht, so kann es da keine all­ge­mein­gül­tigen Tipps geben. Es kommt eben immer auf das indi­vi­du­elle Kon­zept an. Ganz ober­fläch­lich kann ich an dieser Stelle daher nur auf meinen Artikel über nar­ra­tive Ebenen (nach Genette) ver­weisen. Da bespreche ich das Wich­tigste zum Thema Rahmen- und Bin­nen­er­zäh­lungen. Und ansonsten gäbe es auch noch die Mög­lich­keit, eine Autoren­be­ra­tung bei mir zu buchen. Da könnten wir uns die Geschichte ganz indi­vi­duell angu­cken.

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