Heldengruppen

Heldengruppen

Manche Herausforderungen sind zu groß für einen Einzelkämpfer. Und deswegen stellt sich ihnen nicht nur ein Held, sondern ein ganzes Team von Helden, die zusammenarbeiten und sich gegenseitig ergänzen. Wie macht man eine solche Heldengruppe also interessant? Wie entstehen spannende teaminterne Konflikte? Und wie hängt das mit dem zentralen Thema der Geschichte zusammen?

Der Held einer Geschichte ist nicht immer auf sich allein gestellt. Oft steht ihm eine Gruppe von Verbündeten zur Seite, die ihn durch ihre individuellen Eigenschaften ergänzen und für eine interessante Gruppendynamik sorgen. Und manchmal gibt es auch keinen einzigen zentralen Helden, sondern die Geschichte gehört mehreren Helden gleichermaßen.

Über ein gutes Zusammenspiel von Figuren haben wir bereits in einem früheren Artikel gesprochen. Doch da ging es eher um Protagonisten, Verbündete, Opponenten und Subplot-Figuren. Heute befassen wir uns spezieller mit dem Protagonisten und seinen engsten Verbündeten bzw., wie gesagt, mit einer Gruppe von mehreren Protagonisten.

Wie erschafft man also ein vielseitiges Team? Wie kreiert man interessante teaminterne Konflikte? Und wozu überhaupt eine Heldengruppe?

Darüber sprechen in diesem Artikel.

Der Zweck von Heldengruppen

Innerhalb der Geschichte selbst bildet sich ein Team aus denselben Gründen, aus denen Menschen auch im realen Leben zusammenarbeiten:

Sie verfolgen ein gemeinsames Ziel, das zu groß ist, um es allein anzugehen: Jeder bringt seine individuellen Fähigkeiten mit, sie ergänzen sich gegenseitig und sind zusammen stärker, intelligenter und handlungsfähiger als ein Mensch allein es je sein könnte.

So oder so ähnlich. Denn Teams sind extrem unterschiedlich. Von einer Gruppe von Fremden, die zufällig gemeinsam in einer misslichen Situation stecken und zusammenarbeiten müssen, um die missliche Situation zu überleben, bis hin zu sorgfältig zusammengestellten Heldenteams, die die Welt retten sollen, ist alles möglich.

Wenn man aber als Autor eine Geschichte entwickelt, ist die Zusammenstellung des Teams niemals zufällig. Zumindest, wenn man ein guter Autor ist. Denn um den Artikel über die Figuren-Konstellation kurz zu zitieren:

Eine gute Figuren-Konstellation ist in erster Linie ein Netz von Figuren, die sich durch ihre Ziele, Werte, Schwächen, Bedürfnisse und ihre Rolle innerhalb der Geschichte und innerhalb der fiktiven Welt gegenseitig ergänzen und herausfordern.

Wichtig ist dabei vor allem das zentrale Thema der Geschichte, denn idealerweise verkörpern Nebenfiguren generell und Mitglieder eines Heldenteams ganz besonders verschiedene Aspekte des zentralen Themas:

Wenn die Geschichte sich zum Beispiel darum dreht, dass der Held Fritzchen ein Problem mit Autoritäten hat, würden seine Mitstreiter etwas deplatziert wirken, wenn ihre jeweiligen Subplots nichts damit zu tun hätten. Um also ein organisches, zusammenhängendes Ganzes zu erschaffen, könnte man der Mitstreiterin Lieschen ein Trauma durch ihre autoritären Eltern verpassen, den Mitstreiter Klaus zu einem überzeugten Anarchisten machen und Erna eine Vergangenheit geben, in der sie als Auftragskillerin ihre Aufträge exakt so ausgeführt hat, wie befohlen.

Konfliktpotential

Wie Du sicher ahnst, hat praktisch jedes Thema viele Aspekte, die oft auch im Widerspruch zueinander stehen und dadurch Konfliktpotential liefern. Mische noch ein paar verschiedene Temperamente hinzu – und Du hast eine explosive Mixtur, bei der jede Figur über sich selbst hinauswachsen muss, damit das Team optimal funktionieren und das gemeinsame Ziel erreichen kann:

  • Als Held der Geschichte ist Fritzchen der Anführer der Gruppe, also eine Autorität, obwohl er Autoritäten hasst, und als solche triggert er Lieschens Kindheitstrauma, hat ständig Zoff mit Klaus und kann sich nur auf Erna zu hundert Prozent verlassen, obwohl sie ihm ziemlich große Angst macht. Um ein guter Anführer zu werden, muss er sich also mit seiner Rolle arrangieren und seine Autorität geschickt einsetzen, um für ein friedliches Miteinander zu sorgen und somit eine produktive Zusammenarbeit zu ermöglichen.
  • Lieschen ist eine geniale Hackerin und als solche unheimlich wertvoll fürs Team. Aber wenn ihr Trauma getriggert wird, kann sie sich nicht mehr konzentrieren und macht fatale Fehler. Aus Furcht vor Fritzchens Zorn und Ernas Vorwürfen, nicht professionell genug zu sein, versteckt sie sich hinter Klaus, der Fritzchen seinen Mittelfinger ins Gesicht drückt. Sie muss also lernen, die Vergangenheit vergangen sein zu lassen, und einsehen, dass sie kein machtloses kleines Mädchen mehr ist.
  • Klaus ist durch seine Vergangenheit als Terrorist ein Experte für Sprengstoff und würde Fritzchen, den er hasst, und Erna, die er verachtet, am liebsten in die Luft jagen. Allein das gemeinsame Ziel hält ihn davon ab. Und er merkt auch nicht, dass er Lieschen keinen Gefallen tut, wenn er sie beschützt, denn er bietet ihr eine Möglichkeit, sich vor ihren Problemen zu drücken. Damit das Team also gut funktionieren kann, muss Klaus begreifen, dass Autorität nicht zwangsläufig Tyrannei bedeutet und Fritzchen sein Bestes tut und dass Befehle auszuführen manchmal durchaus sinnvoll ist, zumindest in Situationen, in denen keine Zeit für Diskussionen ist.
  • Erna ist in den Jahren als Auftragskillerin zu einer kalten Maschine verkommen und beurteilt Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit. Obwohl sie Fritzchen widerspruchslos gehorcht, hält sie ihn für einen schwachen Anführer. Lieschen ist in ihren Augen eine Loserin und Klaus ein wahnhafter Träumer, der einfach nicht erwachsen wird. Damit sie mit ihren Mitstreitern als Team funktionieren kann, muss sie das Menschliche in ihnen und in sich selbst akzeptieren, ihren eigenen freien Willen entdecken und ihn auch äußern und außerdem lernen, sich auf emotionale, fehlbare Mitmenschen zu verlassen, so unvorhersehbar sie auch sein mögen. Sie muss also lernen frei zu sein und die Freiheit anderer Menschen zu respektieren.

Dialoge

Eine wichtige Rolle spielen bei den Konflikten vor allem Dialoge. Denn hier geraten die unterschiedlichen Aspekte des zentralen Themas aneinander und können genauer unter die Lupe genommen werden:

  • Während eines Streits begreifen Fritzchen und Klaus, dass ihre Meinungen eigentlich ziemlich dicht beieinander liegen. Denn Fritzchen mag Autoritäten ja auch nicht, aber er muss seine Autorität durchsetzen, damit das Team handlungsfähig ist. Aus dem Rebell Klaus wird plötzlich ein Verbündeter, aus dem Tyrannen Fritzchen ein überforderter, aber im Grunde guter Kerl, der die Individualität eines jeden Teammitglieds in seine Entscheidungen einbeziehen möchte.
  • Durch ihre Interaktionen mit Lieschen begreift Erna, dass sie ihre eigenen Traumata nicht überwunden, sondern nur hinter ihrer absoluten Autoritätshörigkeit versteckt hat. Aus den beiden so gegensätzlichen Damen werden beste Freundinnen, die sich über ihre Traumata austauschen und merken, dass Lieschens Schreckhaftigkeit und Ernas Kälte einfach nur Symptome ein und desselben Problems sind.

Dialoge machen das Ganze auch insofern interessanter, als dass sie in der Regel zeitdeckend sind, d. h. in „Echtzeit“ stattfinden, und daher interessanter zu lesen sind als endloses Gedankenkreisen einer Figur:

Einen Streit zwischen den vier Helden zu lesen, in dem jeder seine eigenen, individuellen Argumente einbringt und zugleich mit seinen Dämonen kämpft, ist einfach viel spannender als ein analytischer Gedankenmonolog Fritzchens, in dem er die Vor- und Nachteile einer bestimmten Strategie abwägt.

Repräsentation

Abgesehen von den verkörperten Aspekten des zentralen Themas, den individuellen Fähigkeiten und dem Konfliktpotential haben viele Geschichten auch noch einen weiteren Unterschiedlichkeitsfaktor, der im World-Building verankert ist:

  • Geht es in Harry Potter zum Beispiel stark um die „Reinblütigkeit“ und „Muggelstämmigkeit“ von Zauberern, dann besteht das goldene Trio aus einem Halbblut (Harry), einem Reinblut (Ron) und einer Muggelstämmigen (Hermine).
  • Geht es im Herrn der Ringe um den Krieg der Freien Völker gegen Sauron, dann repräsentiert die Zusammenstellung der Gefährten jedes der Freien Völker: Menschen, Elben, Zwerge und Hobbits. Plus Zauberer.
  • Geht es in Avatar – Der Herr der Elemente um vier Typen von Elementmagie, dann besteht das Heldenteam aus einem Luftbändiger, einer Wasserbändigerin, einer Erdbändigerin, einem Feuerbändiger und einem Nichtbändiger.

Funktionen der Gruppenmitglieder

Damit ein Team aber wirklich eine Daseinsberechtigung hat, müssen sich die Mitglieder, wie gesagt, durch ihre Fähigkeiten gegenseitig ergänzen. Natürlich kann es viele unterschiedliche Arten von Teams geben und von einer ganzen Kampfeinheit von Soldaten oder einer Schulklasse bis hin zu einem kleinen Team mit stark ausgeprägten individuellen Eigenschaften ist alles möglich. Auch kann ein Team sowohl aus Außenseitern als auch aus Elitekämpfern bestehen. Es kommt immer auf die Geschichte an.

Wichtig ist aber, dass jedes (wichtigere) Gruppenmitglied etwas Einzigartiges beisteuert.

Denn Figuren, die wie Klone voneinander wirken, sind uninteressant, langweilig und daher auch überflüssig. Sie können (und sollten) in der Regel problemlos gestrichen werden.

Orientierungspunkt: Five-Man Band

Ein guter Orientierungspunkt für die Funktionen innerhalb einer Gruppe ist der Topos der Five-Man Band. Diese besteht – wie der Name bereits andeutet – aus fünf Mitgliedern:

  • Der Held / Anführer: Er ist meistens der Protagonist der Geschichte, das Epizentrum des Hauptkonflikts und seine Entscheidungen treiben den Plot voran. Wenn es einen Auserwählten gibt, dass ist er der Auserwählte.
  • Die Kontrastfigur: Sie ist das Gegenteil des Protagonisten und erfüllt oft die Funktion eines Rivalen. Ist der Protagonist ein strahlender Held, ist die Kontrastfigur häufig ein Antiheld. Ist der Protagonist ein Antiheld, ist die Kontrastfigur die Personifikation aller Moral. Jedenfalls hat sie oft einen alternativen Standpunkt und widerspricht dem Helden. Wenn es eine romantische Nebenhandlung gibt, dann konkurrieren der Held und die Kontrastfigur typischerweise um das Herz des Love-Interests. Dennoch sind die beiden die engsten Freunde der gesamten Gruppe. Alternativ kann die Kontrastfigur aber auch der alte, weise Mentor eines jungen, naiven Helden sein. Oder die Vaterfigur des Helden. Oder, oder, oder …
  • Die Kampfmaschine: Rohe Gewalt ist ihre Spezialität. Häufig gebaut wie ein Schrank, erledigt sie, wenn es blutig wird, meistens den Großteil der „Drecksarbeit“. Alternativ kann sie auch ein normal gebauter Waffenspezialist oder ein Ninja sein. Wenn es im Team jemanden gibt, der nicht sehr helle ist, dass ist das meistens die Kampfmaschine.
  • Die Intelligenzbestie: Sie ist ein wandelndes Lexikon, ein grandioser Stratege und/oder ein genialer Wissenschaftler. Sie unterstützt das Team durch Information und Analyse und vorsichtiges, durchdachtes Vorgehen. Sie ist gerne auch für einen guten Teil der Exposition zuständig.
  • Das Sensibelchen: Es ist häufig das schwächste Mitglied des Teams. Zart und emotional, ist es weniger für offensive Aktionen geeignet und kümmert sich eher um den Zusammenhalt der Gruppe. Es leistet den anderen moralischen Beistand und hat manchmal auch Heilfähigkeiten. Traditionell ist das Sensibelchen die einzige Frau in der Gruppe und wenn es ein Liebesdreieck gibt, ist sie der Love-Interest des Anführers und der Kontrastfigur.

So viel zu den archaischen Archetypen. Diese müssen aber natürlich nicht wörtlich umgesetzt werden und dienen – wie gesagt – eher der Orientierung. So gibt es auch Five-Man Bands, die komplett weiblich besetzt sind, und es gibt viele Teams, in denen die Figuren zwar im Grunde den Archetypen entsprechen, aber dennoch interessante und vielschichtige Persönlichkeiten haben.

Beim Topos der Five-Man Band kommt es vielmehr darauf an, welche Funktionen in einem Team auf die eine oder andere Weise abgedeckt sein sollten:

Ein Team braucht einen Anführer, jemanden, der mit dem Anführer diskutiert, einen Kampfspezialisten, einen Denker und einen Psychotherapeuten bzw. einen Arzt oder Heiler.

Abweichende Teams

Diese Funktionen müssen auch nicht unbedingt auf fünf verschiedene Figuren verteilt sein, sondern eine Figur kann mehrere Funktionen erfüllen oder mehrere Figuren können Teilfunktionen übernehmen:

  • Sowohl die ehemalige Auftragskillerin Erna als auch der Sprengstoffexperte Klaus erfüllen die Kämpferfunktion. Ihre Spezialisierungen sind jedoch komplett unterschiedlich: Klaus ist für Massenzerstörung zuständig und Erna wird eher eingesetzt, wenn die Gegner still außer Gefecht gesetzt werden müssen.
  • Die Hackerin Lieschen wiederum vereint in sich den Archetyp der Intelligenzbestie und des Sensibelchens. Nur, dass sie zumindest zu Beginn der Geschichte keine gute Psychotherapeutin ist. Vielmehr ist es Fritzchen, der in diese Rolle hineinwachsen muss, um seine Teammitglieder zu verstehen und ein guter Anführer zu sein.

Je nach Geschichte können einzelne Funktionen natürlich auch komplett wegfallen oder sich in anderer, nicht kämpferischer Weise äußern. Wenn es beispielsweise um eine Rockband geht, dann wird die zuschlagende Kampfmaschine eben zum Schlagzeuger. Deiner Kreativität sollen keine Grenzen gesetzt sein. Solange jedes Teammitglied etwas Einzigartiges beiträgt, ist alles in Ordnung.

Gleichberechtigte Protagonisten

Was ist aber, wenn es mehrere Protagonisten gibt? Sie können ja nicht alle Anführer sein. Und das müssen sie auch nicht: Wenn die Figuren interessant und gut herausgearbeitet sind, dann fallen ihre archetypischen Funktionen innerhalb des Teams weniger auf.

Beachte dabei allerdings, dass mehrere gleichberechtigte Protagonisten den Schwierigkeitsgrad beim Schreiben drastisch erhöhen: Denn bei einem Protagonisten reicht es in der Regel aus, wenn er allein eine interessante Entwicklung – beispielsweise eine Heldenreise – durchmacht. Wenn Du aber mehrere gleichberechtigte Protagonisten hast, dann musst Du dementsprechend auch mehrere Charakterentwicklungen jonglieren und interessant halten.

  • Was dabei hilft, ist ein episodischer Plot, bei dem viele kleinere Geschichten erzählt werden und der Schwerpunkt von einer Figur zur anderen wandert. Oder eine Struktur, bei der jede Figur ihr eigenes Kapitel bekommt. Es geht einfach darum, sich als Autor nicht auf das Innenleben aller Figuren gleichzeitig konzentrieren zu müssen. Es ist jedoch nur eine Hilfestellung und die Erzählung muss nicht unbedingt so gehandhabt werden.
  • Eine andere interessante Herangehensweise ist, die Figuren bewusst in Archetypen zu pressen, damit sie später daraus ausbrechen können. So bekommt der Leser sehr schnell einen ersten Überblick, wer wer ist, und lernt die Figuren im Verlauf der Geschichte besser und vor allem als vielschichtige Individuen kennen.

Doch welchen Weg Du auch wählst:

Achte bei gleichberechtigten Protagonisten besonders stark darauf, dass sie unterschiedlich sind. Dass ihre Perspektiven sich unterschiedlich lesen. Überhaupt musst Du in einem solchen Fall mit der Erzählperspektive besonders sorgfältig arbeiten. Doch dazu mehr in einem anderen Artikel.

Sonderfall: Zweiergespann

Ein besonderer Fall liegt vor, wenn das Team nur aus zwei Leuten besteht: Das kann ein Liebespaar sein, zwei Freunde oder sogar Familienmitglieder. Hauptsache zwei Leute. Denn sie bilden die primäre Opposition, den zentralen Konflikt, und alle anderen Konflikte sind sekundär.

Beim Zweierteam geht es mehr als bei allen anderen Gruppentypen um die Beziehung. Denn vergleiche:

  • Teams wie in Avatar – Der Herr der Elemente, wie die Gefährten im Herrn der Ringe oder wie die Musketiere von Dumas kämpfen in der Regel gegen äußere Opponenten. Sie haben ihre inneren Oppositionen, doch der primäre Konflikt liegt meistens außerhalb des Teams.
  • In Goofy – Der Film geht es um die Beziehung zwischen Goofy und seinem Sohn Max. In den Filmen mit Bud Spencer und Terence Hill geht es jedes Mal um ein anderes Abenteuer, doch der „Star“ eines jeden dieser Filme ist die Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren und die äußeren Konflikte sind nur ein Vorwand, um die beiden zusammen in Aktion zu sehen. Und Fifty Shades of Grey wäre nicht ansatzweise so erfolgreich geworden, wenn es nicht primär um die Opposition zwischen Ana und Christian ginge bzw. um ihre verschiedenen Vorstellungen von einer Liebesbeziehung.

Das ist aber natürlich keine Regel, sondern nur eine Beobachtung meinerseits. Natürlich gibt es auch Geschichten, in denen es primär um die Beziehung zwischen drei Figuren geht, und solche, in denen zwei Protagonisten ohne interne Konflikte einen äußeren Feind besiegen. Ich bilde mir nur ein, eine Tendenz zu beobachten, die oft tatsächlich zu einem besseren – oder zumindest erfolgreicheren – Ergebnis führt.

HeldengruppenStützen kann ich mich im Übrigen auch auf John Truby, der in The Anatomy of Story empfiehlt, das Duo als Hälften eines Protagonisten zu gestalten und den beiden Hauptfiguren grundverschiedene Vorstellungen vom Leben und unterschiedliche Fähigkeiten zu geben.

Idealerweise sind sie also Verbündete und Opponenten zugleich, im Konflikt miteinander und ziehen doch am selben Strang. Sie ergänzen sich gegenseitig und sind als Ganzes stärker und interessanter als jeder für sich allein.

Teams und Persönlichkeiten

Wenn es aber um Beziehungen geht, stellt sich auch schnell die Frage nach Persönlichkeitstypen und ihrer Kompatibilität. Allerdings muss ich Liebhaber von Persönlichkeitsmodellen ziemlich enttäuschen,

denn der Persönlichkeitstyp, das Sternzeichen oder was auch immer bestimmt nicht, wie zwei Menschen miteinander auskommen. Vielmehr kommt es darauf an, wie die beiden Individuen mit ihren speziellen Unterschieden umgehen.

Und das kann sehr unterschiedlich ausfallen: Ein Mensch kann alle, die nicht so ticken wie er selbst, mit Vorurteilen zukleistern oder aber die Stärken anderer Menschen schätzen. Das hängt stets vom Individuum selbst und seiner Vorgeschichte ab.

Du kannst natürlich die Persönlichkeitstypen Deiner Figuren ermitteln und recherchieren, wie sie typischerweise miteinander auskommen müssten.

Doch diese Beschreibungen von Beziehungen zwischen den verschiedenen Persönlichkeitstypen sind in der Regel sehr allgemein und können und sollten nicht unhinterfragt auf reale Menschen oder komplexe fiktive Figuren angewendet werden. Sie bieten höchstens Anregungen, wie die Dynamik zwischen zwei Figuren aussehen könnte. Was Du davon umsetzt und wie, bleibt allein Dir überlassen.

Ähnliches lässt sich auch über die Kombination von Persönlichkeitstypen und bestimmten Funktionen innerhalb der Gruppe sagen. Wie Du bereits gemerkt hast, sind die Archetypen innerhalb der Five-Man Band oft mit bestimmten Klischees belastet. Sicherlich sind auch die meisten Intelligenzbestien, die Du kennst, introvertierte Brillenträger und die meisten Kampfmaschinen etwas dümmliche Riesen. Das muss aber nicht so sein: Das Sensibelchen der Gruppe kann auch ein badassiger Kämpfer sein und die Intelligenzbestie ein extravertierter Witzbold.

Setze Dir selbst also bitte keine Schranken!

Beobachte lieber, welche Grundzüge sich beim Konzipieren der Geschichte abzeichnen, und nutze die Persönlichkeitstypologien für die Detailarbeit:

Wenn ich zum Beispiel bestimmt habe, dass Lieschen Angst vor Autoritäten haben soll, dann kann ich mir als Ursache ein entsprechendes Trauma ausdenken. Und dann kann ich mir überlegen, welche Charaktereigenschaften sie mitbringen muss, damit das Ganze funktioniert: So hat sie sich von ihren Eltern unterdrücken lassen, während manche anderen Kinder eher rebellieren. Daher wird sie von ihrer Grundkonfiguration her wahrscheinlich nachgiebig und kompromissbereit sein. Ab hier kann ich mir die verschiedenen Persönlichkeitstypen, Sternzeichen etc. anschauen und mich zu kleineren Charakterdetails inspirieren lassen. Zum Beispiel könnte ich mir überlegen, ob sie vom Sternzeichen her nicht Jungfrau sein könnte, biegsam und anpassungsfähig, eher ruhig und sehr gewissenhaft und genau. Letzteres könnte ein wichtiger Faktor sein, warum sie eine so gute Hackerin ist: Ihr entgeht einfach kein Detail, kein Schlupfloch, kein Hintertürchen. Die anderen Teammitglieder mögen ihr mit Vorurteilen begegnen und ihr aufgrund von ihrer stillen, schüchternen Art die Kompetenz absprechen, aber ihr aufmerksames Auge entdeckt in Fritzchens Plan einen entscheidenden Fehler, der das Team das Leben kosten würde. Dieser Moment könnte der Punkt sein, an dem die anderen an ihren Vorurteilen zu zweifeln beginnen. Lieschen selbst könnte dadurch ihren Wert fürs Team entdecken und ein wenig Selbstbewusstsein gewinnen.

Die individuellen Details einer Persönlichkeit sind im Übrigen auch das beste Mittel gegen Klischees. Benutze ruhig Archetypen, um die allgemeine Richtung der Persönlichkeit einer Figur zu bestimmen. Nutze sie für das „Skelett“. Doch mache das „Fleisch“ individuell:

Gib der Figur eine interessante Hintergrundgeschichte, statte sie mit einer individuellen Motivation, höchst eigenen Schwächen, einem tiefen inneren Bedürfnis und einer spannenden Entwicklung aus. Soll heißen: Gib ihr Schichten, Facetten, eine glaubwürdige Persönlichkeit.

Fazit

Wir halten also fest:

Heldengruppen sind ein gutes Tool, um ein Thema vielseitig zu betrachten und spannende Konflikte und Entwicklungen einzubauen. Außerdem kann eine Gruppe von unterschiedlich ausgestatteten und begabten Helden größere Herausforderungen meistern als ein Einzelkämpfer.

Um nun als Autor ein interessantes Team zu kreieren, sind folgende Schritte denkbar:

  • 1. Arbeite ein zentrales Thema heraus.
  • 2. Wähle Aspekte des Themas, die Du näher beleuchten möchtest, und mache für jeden Aspekt einen groben Entwurf für eine Figur.
  • 3. Gib jeder Figur eine interessante Persönlichkeit, eine Hintergrundgeschichte, eine nachvollziehbare Motivation etc.
  • 4. Arbeite die Widersprüche zwischen den Figuren und den Teilaspekten des Hauptthemas, die sie repräsentieren, heraus und verarbeite sie zu Konflikten.
  • 5. Löse die Konflikte im Verlauf der Handlung auf. Weil die Figuren ja Aspekte des zentralen Themas repräsentieren, werden ihre Konflikte und deren Auflösung automatisch zu einer Diskussion des zentralen Themas.

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