Sympathische Figuren erschaffen

Sympathische Figuren erschaffen

Beim Rezipieren von Geschichten begegnen wir verschiedenen Figuren. – Und manche sind uns dabei sympathischer als andere. Wenn wir dann selbst Geschichten schreiben, wollen wir die Sympathien der Leser oft steuern. Denn schließlich sollen die Leser doch mehr mit dem Helden sympathisieren als mit dem Bösewicht und den Love Interest der Hauptfigur ebenfalls attraktiv finden. Wie stellen wir das also an? In diesem Artikel gebe ich einige Anregungen.

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel über das Verlieben in fiktive Figuren veröffentlicht. Daraufhin kamen gleich mehrere Fragen nach Tipps, wie man es denn überhaupt hinbekommt, dass die Leser sich in eine bestimmte Figur verlieben.

Auch ich finde das Thema unglaublich spannend – und zwar nicht nur im Hinblick auf das Verlieben, sondern auch auf Sympathien ganz allgemein. Denn manchmal wollen wir als Autoren die Sympathien der Leser bewusst steuern, um einen bestimmten emotionalen Effekt zu erzielen. Sei es ein Mitfiebern mit dem Helden oder Freude darüber, dass die Hauptfigur am Ende mit einem Love Interest zusammenkommt, den auch die Leser selbst gewählt hätten.

Reden wir also darüber, wie man Figuren erschafft, die Lesersympathien auf sich ziehen. Und weil diese Frage zum Teil auch damit zusammenhängt, wie man das Gegenteil bewirkt, also Antipathie hervorruft, wird das Ganze ein Zweiteiler. – Heute mit Teil 1, in dem es um das Erwecken von Sympathien geht. In Teil 2 werden wir uns mit dem Erwecken von Antipathie befassen.

Sympathie und Empathie

Beginnen wir mit einer Behauptung, der, wie ich denke, wir alle zustimmen können:

Wenn Figur A jemand ist, mit dem man im realen Leben gerne befreundet wäre, und Figur B jemand, vor dem man in der Realität schreiend weglaufen würde, dann ist es erstmal wahrscheinlicher, dass die Mehrheit der Leser Figur A sympathischer finden wird.

Natürlich ist das keineswegs eine in Stein gemeißelte Regel, sondern ein Anlass zu überlegen, welche Eigenschaften Menschen normalerweise sympathisch finden.

Perfektion ist nicht perfekt

Und natürlich ist da zunächst die breite Palette an von der Allgemeinheit als positiv bewerteten Charaktereigenschaften:

  • Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Optimismus, Güte …

Das Problem mit diesen Eigenschaften ist nun, dass zu viele von ihnen durchaus in der Lage sind, die Suppe zu versalzen. Wir akzeptieren übermäßige Güte und Perfektion vielleicht bei Märchenhelden, aber sobald es etwas realistischer wird, geht es auch gerne nach hinten los. Denn übermäßig perfekte Figuren laufen besonders schnell Gefahr, als Mary Sue betitelt zu werden.

Kein realer Mensch der Welt ist durch und durch gut und perfekt.

Und es geht dabei nicht unbedingt um Minderwertigkeitskomplexe angesichts von (zumindest vermeintlicher) Perfektion, sondern vor allem darum, dass übermäßig perfekte Figuren so weit weg von unserem Leben sind, dass wir keine wirkliche Bindung zu ihnen aufbauen können.

Bestseller-Figuren

Sympathische Figuren erschaffenIn einem früheren Artikel habe ich die Erkenntnisse von Jodie Archer und Matthew L. Jockers zusammengefasst, die anhand von einem Computer-Algorithmus (Der Bestseller-Code) u.a. ermittelt haben, welche Eigenschaften die Protagonisten von Bestsellern gemeinsam haben. – Und wenn ein Buch sich gut verkauft, dann können wir annehmen, dass die Figuren darin sympathisch genug sind, um die Leser zumindest nicht in die Flucht zu schlagen.

Was hat der Algorithmus nun also ergeben? Ich fasse ganz kurz zusammen:

  • Bestseller-Protagonisten nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie ergreifen aktiv die Initiative, verfolgen ihre Ziele und treiben damit die Handlung voran.
  • Häufig nutzen sie dazu eine besondere Gabe. Das können übernatürliche Fähigkeiten sein, aber auch spezielles Fachwissen, Talente und Intelligenz zählen dazu.

Sympathische Unsympathen

Sympathische Figuren erschaffenInteressant ist hierbei auch der Blick in ein anderes Buch, nämlich The Anatomy of Story von John Truby. In Bezug auf Sympathien sagt er klar und deutlich:

“Make the audience empathize with your hero, not sympathize.”
John Truby: The Anatomy of Story, Chapter 4: Character, Creating Your Hero.

… Huch? Und wie passt das jetzt zum Thema dieses Artikels? Nun, Truby selbst erklärt seine Einstellung folgendermaßen:

“[S]ome of the most powerful heroes in stories are not likable at all. Yet we are still fascinated by them. […] What’s really important is that audiences understand the character but not necessarily like everything he does.”

Truby trennt klar zwischen Empathie und Sympathie – und ich denke, genau das ist der Kern des Problems:

Es gibt einen gravierenden Unterschied zwischen dem, was wir bei richtigen Menschen mögen, und dem, was wir bei fiktiven Figuren mögen.

Im Rahmen eines fiktiven Werkes können wir mit Gestalten wie Michael Corleone mitfiebern. – Aber ich bin mir nicht sicher, wie viele von uns gerne einem realen Mafiapaten begegnen würden.

Womit wir wieder bei den von der Allgemeinheit als positiv bewerteten Charaktereigenschaften vom Anfang wären. Denn selbst wenn wir Empathie und Faszination für eine Figur empfinden, heißt das nich lange nicht, dass wir sie als Person bewundern und uns von ihr inspiriert fühlen.

John Truby verrät uns, wie wir gute Figuren erschaffen, für deren Schicksal sich das Publikum interessiert. Wenn wir aber dazu auch noch wollen, dass das Publikum die Figur als Person mag, müssen gute Charaktereigenschaften her. Diese aber nur in Maßen. Denn, wie gesagt, Mary Sues schrecken ab, und außerdem wird fiktiven Figuren, wenn man ihre Beweggründe versteht, sowieso mehr verziehen als realen Menschen:

Denn ja, Michael Corleone entwickelt sich am Ende zum Mafiaboss, aber wir können seine Motivation nachvollziehen und er sammelt im Verlauf der Geschichte durch seine guten Eigenschaften einiges an Sympathiepunkten.

Wichtige Schattenseiten

Eine wichtige Rolle beim Erschaffen von Figuren spielt laut Truby tatsächlich eine Schwäche und die daraus resultierende Notwendigkeit, sich zu entwickeln. Denn das ist es, was eine gute Geschichte ausmacht: eine Charakterentwicklung. Ist der Protagonist von Anfang an perfekt, gibt es keinen Raum für Entwicklung und es ist somit schwierig, eine interessante Geschichte zu erzählen.

Und damit kommen wir zurück zu den Bestseller-Protagonisten, die tatsächlich gut zu Trubys Modell passen. Denn zusammen ergeben sie ein ziemlich präzises Bild von einer Hauptfigur, deren Geschichte man gerne verfolgt und mit der man mitfiebert:

Diese Figur hat einen Mangel und muss an sich selbst oder ihrer Situation etwas ändern. Also ergreift sie Initiative, handelt und macht dabei eine Entwicklung durch.

Die Rolle der Präsentation

Nun ist die Theorie ja schön und gut – aber was die Praxis angeht, so habe ich ein konkretes Beispiel, über das ich mir seit Jahren den Kopf zerbreche.

Ein verhasster Protagonist

Sympathische Figuren erschaffenWie Du sicherlich bereits mitbekommen hast, spiele ich hin und wieder Videospiele. Dabei empfinde ich eine besondere Faszination für die Assassin’s Creed-Reihe. Mein persönlicher Lieblingsassassine ist dabei Ratonhnhaké:ton, besser bekannt als Connor, der Protagonist von Assassin’s Creed III. – Und damit bin ich eine ziemliche Ausnahme, denn im AC-Fandom ist Connor eher unbeliebt:

Viele finden ihn langweilig, sind von seinen Wutanfällen genervt und empfinden ihn als naiv.

Dabei passt er durchaus in das Schema eines idealen Protagonisten:

Der traumatische Verlust seiner Mutter und die Bedrohung der Mohawk durch die weißen Siedler haben ihn zu einem eher verschlossenen, aber auch extrem idealistischen Zeitgenossen gemacht, womit er bei anderen häufig aneckt. Er verfolgt aktiv das Ziel, den Lebensraum seines Volkes zu schützen, lässt sich zu diesem Zweck zum Assassinen ausbilden und mischt im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg mit. Dabei geht sein Idealismus Hand in Hand mit ungeheuerlicher Naivität, die wohl seine größte Schwäche darstellt. Letztendlich wird er an vielen Fronten verraten, scheitert und muss einsehen, dass seine Ideale nicht so leicht umzusetzen sind.

Soweit zumindest die deprimierende Hauptstory

Heimlich sympathisch

Nun ist Assassin’s Creed III aber nicht einfach eine lineare Geschichte, sondern ein Videospiel voller Nebenmissionen und Teil eines Franchises, das auch andere Medien umfasst. Und schaut man über den Tellerrand der Hauptstory hinaus, bietet sich plötzlich ein viel positiveres und vielschichtigeres Bild:

Während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs hat Connor unzählige Menschen gerettet, er hat sie beschützt und ihr Leben in den einzelnen Vierteln von Boston und New York verbessert. Er hat eine Truppe von engagierten Bürgern für die Assassinen-Bruderschaft rekrutiert, die mit ihm zusammen für die Interessen des Volkes kämpfen. Und er hat eine idyllische Siedlung aufgebaut und zumindest in diesem kleinen Rahmen das erreicht, was er sich von der amerikanischen Unabhängigkeit erhofft hat.

Im Roman zum Videospiel findet sich außerdem ein Monolog, der aus dem Spiel leider herausgeschnitten wurde: Darin sieht Connor zwar ein, dass seine Ideale nicht so leicht umzusetzen sind, und er zweifelt, dass er die Welt, die er erschaffen will, jemals sehen wird. Aber er will trotzdem die Hoffnung nicht aufgeben und weiterkämpfen. Damit schlägt er einen völlig anderen Pfad ein als sein Vater, der sich nach seinen eigenen Erlebnissen von Verlust und Verrat der Resignation hingegeben hat.

Bezieht man wirklich alles ein, was mit Connor zu tun hat, ergibt sich das Bild von einem zwar sehr naiven, zuweilen düsteren und wütenden, aber auch aufrichtigen, äußerst hilfsbereiten, mitfühlenden, pflichtbewussten, friedliebenden und manchmal sogar draufgängerischen Helden, der zwar lernt, dass die Welt ein grausamer Ort ist, aber trotzdem die Hoffnung nicht aufgibt. Denn ja, die Hauptstory ist die Geschichte eines Scheiterns, doch beim genaueren Hinsehen erkennt man, dass Connor auch sehr viel erreicht hat und seine Taten damit nicht umsonst waren. Seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft kommt also keineswegs aus dem Nichts.

Die Moral von der Geschicht’

Warum fasse ich das alles nun so ausführlich zusammen?

Das Spannende an Spielen wie Assassin’s Creed ist, dass der Spieler einige Entscheidungsfreiheit hat, wann er welche Mission spielt. Dadurch ist das Erlebnis der Geschichte von Spieler zu Spieler verschieden. Und das wiederum macht einen äußerst wichtigen Punkt deutlich:

Eine Figur kann noch so toll konzipiert sein – aber wenn das in der Geschichte, die das Publikum erlebt, nicht rüberkommt, ist so ein Konzept nutzlos.

Das bedeutet:

Es reicht nicht, sich eine sympathische, interessante und/oder inspirierende Figur auszudenken, sondern das Konzept muss auch in der Geschichte selbst durch konkrete Szenen umgesetzt werden.

Oft tatsächlich ein Problem

Ja, es klingt selbstverständlich, ist es in der Praxis aber nicht. Wenn die sympathische und inspirierende Seite von Connor in der Hauptstory kaum vorkommt, ist es nicht verwunderlich, wenn viele Spieler ihn eindimensional und langweilig finden.

Bei Prosa-Geschichten gilt das an Connor demonstrierte Prinzip umso mehr. Denn hier ist der Leser dem Verlauf der Handlung ausgeliefert – und was nicht Teil der Geschichte ist, ist eben nicht Teil der Geschichte:

Alles, was der Erzähler behauptet, muss durch die Handlung belegt werden.

Die Figur und der Leser

Nun haben wir also eine interessante, vielschichtige Figur, die aktiv ihre Probleme anpackt, und all das kommt in den konkreten Szenen der Geschichte auch gut rüber. – Sind die Sympathien der Leser nun garantiert?

Nicht unbedingt.

Das liegt vor allem daran, dass jeder Leser hochgradig individuell ist. Jeder hat andere Erfahrungen im Leben gemacht und schätzt andere Eigenschaften. Das gilt insbesondere, wenn die Zuneigung der Leser zu einer bestimmten Figur besonders stark sein soll.

Gleichzeitig bedeutet die Individualität der Leser auch, dass die Schattenseiten der bestimmten Figur beim Leser einen Nerv treffen können. Dass die Figur also etwas tut, was der Leser aufgrund seiner bisherigen Lebenserfahrungen unverzeihlich findet. Ich bezweifle, dass es in diesem Fall einen Weg gibt, den Leser doch noch auf seine Seite zu ziehen. Das ginge höchstens mit außergewöhnlich viel Empathie – und dazu braucht man vor allem sehr viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

Es ist also eine ziemliche Gratwanderung:

  • Ich bezweifle, dass die Fifty Shades-Bücher sich einer so großen Popularität erfreut hätten, wenn Christian Grey kein Kontrollfreak wäre. Gleichzeitig gibt es aber auch viele, die seinen Charakter unausstehlich finden.
  • Jack aus James Comerons Titanic scheint perfekt. Vielen ist er sogar zu perfekt und eindimensional. Einen Makel hat er aber trotzdem, wenn auch keinen charakterlichen: Er gehört einer anderen sozielen Schicht an als Rose. Wäre er einfach nur ein anderer reicher Passagier der 1. Klasse, wären gleich mehrere wichtige Konflikte des Films ruiniert.
  • Erik im Musical Das Phantom der Oper ist entstellt und grausam. Aber er ist außerordentlich talentiert, geheimnisvoll und seine Hintergrundgeschichte lädt zum Mitfühlen ein. – Natürlich finden ihn viele interessanter als den platten, eindimensionalen Raoul.

Das waren nur einige Beispiele. Ich halte eine Figur, die wirklich allen gefällt, daher für sehr unwahrscheinlich. Vielmehr würde ich dazu raten, sich beim Erwecken von Lesersympathien tatsächlich an seiner Zielgruppe zu orientieren.

In mehreren früheren Artikeln habe ich betont, dass es keine perfekten Geschichten gibt, sondern nur Geschichten, die für eine bestimmte Zielgruppe perfekt sind.

Dasselbe gilt auch für Figuren:

Während eine Figur, die allen gefällt, sehr unwahrscheinlich ist, ist eine Figur, die einer bestimmten Gruppe von Menschen mit ähnlichem Geschmack und womöglich ähnlichen Erfahrungen im Leben gefällt, durchaus machbar.

Für wen schreibst Du also Deine Geschichte? Welche Geschichten lesen Deine Leser sonst noch? Welche Figuren mögen sie in diesen Geschichten und warum? Die Antworten dürften bei jeder Zielgruppe etwas anders ausfallen. Daher ist es wichtig, dass Du mit dem Typ Mensch, für den Du schreibst, möglichst viel Kontakt hast.

(Zwischen-)Fazit

Am Ende halten wir also drei Punkte fest:

  • Erstens braucht die sympathisch zu seiende Figur eine interessante, vielschichtige und vor allem handlungsstarke Persönlichkeit.
  • Zweitens muss diese Persönlichkeit in der Erzählung auch tatsächlich rüberkommen.
  • Und drittens muss die Figur dem speziellen Geschmack der Zielgruppe.

Das war aber natürlich nicht alles. Hier geht’s zur Fortsetzung.

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