Die Moti­va­tion Deiner Figuren

Die Moti­va­tion Deiner Figuren

Figuren sind das Herz einer jeden Geschichte. – Doch was ist in ihren Herzen? Was treibt sie an? Die Figu­ren­mo­ti­va­tion hängt nicht nur mit den zen­tralen Themen der Geschichte und dem Plot zusammen. Vor allem ist sie für die Gefühle in einer Geschichte und für die Katharsis ent­schei­dend. Des­wegen schauen wir uns in diesem Artikel genauer an, was Du dabei bei der Moti­va­tion Deiner Figuren beachten soll­test.

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Wie stark fie­berst Du mit jemandem mit, wenn Du nicht weißt, was diese Person antreibt? – Nicht so stark, oder?

Eine Geschichte wirkt fad, wenn man nicht weiß, was die Figuren moti­viert. Oder wenn diese Moti­va­tion sich platt anfühlt. Wenn es die Figur nicht per­sön­lich, in ihrem tiefsten und innersten Kern trifft.

Aber vor allem hat das Ganze sehr viel mit der Struktur der gesamten Geschichte zu tun:

Die Moti­va­tion Deiner Haupt­fi­guren ist näm­lich ein wich­tiger Faktor für die Qua­lität Deines gesamten Manu­skripts.

Des­wegen werfen wir heute einen genaueren Blick auf die Struktur einer jeden guten Moti­va­tion.

Denn wäh­rend Figuren die unter­schied­lichsten Beweg­gründe haben können: Das Ske­lett dieses Kon­strukts ist fast immer das­selbe.

Ohne Pro­bleme keine Geschichte

Eine gute Geschichte braucht vor allem eins: einen Kon­flikt. Denn Friede, Freude, Eier­ku­chen sorgt nicht für Span­nung.

Damit sollte es die Moti­va­tion einer jeden Haupt­figur sein, den Kon­flikt zu lösen. Und das bedeutet auto­ma­tisch:

Die Haupt­figur sollte aktiv sein!

Die beiden Best­seller-For­scher Jodie Archer und Matthew L. Jockers haben näm­lich beob­achtet, dass Leser lieber Figuren mögen, die etwas errei­chen wollen und bewusst danach han­deln. Was Leser folg­lich nicht mögen, sind Figuren, die ihrer Umwelt aus­ge­lie­fert sind. Figuren, die nur reagieren statt zu agieren. (In einem anderen Artikel behandle ich das etwas aus­führ­li­cher.)

Das ist tat­säch­lich eine häu­fige Stol­per­falle. Und um sie zu umgehen, schlage ich das System von John Truby vor. In seinem Buch The Ana­tomy of Story prä­sen­tiert er zwar ein Kom­plett­system für die Ent­wick­lung einer Geschichte. Doch inner­halb dieses Arti­kels beschränken wir uns auf eine Zusam­men­fas­sung des Teils über die Motive einer Figur. (Wenn Du sein Kon­zept kom­plett ken­nen­lernen möch­test: Das Buch kannst Du unter diesem Link bei Amazon bestellen.)

Ver­schie­dene Arten von Kon­flikten

Nähern wir uns dem Thema am besten mit der viel­leicht wich­tigsten Unter­schei­dung von Kon­flikten:

  • Es gibt Kon­flikte, die rein äußer­lich sind. Zum Bei­spiel:

„Lies­chen hat Hunger, aber der Kühl­schrank ist leer.“

Hier kann die Figur aktiv han­deln und in den Super­markt gehen. Aber sie muss es nicht. Sie kann sich ebenso gut in ihr Zimmer zurück­ziehen und sich selbst bemit­leiden.

  • Viel inter­es­santer sind daher Kon­flikte, die die Figuren ganz per­sön­lich betreffen und zu einer Ent­schei­dung zwingen. Zum Bei­spiel:

„Lies­chen muss abnehmen, aber sie sieht in der Bäckerei einen Donut und will ihn essen.“

Bei dieser zweiten Art von Kon­flikt steht Lies­chen sich durch eine Schwäche selbst im Weg. Um diesen Kon­flikt zu lösen, muss sie also über sich hin­aus­wachsen. Und das ist meis­tens die inter­es­san­tere Art von Kon­flikt. Denn wir alle haben unsere Schwä­chen, die uns im Weg stehen und die wir gerne los­wären. Des­wegen ver­folgen wir die Ent­wick­lung der Haupt­figur viel gebannter.

Und damit nähern wir uns langsam, aber sicher einer kom­ple­xeren Betrach­tung der Moti­va­tion …

Kon­flikt, Ent­schei­dungen und Thema

Im zweiten Kon­flikt­bei­spiel habe ich bereits die Exis­tenz ver­schie­dener Moti­va­tionen ange­deutet:

Einer­seits muss Lies­chen abnehmen, aber ande­rer­seits will sie diesen Donut.

Das, wofür Lies­chen sich letzt­end­lich ent­scheidet, offen­bart die Werte und den Cha­rakter der Figur. Und wenn es sich um die Haupt­figur han­delt, offen­bart es das Thema der gesamten Geschichte:

  • Ent­scheidet Lies­chen sich gegen den Donut, ist das eine inspi­rie­rende Geschichte über Wil­lens­stärke.
  • Gibt Lies­chen sich der Ver­su­chung des Donuts hin, han­delt die Geschichte von mensch­li­chen Schat­ten­seiten.

Was in dem Kon­flikt „Abnehmen vs. Donut“ aber vor allem ange­deutet wird, ist der Unter­schied zwi­schen Ziel, Schwäche und Bedürfnis …

Ziel, Schwäche und Bedürfnis

Truby unter­scheidet zwi­schen desire, weak­ness und need. Andere Autoren benutzen aber auch andere Begriffe. Ich möchte mit deut­schen Wör­tern arbeiten und defi­niere Ziel, Schwäche und Bedürfnis wie folgt:

  • Lies­chens Ziel ist das Abnehmen:
    Zumin­dest ist das ihr Ziel inner­halb der Geschichte. Ihr Ziel im Leben kann ein anderes sein: Viel­leicht will sie ja Best­seller-Autorin werden. Aber für die Geschichte ist dieses Lebens­ziel eher irrele­vant.
    Des­wegen achten wir bei der Ana­lyse nur auf Lies­chens Ziel abzu­nehmen: Denn das ist es, was den Plot über­haupt erst in Bewe­gung setzt. – Was jedoch nicht heißt, dass sie es unbe­dingt erreicht. Viel­leicht tut sie das, viel­leicht schei­tert sie. Und viel­leicht ändert sich ihr Ziel im Ver­lauf der Geschichte und das Abnehmen ver­liert für sie an Rele­vanz. Alles ist mög­lich.
  • Lies­chens Schwäche sind Donuts:
    Sie hin­dern sie daran, ihr Ziel zu errei­chen.

Wäh­rend das Ziel in der Geschichte klar benannt wird und die Schwäche eben­falls schnell sichtbar wird, ver­steckt sich Lies­chens wahres Bedürfnis unter der Ober­fläche:

  • Allem voran muss Lies­chen sich gesund ernähren.

Auf den ersten Blick scheint die Geschichte vom Abnehmen zu han­deln. Von einem äußeren Ziel. Auch Lies­chen selbst denkt, es ginge ihr nur darum, wieder in ihr Lieb­lings­kleid zu passen. Doch nach einer Reihe von Hin­der­nissen, die sie im Ver­lauf der Geschichte über­winden muss, erkennt sie irgendwo um den Höhe­punkt der Geschichte herum, was ihr wirk­lich wichtig ist: Gesund­heit. Sie blickt der Wahr­heit also end­lich ins Auge und findet die Kraft, ihre Schwäche zu über­winden und den Donuts zu ent­sagen. Dieser Sieg über die Schwäche und die Ent­de­ckung und Erfül­lung des tiefen Bedürf­nisses führt beim Leser zur Katharsis.

Das Ziel ist somit nur der Anstoß für den Plot. Es zwingt die Figur zum Han­deln und ist der Aus­gangs­punkt ihrer Ent­schei­dungen. Die Gefühle einer Geschichte werden aber vor allem durch die Schwäche und das wahre Bedürfnis getragen.

Mora­li­sches und psy­cho­lo­gi­sches Bedürfnis

Nun folgen wir John Truby aber noch einen Schritt weiter und unter­teilen Schwäche und Bedürfnis noch genauer …

Denn seien wir ehr­lich: Gesund zu leben ist ein eher lang­wei­liges Bedürfnis. Jeder trägt die allei­nige Ver­ant­wor­tung für seine Gesund­heit – und wenn Lies­chen sich schlecht ernährt, dann ist sie in der Regel ein­zige, die die Kon­se­quenzen spürt. Um mit Trubys Ter­mi­no­logie zu spre­chen: Gesunde Ernäh­rung ist vor allem ein psy­cho­lo­gi­sches Bedürfnis. Inter­es­santer sind jedoch Bedürf­nisse, die auch eine mora­li­sche Kom­po­nente haben.

Wenden wir uns also einem anderen Bei­spiel zu und reden über den Film Die Maske des Zorro:

  • Der Prot­ago­nist Ale­jandro Mur­rieta will seinen Bruder rächen. Sein Ziel ist somit, Cap­tain Har­rison Love zu töten. Später erfährt er jedoch von einer geheimen Gold­mine, in der Gefan­gene und ein­fache Bauern als Sklaven beschäf­tigt werden. Um die Spuren zu ver­wi­schen, sollen sie am Ende zusammen mit der Gold­mine in die Luft gejagt werden. Damit ändert sich sein Ziel und er will die Men­schen retten.
  • Schwä­chen hat Ale­jandro viele: Abge­sehen davon, dass er ein Bandit ist, hat er durch seine schlechte Kampf­technik und Hitz­köp­fig­keit keine Chance gegen den Offi­zier Har­rison Love.
  • Damit er es mit Cap­tain Love auf­nehmen kann, lässt er sich vom alten Zorro, Don Diego de la Vega, zum neuen Zorro aus­bilden. Er lernt richtig zu kämpfen und seinen Kopf zu benutzen. Dabei wird er aber auch auf das Leid der Men­schen in der Gold­mine auf­merksam und ent­deckt sein tiefes Bedürfnis, die Schwa­chen zu beschützen.

Ale­jan­dros Schwä­chen und Bedürf­nisse sind dabei sowohl psy­cho­lo­gi­scher als auch mora­li­scher Natur:

  • Seine psy­cho­lo­gi­sche Schwäche sind seine schlechte Kampf­technik und Hitz­köp­fig­keit: Sie stehen ihm selbst im Weg.
  • Seine mora­li­sche Schwäche ist seine Kri­mi­na­lität: Sie ver­ur­sacht Leid für andere Men­schen.
  • Sein psy­cho­lo­gi­sches Bedürfnis ist zu lernen, seinen Kopf zu benutzen.
  • Sein mora­li­sches Bedürfnis ist, die Schwa­chen zu beschützen.

Damit gibt die mora­li­sche Dimen­sion einer Figur Farbe: Ale­jandro ist weder per­fekt noch ein pas­sives Opfer. Ja, er hat durch Cap­tain Love seinen Bruder ver­loren, aber die beiden Mur­rietas waren nun mal kri­mi­nell. Und ja, er hat gute Anlagen, um der neue Zorro zu werden, aber dieser Dia­mant braucht sehr viel Fein­schliff.

Um zu erkennen, ob eine Figur auch wirk­lich eine mora­li­sche Dimen­sion besitzt, bietet Truby eine ein­fache Faust­regel an:

Die Figur muss am Anfang der Geschichte min­des­tens einer anderen Figur Schaden zufügen.

Des­wegen betei­ligt sich Ale­jandro gleich am Anfang seiner Geschichte an einem Raub­über­fall … Dieser Schaden kann aber auch unab­sicht­sich oder sogar unwis­sent­lich ent­stehen. Vom ver­ges­senen Geburtstag bis hin zum Fehl­ver­halten in einer fremden Kultur ist alles mög­lich. – Haupt­sache, die Ver­let­zung ent­steht direkt aus der mora­li­schen Schwäche der Figur.

Und natür­lich sollten das Psy­cho­lo­gi­sche und das Mora­li­sche ver­knüpft sein: Indem Ale­jandro an seiner psy­cho­lo­gi­schen Schwäche arbeitet, ent­wi­ckelt er die Fähig­keit, sein mora­li­sches Bedürfnis zu erfüllen. Die ver­schie­denen Aspekte von Ale­jan­dros Per­sön­lich­keit sind also stark mit­ein­ander ver­woben.

Truby zusam­men­ge­fasst

Wir sehen also:

Eine gute Figu­ren­mo­ti­va­tion ist mehr als: „Die Figur will XY.“

Figuren, mit denen wir mit­fie­bern, haben noch ein ver­stecktes inneres Bedürfnis.

Und inter­es­sante Figuren haben Schwä­chen, die andere in Mit­lei­den­schaft ziehen, aber den­noch mit ihren tiefen Bedürf­nissen und heroi­schen Seiten ver­knüpft sind.

Vor allem aber:

Der Cha­rakter einer Figur, ihre Moti­va­tion und ihre Ent­schei­dungen sind sehr stark an den Plot und die zen­tralen Themen der Geschichte gebunden.

Sie tragen den emo­tio­nalen Aspekt der Erzäh­lung, der bes­ten­falls zur Katharsis führt.

Sie geben der Figur und der Geschichte ins­ge­samt schlicht und ergrei­fend Tiefe.

Wei­tere Praxis-Tipps für die Figuren-Moti­va­tion

So viel zu Trubys Modell. Doch einige Fragen sind noch offen …

Moti­va­tion und Bot­schaft

Wir haben ja bereits gesehen, dass die Moti­va­tion und die Gründe, warum eine Figur bestimmte Ent­schei­dungen fällt, vor allem mit den zen­tralen Themen der Geschichte zusam­men­hängen.

Was willst Du mit Deiner Geschichte also aus­sagen? Wel­chen emo­tio­nalen Effekt soll sie auf die Leser haben?

Du soll­test diese Fragen mög­lichst früh­zeitig für Dich selbst beant­worten. Denn daraus leiten sich die Per­sön­lich­keit der Figur ab, ihre Ziele, die Cha­rak­ter­ent­wick­lung und die even­tu­elle Ver­schie­bung der Ziele.

Und gerade weil die Moti­va­tion der Figuren so stark mit der zen­tralen Bot­schaft der Geschichte ver­knüpft ist, gilt:

Die Moti­va­tion Deiner Haupt­figur sollte klar sein. Auch für Extra­doofe.

Des­wegen spricht auch absolut nichts dagegen, die Träume, Wün­sche und Ziele einer Figur explizit zu benennen. Einer der Gründe, warum viele Disney-Filme so erfolg­reich sind, ist, dass die Haupt­fi­guren oft einen soge­nannten „I Want“-Song haben: Ein Lied, in dem sie ganz genau benennen, was sie wollen.

Zwar bekommt man ständig „Show, don’t tell!“ um die Ohren gehauen. Doch bei genau sol­chen zen­tralen Ele­menten einer Geschichte ist expli­zites „Tell“ sehr wohl ange­bracht.

Was aber nicht heißt, dass „Show“ über Bord geworfen werden sollte:

Unter­male, beweise die Moti­va­tion Deiner Figuren durch kon­krete Szenen. Zeige ihre Lebens­um­stände, ihre Bezie­hungen und lass die Leser an ihren Gefühlen und Gedanken teil­haben. Damit die Moti­va­tion auch schön nach­voll­ziehbar ist und sich wirk­lich ein­prägt.

Die rich­tige Moti­va­tion finden

Nach all dem sollte auch klar sein, dass die Moti­va­tion einer Figur nie­mals zufällig ist. Sicher können wir uns auf einige Bana­li­täten einigen:

  • Men­schen sind äußerst unter­schied­lich und werden von den unter­schied­lichsten Dingen ange­trieben.
  • Tief in unserem Inneren wollen wir alle aber ein­fach nur von unseren Mit­men­schen akzep­tiert und geliebt werden, glück­lich leben und der Welt irgend­einen Nutzen bringen.
  • Zwei­fellos ist es auch am besten, wenn die Leser die Moti­va­tion des Prot­ago­nisten nach­voll­ziehen können. Das geht am ein­fachsten mit Grund­be­dürf­nissen, die wir alle kennen.

Doch hier kommen wir auch end­lich zum Knack­punkt:

Bei diesen Grund­be­dürf­nissen geht es letzten Endes immer Angst und Liebe.

Es ist die Angst vor Krank­heit und Tod und die Liebe zu Donuts. Es geht um die Liebe zum Bruder und zu Mit­men­schen und die Angst vor deren Tod. Es geht um die Liebe zu Geschichten und die Angst, dass alles, was man über sie bisher gelernt hat, umsonst war.

Des­wegen ist es im Prinzip egal, was genau Deine Figur will. Solange klar ist, wovor sie sich fürchtet und wen oder was sie liebt und warum, bist Du auf einem guten Weg.

Moti­va­tion für Neben­fi­guren?

Und am Ende … Bestimmt brennt auch Dir schon die ganze Zeit eine ganz bestimmte Frage auf den Nägeln:

Die ganze Zeit war ja von Haupt­fi­guren die Rede. – Aber was ist mit den anderen Figuren? Wie detail­liert muss ihre Moti­va­tion her­aus­ge­ar­beitet sein?

Wie so oft lässt sich diese Frage nicht pau­schal beant­worten. Zwei unum­stöß­liche Wahr­heiten können wir jedoch fest­halten:

Eine sorg­fäl­tige Her­aus­ar­bei­tung der Moti­va­tion des Prot­ago­nisten ist ein abso­lutes Muss.

Sorg­fältig her­aus­ge­ar­bei­tete Moti­va­tionen der Neben­fi­guren ver­leihen dem Werk mehr Tiefe.

Wie viel Tiefe Dein Werk braucht, musst Du selbst ent­scheiden. Dabei soll­test Du aber darauf achten, dass Deine Figuren ein sin­niges Geflecht bilden. Dass jede Figur und ihre Moti­va­tion eine Spielart des zen­tralen Themas dar­stellt.

Doch das ist ein großes Fass und braucht ein eigen­stän­diges Video. Wenn Du also willst, setze ich es auf die Liste der geplanten Themen.

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