Ordnung: Anachronistisches Erzählen

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

Erzählungen sind selten wirklich linear. Immer wieder erfahren die Leser, was vor den Ereignissen in der Erzählung passiert ist, und manchmal auch, was in der Zukunft noch passieren wird. Diese Analepsen und Prolepsen bzw. Flashbacks und Vorausdeutungen lassen sich natürlich kategorisieren. – Und genau das machen wir in diesem Artikel: Wir schauen uns an, welche Arten von Analepsen und Prolepsen es überhaupt gibt und was man bei Anachronien generell beachten sollte.

Bisher haben wir uns, was Genettes Erzähltheorie betrifft, nur mit der Erzählperspektive befasst. Doch was für die Struktur einer Erzählung laut Genette auch noch wichtig ist, ist die Erzählzeit:

Die Zeit, die man braucht, um die Erzählung zu erzählen.

Bei schriftlichen Texten läuft das in der Praxis auf die Wort- und Seitenanzahl hinaus.

Was Genette hier konkret untersucht, ist, wie das Erzählte (die Geschichte selbst) in der Erzählung untergebracht wird:

Welches Ereignis wird wann erwähnt? Wie lange hält sich der Erzähler mit diesem oder jenem Ereignis auf? Wie oft wird ein bestimmtes Ereignis innerhalb der Erzählung angesprochen?

Ordnung: Anachronistisches ErzählenFür die Analyse der Erzählzeit nutzt Genette drei Kategorien:

  • Ordnung
  • Dauer
  • Frequenz

Wir werden sie alle nacheinander besprechen und beginnen heute mit der Ordnung.

Ordnung: Story vs. Plot

Am einfachsten lässt sich die Kategorie der Ordnung erklären, wenn wir an meinen früheren Artikel über Story und Plot zurückdenken:

  • Story sind die Ereignisse, wie sie „tatsächlich“ passieren. Also die chronologisch richtige Reihenfolge.
  • Plot hingegen ist die Anordnung der Ereignisse in der Erzählung. Denn ein Erzähler muss nicht zwangläufig alle Ereignisse in der Reihenfolge erwähnen, in der sie passiert sind, sondern kann von früheren Ereignissen an späterer Stelle erzählen oder Dinge, die erst später passieren, schon früher andeuten.

Genette benutzt zwar nicht die Begriffe Story und Plot, meint mit der „temporalen Ordnung oder Reihenfolge der Ereignisse in der Diegese“ und der „pseudo-temporalen Ordnung ihrer Darstellung in der Erzählung“ genau das.

Und damit ist die Definition von Ordnung auch ganz einfach:

Ordnung ist das Verhältnis zwischen Story und Plot.

Und konkret bedeutet das:

Es geht um Anachronien (d.h. Analepsen und Prolepsen) und am Ende sogar ein wenig um die Achronie.

Anachronien

Sofern eine Erzählung explizite oder implizite Anhaltspunkte hergibt, erfahren wir Leser mehr oder weniger genau, wann welches Ereignis stattfindet.

Wenn Fritzchen zum Beispiel sagt: „Gestern war ich im Kino“, dann fand sein Kinobesuch am Tag vor dem Moment statt, an dem er über diesen Kinobesuch erzählt.

Anhand dieser Anhaltspunkte können wir erkennen, ob die Ereignisse im Plot anders angeordnet sind als sie tatsächlich chronologisch passiert sind.

Hier haben Story und Plot zum Beispiel dieselbe Anordnung:

„Fritzchen hat ein Eis gegessen, dann ging er ins Kino.“

Und hier haben wir eine offensichtliche Dissonanz zwischen Story und Plot:

„Fritzchen ging ins Kino. Vorher hat er aber ein Eis gegessen.“

Diese Dissonanz zwischen Story und Plot nennt Genette Anachronie.

Anachronien sind überall!

Und abgesehen von ganz simplen Geschichten sind Anachronien praktisch in jeder Erzählung vorprogrammiert. Denn egal, an welchem Punkt man eine Geschichte zu erzählen beginnt: Es gibt fast immer etwas Wichtiges, das vor diesem Punkt passiert ist. Überlege selbst:

Beginnt die Geschichte Deines eigenen Lebens mit Deiner Geburt, dem Kennenlernen Deiner Eltern, dem Kennenlernen deiner Großeltern oder mit dem Urknall?

Deine Geschichte mit dem Urknall zu beginnen ist natürlich absurd. Aber wenn Du ihn in Deiner Geschichte ansprichst, hast Du automatisch eine Anachronie.

Manche Anachronien fallen natürlich stärker auf als andere, doch sie finden sich selbst in den unscheinbarsten Erzählungen:

„Heute besuchte mich ein Freund, den ich vor zwei Jahren kennengelernt habe.“

Bäm! Anachronie!

Die kunterbunte Welt der Anachronien

All die vielen Anachronien gibt es natürlich in allen möglichen Formen und Farben. Speziell schaut Genette vor allem auf die Reichweite und den Umfang der Anachronie:

  • Reichweite ist dabei die zeitliche Distanz zur „eigentlichen“ Geschichte:
    Ob ein Ereignis also fünf Minuten oder hundert Jahre vor oder nach dem „Jetzt“-Moment in der Geschichte liegt.
  • Umfang hingegen bezeichnet die Dauer der Anachronie in der Geschichte:
    Ob dem früheren oder späteren Ereignis ein Halbsatz oder mehrere Kapitel gewidmet sind.

Und wo ich eben den „Jetzt“-Moment angesprochen habe:

Diese Zeitebene, auf der die eigentliche Geschichte stattfindet, nennt Genette Basiserzählung. Zum Beispiel:

„Fritzchen war heute im Kino. Vorher hat er ein Eis gegessen und dachte an Lieschen. Nach dem Kino dachte er immer noch an Lieschen und beschloss, sie anzurufen.“

Das Eisessen ist hier klar die Anachronie. Der Kinobesuch und der Beschluss, Lieschen anzurufen, sind die Basiserzählung.

Natürlich ist jede Anachronie gleichzeitig selbst eine Erzählung. Sie ist der Basiserzählung zwar untergeordnet, aber sie ist eine Erzählung und sie kann als Basiserzählung für eine weitere Anachronie fungieren. So entstehen zum Beispiel solche Verschachtelungen:

„Fritzchen war heute im Kino. Vorher hat er ein Eis gegessen und dachte an seinen gestrigen Streit mit Lieschen. Nach dem Kino dachte er immer noch an Lieschen und beschloss, sie anzurufen.“

Vor allem aber unterscheidet man bei Anachronien zwischen Analepsen und Prolepsen: ob die Anachronie zeitlich vor oder nach der Basiserzählung stattfindet. Und weil wir es mit Genette zu tun haben, wird es hier erst recht kleinkariert …

Analepsen

Wenn die Anachronie zeitlich vor der Basiserzählung liegt, dann nennt man sie Analepse. In Filmen und im Volksmund sagt man dazu auch „Flashback“.

Genette unterscheidet hier vor allem zwischen externen und internen Analepsen:

  • Die externe Analepse enthält Ereignisse, die komplett vor der Basiserzählung passiert sind:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

„Heute Morgen besuchte mich ein Freund, den ich vor zwei Jahren aus den Augen verloren habe. Wir haben uns bis zum Mittag unterhalten.“

Mitten in dieser Erzählung machen wir einen kurzen Abtecher in die Zeit vor zwei Jahren und kehren dann wieder in die Gegenwart zurück.

  • Die interne Analepse hingegen enthält Ereignisse, die während der Basiserzählung passiert sind:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

„Seit zwei Jahren lebe ich in Beispielstadt. Heute Morgen besuchte mich aber ein Freund aus Anderestadt. Er erzählte mir von seinem eigenen Umzug vor einem Jahr. Wir haben uns bis zum Mittag unterhalten.“

Die Basiserzählung beginnt mit dem Umzug nach Beispielstadt. Und während das „Ich“ in Beispielstadt gelebt hat, ist der Freund ebenfalls umgezogen.

Grundsätzlich ist auch eine Mischung aus beiden möglich. Genette nennt sie ganz simpel gemischte Analepse: Sie beginnt vor der Basiserzählung und endet mit dem Anfang der Basiserzählung:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

„Heute Morgen besuchte mich ein Freund aus Anderestadt. Nach meinem Umzug nach Beispielstadt vor zwei Jahren haben wir uns aus den Augen verloren und vor einem Jahr hat er die Suche nach mir aufgenommen. Heute Morgen hat er mich endlich gefunden und wir haben uns bis zum Mittag unterhalten.“

Die Basiserzählung beginnt mit dem Besuch des Freundes. Dann folgt eine Analepse mit der Vorgeschichte, wie es zu diesem Besuch gekommen ist. Diese Vorgeschichte wird komplett erzählt bis zum Moment des Besuchs selbst.

Genette bemerkt aber auch, dass die gemischte Analepse eher selten vorkommt.

Externe und interne Analepsen in der Praxis

Die externe Analepse hat den unschätzbaren Vorteil, dass sie sich nie mit der Basiserzählung überschneidet. Sie ergänzt sie nur.

Anders hingegen verhält es sich mit der internen Analepse: Weil die Ereignisse in der internen Analepse sich ja zeitlich mit der Basiserzählung überschneiden, besteht die Gefahr, dass sie überflüssige Informationen enthalten oder – schlimmstenfalls – der Basiserzählung widersprechen. Deswegen unterscheidet Genette zwischen heterodiegetischen internen Analepsen und homodiegetischen internen Analepsen:

  • Heterodiegetische interne Analepsen entgehen der oben genannten Gefahr, indem sie einfach einen anderen Strang der Geschichte beschreiben als die Basiserzählung:
    Zum Beispiel geht es um die Vorgeschichte einer neuen Figur oder um das Wiederauftauchen einer alten Figur, die man aus den Augen verloren hat und von der man nun erfährt, was ihr in der Zwischenzeit alles zugestoßen ist:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

Ordnung: Anachronistisches ErzählenEinen anschaulichen Fall haben wir in Der Herr der Ringe von J. R. R. Tolkien:
Frodo wird von Gandalf auf die berühmte Reise geschickt. In Bruchtal begegnet er ihm wieder und Gandalf erzählt von seiner Gefangennahme durch Saruman.

  • Homodiegetische interne Analepsen hingegen betreffen den Handlungsstrang der Basiserzählung. Deswegen müssen Autoren hier besonders aufpassen, dass sie Informationen nicht doppelt-moppeln oder den Informationen aus der Basiserzählung sogar widersprechen. Genette unterscheidet hier zwischen zwei Untertypen:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

    • Kompletive Analepsen füllen nachträglich eine Lücke in der Erzählung.

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

Ordnung: Anachronistisches ErzählenEin solches Beispiel findet sich in Stolz und Vorurteil von Jane Austen:
Wir beobachten das Geschehen weitestgehend von Elisabeths Standpunkt aus – und aus dieser lückenhaften Perspektive sieht Darcy sehr unvorteilhaft aus. Nachdem Elisabeth Darcy ihre Meinung von ihm an den Kopf geworfen hat, stellt er ihr in einem Brief seine Perspektive derselben Ereignisse dar und berichtet auch von Dingen, von denen sie nichts wusste.

    • Repetitive Analepsen Rückgriffe sind meistens eher kleine Anspielungen auf bereits Erzähltes.

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

Ordnung: Anachronistisches ErzählenIm dritten Band von Harry Potter rettet Harry Wurmschwanz das Leben. Im siebten Band erinnert er ihn wieder daran:
„Du bringst mich um? […] Nachdem ich dein Leben gerettet habe? Du schuldest mir, Wurmschwanz!“
J. K. Rowling: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Kapitel: Das Haus Malfoy.

Partielle und komplette Analepsen

Sowohl externe als auch interne Analepsen können außerdem partiell oder komplett sein.

  • Eine partielle Analepse beschreibt dabei nur einen Punkt in der Vergangenheit und ist nicht an die Gegenwart angebunden. Oft handelt es sich um eine einzelne Information, die wichtig ist für das Verständnis der Basiserzählung:

Ein bekanntes Beispiel befindet sich im siebten Band von Harry Potter:
Als Harry, Ron und Hermine das Märchen über den Ursprung der Heiligtümer des Todes lesen, erfahren wir nur etwas über die Erschaffung der Heiligtümer und ihre magischen Kräfte. Wir erfahren aber nichts über der Werdegang der Heiligtümer im Verlauf der Jahrhunderte.

  • Eine komplette Analepse hingegen geht bis zur „Gegenwart“, erzählt die komplette Vorgeschichte und ist in manchen Fällen ein wichtiger Teil oder sogar der Hauptteil der Erzählung.

Ordnung: Anachronistisches ErzählenIn Remarques Roman Die Nacht von Lissabon begegnet der Ich-Erzähler in Lissabon einem Fremden namens Josef Schwarz. Dieser Josef Schwarz erzählt ihm, wie und warum er von Deutschland nach Lissabon gekommen ist. Diese Erzählung, die Vorgeschichte von Schwarz, macht den Hauptteil des Romans aus.

Warnungen bei Analepsen

So viel zu den Analepsen. Wie aber auch Genette selbst immer wieder anmerkt, gehen sie mit bestimmten Gefahren einher. Daher an dieser Stelle einige allgemeine Warnungen:

  • Pass auf, dass Du in Deinen Analepsen nicht unnötig Informationen wiederholst, die dem Leser bereits vorliegen:

Wenn Fritzchen und Lieschen in einem Kapitel ins Theater gehen, dann solltest Du den Theaterbesuch in einem späteren Kapitel nicht nacherzählen. – Es sei denn, Du verlegst den Schwerpunkt auf Aspekte, die Du im ursprünglichen Theater-Kapitel weggelassen hast. Ansonsten reicht die bloße Erwähnung des Theaterbesuchs in den späteren Kapiteln völlig aus.

  • Pass auch auf, dass die Informationen in Deinen Analepsen zu dem passen, was in der Basiserzählung bereits erzählt wurde:

Wenn Fritzchen zur Verabredung mit Lieschen zu spät gekommen ist, solltest Du in den späteren Kapiteln nicht schreiben, er sei pünktlich gewesen.

  • Da Analepsen sich außerdem hervorragend eignen, um die Hintergründe von Figuren und Ereignissen zu erläutern, solltest Du aufpassen, dass diese Hintergrunderzählungen nur so ausführlich sind wie nötig. Wenn Du zu viele irrelevante Details einbindest, dann ist das Info-Dump. – Und den wollen die meisten nicht lesen.

Wenn Opa Fritzchen und Oma Lieschen sich an ihr erstes Date im Theater erinnern, dann solltest Du nicht jedes kleine architektonische Detail des Theaters beschreiben. Konzentriere Dich auf Aspekte, die unmittelbar ihre Beziehung betreffen.

Doch natürlich sind das nur Tipps und Du kannst gegen alles, was ich hier aufgezählt habe, verstoßen. Denn wenn Verstöße einen besonderen Zweck erfüllen, dann sind das Kunstgriffe. Ein sehr bekannter Kunstgriff dieser Art findet sich im Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin:

Während der Schlacht am Schwarzwasser begegnet Sansa Sandor Clegane. Dieser zwingt sie, ihm ein Lied vorzusingen. Als Sansa sich später an diese Begegnung erinnert, ist sie überzeugt, Sandor hätte sie geküsst. Warum dieser Widerspuch da ist, wissen wir noch nicht, aber der Autor hat versprochen, dass er im späteren Verlauf der Geschichte etwas bedeuten wird.

Prolepsen

Das viel seltenere Gegenstück zur Analepse ist die Prolepse, d.h. der Blick in die Zukuft. Damit funktioniert die Prolepse ähnlich wie die Analepse, nur in umgekehrter Richtung.

So unterscheidet Genette auch hier zwischen intern und extern:

Externe Prolepsen sind Einblicke in eine Zeit nach dem Ende der Basiserzählung: Hier erfahren wir, was mit den Figuren nach dem Ende der Haupthandlung passiert. Das kann eine unbestimmte, ferne Zukunft sein oder auch die Gegenwart eines Erzählers, der sich an vergangene Ereignisse erinnert:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

In der Schatzinsel von Robert L. Stevenson erzählt Jim Hawkins von Ereignissen, die weit in der Vergangenheit zurückliegen:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen„Der Plan, den ich ausführen wollte, war an und für sich nicht schlecht. Ich wollte die sandige Landzunge, die den Ankerplatz im Osten von der offenen See trennt, bis zu dem weißen Felsen hinabgehen, den ich gestern bemerkt hatte, um festzustellen, on Ben Gunn wirklich sein Boot dort versteckt hatte, und ich glaube auch jetzt noch, daß das schon der Mühe wert war zu untersuchen.“
Robert L. Stevenson: Die Schatzinsel, 22. Kapitel: Wie mein Seeabenteuer begann.

Die Worte „und ich glaube auch jetzt noch“ beziehen sich auf den Moment, in dem Jim von der Schatzsuche erzählt. – Also auf eine Zeit, die lange nach den Abenteuern in der Erzählung liegt.

Interne Prolepsen zeigen, was während der Basiserzählung später noch passieren wird. Damit bringen sie dieselben Gefahren mit sich wie interne Analepsen.

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  • Heterodiegetische interne Prolepsen beschreiben die zukünftige Entwicklung eines anderen Strangs, der später nicht mehr aufgegriffen wird:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

„Nach der Trennung von Lieschen begann eine dunkle Phase im Leben von Fritzchen. Er ahnte nicht, dass auch Lieschen Jahre brauchen würde, um über die Trennung hinwegzukommen. Nach zwei depressiven Jahren nahm Fritzchen sich aber wieder zusammen und begann ein neues Leben.“

Lieschens Krise passiert zur gleichen Zeit wie die von Fritzchen, aber sie ist nicht mehr länger Teil von Fritzchens Geschichte. Damit sind heterodiegetische Prolepsen vor unnötigen Doppelt-Mopplungen von Informationen sicher.

  • Homodiegetische interne Prolepsen lassen sich, ebenso wie die homodiegetischen internen Analepsen, in zwei weitere Kategorien aufteilen:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

    • Kompletive Prolepsen füllen eine spätere Lücke aus. Zum Beispiel:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

In einem Kapitel plant Lieschen ihr Trennungsgespräch mit Fritzchen. Im nächsten Kapitel setzt sie diesen Plan um, aber wir beobachten das Ganze aus Fritzchens Perspektive. Durch Fritzchens Subjektivität ist diese natürlich lückenhaft. Doch die Prolepse im Kapitel davor füllt diese Lücke aus. Deswegen stört es uns Leser auch nicht, von diesem Trennungsgespräch zweimal zu lesen: Denn wir sehen unterschiedliche Aspekte dieses Ereignisses.

    • Repetitive Prolepsen sind meistens eher kleine Andeutungen auf spätere Ereignisse, von denen in den nachfolgenden Kapiteln genauer erzählt wird. Zum Beispiel:

Ordnung: Anachronistisches Erzählen

Am Anfang der Basiserzählung lernen sich Fritzchen und Lieschen kennen und der Erzähler warnt: „Noch ahnte Fritzchen nicht, wie viel Schmerz diese Begegnung ihm bringen würde.“ Im späteren Verlauf der Erzählung werden Fritzchen und Lieschen ein Paar, haben eine Beziehungskrise und trennen sich wieder. Nun berichtet der Erzähler ausführlich von der Trennungsphase, die er bei der Begegnung von Fritzchen und Lieschen nur angedeutet hat.

Hier ist es natürlich wichtig, bei der Prolepse nicht zu viele Details im Voraus preiszugeben, denn sonst braucht man die Geschichte ja nicht mehr zu lesen.

Rein theoretisch könnte man außerdem noch zwischen kompletten und partiellen Prolepsen unterscheiden. Allerdings findet Genette kaum Beispiele für komplette Prolepsen, d.h. eine komplette Vorwegnahme der ganzen Geschichte bis zur Auflösung oder bis zum Zeitpunkt des Erzählaktes an sich. – Das ist aber auch verständlich, denn bei einer solchen kompletten Prolepse braucht der Leser die Erzählung ja nicht mehr zu lesen. Aus diesem Grund stellt Genette fest, dass es wohl nur partielle Prolepsen gibt, d.h. Prolepsen, die nur einen Ausschnitt der Zukunft preisgehen.

Vorgriffe und Vorhalte

Diese Andeutungen auf spätere Ereignisse können sowohl explizit als auch implizit sein.

  • Explizite Andeutungen nennt Genette Vorgriffe. Diese sind, wie das Wort „explizit“ sagt, klar gekennzeichnet. Das passiert oft durch Formulierungen wie zum Beispiel:

„Wir werden später sehen, dass …“

Vorgriffe lösen beim Leser bestimmte Erwartungen aus, indem sie konkret sagen, was der Leser erwarten soll. Das kann durchaus Fragen aufwerfen und somit Spannung auslösen:

„Fritzchen, Lieschen, Max und Erika fuhren im Sommer gemeinsam in den Urlaub. Als sie nun entspannt auf dem Strand lagen, ahnten sie nicht, dass nur einer von ihnen lebendig heimkehren würde. […]“

  • Implizite Andeutungen bzw. Vorhalte zeigen die zukünftigen Ereignisse eher indirekt und oft sind sie erst im Nachhinein als solche erkennbar. Wir sehen das zum Beispiel im Lied von Eis und Feuer:

Am Anfang entdecken Eddard Stark und sein Gefolge einen toten Schattenwolf und die noch lebenden Welpen des Schattenwolfes. Im späteren Verlauf der Geschichte kommt Eddard Stark, auf dessen Wappen ein Schattenwolf abgebildet ist, ums Leben. Eddard Starks Kinder, die die Welpen adoptiert haben, bleiben zurück. Damit wurde mit dem toten Schattenwolf die Zukunft der Familie Stark angedeutet, aber als Leser hat man sich auf den ersten Blick nicht unbedingt etwas gedacht.

Manchmal kann das Publikum solche Vorhalte aber durchaus identifizieren, wenn es bestimmtes Vorwissen hat. Dieses Vorwissen kann beispielsweise aus einem Prolog stammen oder vom Titel der Erzählung herrühren:

Ordnung: Anachronistisches ErzählenDie Bedeutung des toten Schattenwolfes wäre am Anfang viel leichter zu erkennen gewesen, wenn zumindest der erste Band vom Lied von Eis und Feuer nicht A Game of Thrones heißen würde, sondern Das Omen des Schattenwolfes.

Allerdings kann der Autor solches Vorwissen so streuen, dass die Leser auf eine falsche Fährte gelockt werden. Dass sie falsche Vorhalte sehen und richtige Vorhalte übersehen. Das findet man zum Beispiel gerne in Krimis.

Abschließendes zu Prolepsen

Wie wir bereits gesehen haben, können Prolepsen Spannung aufbauen. Außerdem können sie die Wirkung eines Ereignisses unterstreichen, indem man dem Leser dessen Nachwirkungen vor Augen führt.

Allerdings sind gerade bei internen Prolepsen, wie gesagt, all die Punkte zu beachten, die für interne Analepsen gelten:

Vermeide unnötige Informationen und achte darauf, dass die Informationen in der Prolepse zu denen in der Basiserzählung passen.

Achronie

Nachdem wir nun also die verschiedenen Arten von Prolepsen und Analepsen kleinkariert sortiert haben, bringen wir das Ganze nun wieder durcheinander. Denn es gibt auch solche spannenden Phänomene:

  • Prolepsen in Prolepsen, Analepsen in Prolepsen, Prolepsen in Analepsen etc.
  • Prolepsen, die von der Basiserzählung später widerlegt werden und sich als fehlerhafte Zukunftsfantasien entpuppen
  • ein Erzähler, der im Voraus berichtet, wie er später über ein aktuelles Ereignis erfuhr
  • Analepsen ohne genauen Endpunkt
  • Prolepsen und Analepsen gleichzeitig:
    „Fritzchen geht auf die Party und sucht Lieschen. Diese wird aber, wie wir bereits gesehen haben, später kommen.“

Was soll man denn da sagen? – Viel Spaß beim „Entwirren“! 😛

Doch der absolute Extremfall ist, wenn es in der Erzählung überhaupt keine Zeitangaben oder auch nur indirekte Hinweise gibt und wir ein Ereignis gar nicht zeitlich einordnen können. Diesen Fall nennt Genette Achronie. Und er ist so verwirrend, dass unsere Möglichkeiten der Analyse hier an ihre Grenzen zu stoßen scheinen.

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