Einen pas­senden Titel für Deine Geschichte finden

Einen pas­senden Titel für Deine Geschichte finden

Wie alles und jeder einen Namen hat, braucht auch jede Geschichte einen Namen bzw. Titel. Dieser ist gleich­zeitig der erste Zugang, den der Leser zu Deiner Geschichte hat, und beein­flusst seine dar­auf­fol­genden Hand­lungen: zum Bei­spiel, Deine Geschichte zu lesen. Wie fin­dest Du also einen pas­senden Titel? Was gibt es im Hin­blick auf das Mar­ke­ting zu bedenken? Und was tut man bei Serien? Das bespre­chen wir in diesem Artikel …

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Der Titel einer Geschichte mag viel­leicht nur ein i‑Tüpfelchen sein: Er macht Deine Geschichte nicht besser oder schlechter, aber irgendwie musst Du Deine Geschichte ja benennen.

Außerdem spielt der Titel auch beim Mar­ke­ting eine Rolle. Im Com­mu­nity-Tab meines You­Tube-Kanals habe ich eine kleine Umfrage gemacht und wollte wissen, was uns am meisten dazu bringt, ein neues Buch zu kaufen: Klap­pen­text, Titel, Cover, das Her­um­schnup­pern im Text selbst oder alles zusammen. Zwar hat der Titel hier die wenigsten Stimmen bekommen, aber gleich­zeitig ist die Mehr­heit der Mei­nung, dass es auf das Zusam­men­spiel aller Fak­toren ankommt.

Und ja, ich bezweifle, dass ein Titel allein zu einem Buch­kauf führt. Dazu lie­fert er ein­fach zu wenig Infor­ma­tionen. Aber ein guter Titel weckt Neu­gierde, sodass der zukünf­tige Leser das Buch zumin­dest in die Hand nimmt und sich den Klap­pen­text anschaut, der dann wie­derum hof­fent­lich zum Buch­kauf ani­miert.

Ver­giss auch nicht, dass der Buch­titel im Grunde die Marke prägt: Wenn wir Titel wie Der Herr der Ringe oder Harry Potter, Brea­king Bad oder Der König der Löwen hören, dann ist es egal, ob die Titel an sich gut sind. Es kommt primär auf die Eigen­schaften, die Qua­lität und die Emo­tionen an, die wir mit diesen Wort­zu­sam­men­set­zungen ver­binden. Es geht hier also auch um die lang­fris­tige Pla­nung des Mar­ke­tings.

Die Wich­tig­keit des Titels ist also nicht zu unter­schätzen. Des­wegen ist höchste Zeit, dass wir dieses Thema anpa­cken …

Was macht einen guten Titel aus?

Über die Rolle des Titels im Mar­ke­ting haben wir schon in einem sehr alten Artikel gespro­chen. Dort geht es vor allem um die AIDA-Formel, das Zusam­men­spiel von:

  • A → Atten­tion → Auf­merk­sam­keit erregen,
  • I → Inte­rest → Inter­esse wecken,
  • D → Desire → Begehren aus­lösen,
  • A → Action → zum Han­deln auf­for­dern.

Bezieht man die AIDA-Formel auf die gesamte Cus­tomer Journey eines Lesers, also den Weg vom ersten Erbli­cken des Buches bis zur Lek­türe, dann ist der Titel bei „A“, also „Auf­merk­sam­keit erregen“, anzu­sie­deln. Wenn der Titel beson­ders ori­gi­nell ist, dann viel­leicht auch bei „I“, „Inter­esse wecken“.

Aller­dings lässt sich die AIDA-Formel auch auf den Titel selbst anwenden:

Ein guter Titel erregt Auf­merk­sam­keit, weckt Inter­esse, löst das Begehren aus, die Geschichte zu lesen oder zumin­dest mehr dar­über zu erfahren, und führt schließ­lich zur Hand­lung bzw. zum Kauf bzw. zur Lek­türe.

Wie man dieses Ideal erreicht, ist gewis­ser­maßen all­ge­mein bekannt:

  • Auf­merk­sam­keit erregt ein Titel, der irgendwie auf­fällt, unge­wöhn­lich, ori­gi­nell etc. ist.
  • Inter­esse weckt ein Titel, der eine inter­es­sante Geschichte andeutet und somit neu­gierig macht.
  • Begehren löst ein Titel aus, der Fragen auf­wirft und/oder irgendwie her­aus­for­dert oder gar pro­vo­ziert.
  • Nur das Auf­for­dern zur Hand­lung ist bei Titeln eher schwierig. Wir können aber sagen, dass Auf­merk­sam­keit, Inter­esse und Begehren im Zusam­men­spiel mit­ein­ander idea­ler­weise zur Hand­lung führen sollten.

Das ist aber nur nackte Theorie. Wir behalten sie vor­erst im Hin­ter­kopf und schauen uns nun an, wie sich Titel über­haupt kate­go­ri­sieren lassen.

Typen von Titeln

In ihrem Buch Der Best­seller-Code haben Jodie Archer und Matthew L. Jockers zusam­men­ge­tragen, welche Fak­toren ein Buch zum Best­seller machen – zumin­dest laut ihrer Soft­ware, die Tau­sende von Best­sel­lern und Nicht-Best­sel­lern gelesen und mit­ein­ander ver­gli­chen hat. Unter anderem beob­ach­teten Archer und Jockers vier Typen von Best­seller-Titeln. Die Kate­go­ri­sie­rung erfolgt dabei nach dem, was im jewei­ligen Titel im Vor­der­grund steht:

  • Beim ersten Typ liegt der Schwer­punkt auf einem Ort, der für die Geschichte eine beson­dere Rolle spielt und eine bestimmte Hand­lung erwarten lässt. Nehmen wir zum Bei­spiel den Titel von James Came­rons Titanic: Obwohl es primär eine Lie­bes­ge­schichte ist, spielt die Titanic als zen­traler Hand­lungsort und zen­trale Meta­pher eine sehr große Rolle und der Name an sich ver­spricht bereits ein gigan­ti­sches Drama.
  • Beim zweiten Typ steht ein Ereignis im Vor­der­grund. Dieses hat in der Geschichte meis­tens eine wich­ti­gere Rolle als die Figuren, die eher auf das Ereignis reagieren, und es prägt die Struktur der Geschichte. In Tol­s­tojs Krieg und Frieden zum Bei­spiel geht es um Napo­leons Russ­land­feldzug und wie er die Schick­sale der vielen ver­schie­denen Figuren beein­flusst.
  • Beim dritten Typ geht es um ein Ding, das in der Geschichte natür­lich von beson­derer Bedeu­tung ist. Es ist der häu­figste Typ und hat daher meh­rere Unter­typen:
    • Ein Bei­spiel für ein Ding mit einem erklä­renden Wort wäre Dan Browns The Da Vinci Code, der ins Deut­sche als Sakrileg über­tragen wurde: Hier dreht sich alles nicht um irgend­einen Code, son­dern um einen ganz beson­deren, der etwas mit Leo­nardo da Vinci zu tun hat.
    • Andere Ding-Titel sind so gestrickt, dass sie auto­ma­tisch eine Frage pro­vo­zieren. Wenn wir zum Bei­spiel den Titel von Goe­thes Die Leiden des jungen Werther hören, steht auto­ma­tisch die Frage im Raum, was mit dem armen Werther denn pas­siert ist, dass er leiden muss. Bei Anderschs San­sibar oder der letzte Grund fragt man sich sofort: „Der letzte Grund“ für was?
    • Oft steht das Ding im Titel aber auch ein­fach als ein­sames Sub­stantiv da: So geht es in Gregor Dorf­meis­ters auto­bio­gra­fi­schem Roman Die Brücke und seinen Ver­fil­mungen um die Ver­tei­di­gung der titel­ge­benden Brücke.
  • Der vierte Titeltyp schließ­lich, bei dem eine Figur im Vor­der­grund steht, macht ein Fünftel aller Best­seller aus und lässt sich eben­falls in meh­rere Unter­typen unter­teilen:
    • Zum Bei­spiel kann ein­fach nur der Name einer Figur – meis­tens des Prot­ago­nisten – als Titel fun­gieren: Da fallen uns schnell Klas­siker wie Goe­thes Faust und Shake­speares Romeo und Julia ein. Ein Bei­spiel, bei dem die titel­ge­bende Figur nicht der Prot­ago­nist ist, wäre Dis­neys bzw. Pixars Film Coco, in dem Coco die Urgroß­mutter des Prot­ago­nisten ist, deren Erin­ne­rungen eine zen­trale Rolle spielen.
    • Oft hat der Titel-Name aber auch eine zusätz­liche Beschrei­bung: Wenn wir schon bei Pixar sind, können wir Findet Nemo nennen. Hier geht es nicht ein­fach nur um irgend­einen Nemo, son­dern es wird auch der Plot ange­deutet, näm­lich dass Nemo gefunden werden muss.
    • Der häu­figste Untertyp nennt die Rolle und den Status der Figur. Bei­spiele wären Andy Weirs Der Mar­sianer oder auch Gil­lian Flynns Gone Girl. Anders als bei der bloßen Nen­nung des Namens, die eher eine Cha­rak­ter­studie oder Ähn­li­ches erwarten lässt, deutet dieser Typ an, dass es um die Bezie­hung der Figur zu ihrer sozialen Rolle, ihrem Beruf, ihrem Geschlecht, was auch immer geht.

Manche Titel wirst Du sehr leicht in diese Typo­logie ein­ordnen können, andere nur mit Mühe. Aber das ist nur natür­lich: Letzt­end­lich geht es hier nur um Beob­ach­tungen zweier Wis­sen­schaftler, kein wis­sen­schaft­li­ches Modell. Du musst Deinen Titel also nicht auf Teufel komm raus in diese Typo­logie ein­ordnen können. Nimm sie eher als Anre­gung zu über­legen, was Du bei Deinem Titel beson­ders in den Vor­der­grund rücken möch­test.

Und damit wären wir auch schon bei der Praxis, näm­lich kon­kreten Tipps für Deine Suche nach einem pas­senden Titel.

Einen pas­senden Titel finden

Dabei wollen wir zunächst kurz erwähnt haben, dass der end­gül­tige Titel Deines Buches vom Verlag fest­ge­legt wird. Sofern Du also eine Ver­lags­ver­öf­fent­li­chung anstrebst, kannst Du höchs­tens einen Arbeitstitel fest­legen, der wie­derum maximal dazu da ist, Dein Manu­skript irgendwie zu benennen und dazu bei­zu­tragen, dass Dein Exposé dem Lektor schmack­hafter erscheint und der Verlag mit Dir einen Ver­trag abschließen möchte. Sofern Du aber Self-Publi­shing anstrebst, legst Du den end­gül­tigen Titel natür­lich selbst fest – und wenn dieser Titel mar­ke­ting­tech­nisch ein Rein­fall ist, trägst Du allein die Ver­ant­wor­tung dafür.

Bedenke außerdem, dass es locker auch Monate oder sogar Jahre dauern kann, bis Du einen guten Titel gefunden hast. Ja, manchmal hast Du ein­fach etwas wie eine gött­liche Ein­ge­bung und weißt von einem Moment auf den anderen, wie Dein Manu­skript heißen soll, und manchmal hast Du den rich­tigen Titel, noch bevor Du mit dem Schreiben anfängst. Oft genug tun wir Autoren uns aber auch sehr schwer damit, zumal es wäh­rend des Ver­fas­sens des Werks gerne zu Ände­rungen und Schwer­punkt­ver­la­ge­rungen kommt und frü­here Titel­ideen irgend­wann ein­fach nicht mehr passen.

Lass Dir bei der Suche nach Deinem Titel bzw. Arbeits­titel also ruhig Zeit.

Wirk­lich fest­stehen muss er erst, wenn Du Dein Manu­skript beim Verlag ein­reichst bzw. Dein Self-Publi­shing planst. Pro­biere ver­schie­dene Ideen, Mög­lich­keiten und Vari­anten aus. Schau Dich um, was es in Deinem Genre aktuell für Mode­er­schei­nungen gibt, und ent­scheide, ob Du ihnen folgen möch­test. Frage andere Leute nach ihrer Mei­nung, welche Titel­ideen sie am meisten anspre­chen bzw. bei wel­chen Titel­ideen sie welche Geschichten erwarten würden.

Vor allem aber:

Behalte Dein Geschich­ten­kon­zept und dessen Ent­wick­lung im Auge.

Denn davon würde ich am meisten aus­gehen, wenn ich nach einem pas­senden Titel suche …

Der inhalt­liche Part

Gene­rell gilt:

Bevor Du etwas for­mu­lierst, musst Du als Erstes wissen, was Du über­haupt sagen willst.

Genauso ist es bei der Wahl des Titels: Er soll etwas aus­drü­cken, und bevor Du ihn for­mu­lierst, musst Du wissen, welche Bedeu­tung er haben soll.

Wie wir bereits gesehen haben, stellt der Titel in der Regel einen Aspekt der Geschichte in den Vor­der­grund und sagt somit in sehr kom­pri­mierter Form, worum es geht. Daher würde ich emp­fehlen, vom zen­tralen Kon­flikt und von der Prä­misse Deiner Geschichte aus­zu­gehen:

Wenn Du in der Prä­misse die Geschichte in einem ein­zigen Satz zusam­men­fasst, dann ent­hält der Titel die ganze Geschichte in einigen wenigen Worten.

Es ist schon logisch, dass diese Worte, die den Titel aus­ma­chen, in der Regel nicht ein­fach nur Worte sind, son­dern mit allen mög­li­chen zusätz­li­chen Bedeu­tungen auf­ge­laden sind, die sich einem oft erst bei der Lek­türe des Werks erschließen. Gleich­zeitig ist aber gerade das einer der Fak­toren, durch die der Titel Neu­gierde weckt: Er hat zusätz­liche Bedeu­tungen, die es zu ent­de­cken gilt, und ein ori­gi­neller Titel kann durchaus moti­vieren, diese Ent­de­ckungs­reise anzu­treten.

Nehmen wir zum Bei­spiel Harry Potter und der Stein der Weisen:

Die Prä­misse wäre:

„Ein Wai­sen­junge erfährt, dass er magi­sche Kräfte hat, geht auf eine Zau­ber­schule und ver­hin­dert die Rück­kehr eines bösen Zau­be­rers.“

Im Titel findet sich die Prä­misse inso­fern wieder, als dass das Buch fast kom­plett aus Harrys Sicht erzählt wird, er der Aus­er­wählte des Zau­ber­er­uni­ver­sums ist, es letzt­end­lich um sein Erwach­sen­werden geht und es somit Sinn macht, seinen Namen in den Titel zu packen. Kom­bi­niert wird sein Name noch mit dem Stein der Weisen, dem zen­tralen MacGuffin der Geschichte, dem Mittel, mit dem der böse Zau­berer zurück­kehren will und das somit die Hand­lung wei­test­ge­hend aus­löst und vor­an­treibt. Außerdem weiß ein Leser mit auch nur ansatz­weise All­ge­mein­wissen, dass es sich beim Stein der Weisen um ein magi­sches Arte­fakt han­delt, und kann sich somit denken, dass Harry Potter etwas mit Magie zu tun hat.

Etwas mehr All­ge­mein­wissen ver­langt in der eher athe­is­ti­schen Gegen­wart dagegen Quo vadis? von Henryk Sien­kie­wicz:

Die Prä­misse dieses Romans würde ich so for­mu­lieren:

„Im Jahr 64 nach Christus ver­liebt sich der Patri­zier Vini­cius in die Christin Lygia, wird all­mäh­lich selbst Christ und ihre Liebe über­steht die Chris­ten­ver­fol­gungen unter Kaiser Nero.“

Die titel­ge­bende latei­ni­sche Phrase bedeutet über­setzt: „Wohin gehst du?“ Voll­ständig lautet sie eigent­lich: „Domine, quo vadis?“, also: „Herr, wohin gehst du?“ Einer Legende zufolge, die im Roman auch ver­ar­beitet wurde, wird dieser Satz vom Apostel Petrus an Christus gerichtet, dem er bei seiner Flucht aus Rom begegnet. Christus ant­wortet dar­aufhin, er würde nach Rom gehen, um sich erneut kreu­zigen zu lassen. Dar­aufhin bricht Petrus seine Flucht ab, kehrt nach Rom zurück und wird dort gekreu­zigt.

Mit diesem Hin­ter­grund­wissen wird also klar, dass es in dem Roman um Chris­tentum und vor allem um Chris­ten­ver­fol­gungen geht. Somit deutet der Titel indi­rekt das größte Hin­dernis der Liebe zwi­schen Vini­cius und Lygia und das zen­trale his­to­ri­sche Ereignis des wohl­ge­merkt his­to­ri­schen Romans an. Außerdem kann man von der latei­ni­schen Phrase an sich schließen, dass das Römi­sche Reich als Set­ting fun­giert, und man kann sie auch im über­tra­genen Sinne als Frage nach der Zukunft und mora­li­schen Werten ver­stehen, wobei spe­ziell im Roman natür­lich die Werte der deka­denten Römer und der tugend­haften Christen in Oppo­si­tion stehen.

Worum geht es also in Deiner Geschichte? Was ist der zen­trale Kon­flikt? Was ist der zen­trale Arc des Prot­ago­nisten? Wel­cher Aspekt ist von zen­traler Bedeu­tung?

For­mu­liere die Prä­misse und schon hast Du Anhalts­punkte dafür, was Dein Titel aus­drü­cken könnte.

Natür­lich ist das For­mu­lieren der Prä­misse eine Kunst für sich. Wenn Du es aber ein­fach nicht schaffst, die Hand­lung Deiner Geschichte in einem ein­zigen Satz zusam­men­zu­fassen, dann kann es ein Hin­weis darauf sein, dass Dein Kon­zept nicht gut her­aus­ge­ar­beitet ist und Du selbst nicht weißt, worum es geht. Wenn Du also zehn Schritten zum Ent­wi­ckeln einer Prä­misse folgen möch­test, kannst Du bei einem frü­heren Artikel vor­bei­schauen. Und wenn Du Hilfe von einem lite­ra­tur­kun­digen Men­schen brauchst, kannst Du gerne eine Bera­tung bei mir buchen und dann reden wir bei einem Online-Tele­fonat über Deine Geschichte.

Äußere Gestal­tung

Nun sollten Titel jedoch nicht nur inhalt­lich pas­send, son­dern für den poten­ti­ellen Leser auch ange­nehm sein. Das heißt: klar, ver­ständ­lich, mög­lichst leicht zu merken und idea­ler­weise auch mög­lichst leicht aus­zu­spre­chen. Natür­lich ist das aber keine in Stein gemei­ßelte Regel und wenn Deine Geschichte einen zwei­zei­ligen Zun­gen­bre­cher als Titel erfor­dert, dann mei­net­wegen.

Was genau ich mit den auf­ge­lis­teten Richt­li­nien meine, sollte schnell klar werden, wenn Du die eigent­li­chen Titel so man­cher Klas­siker mit den Titeln ver­gleichst, die sich mit der Zeit ein­ge­bür­gert haben.

Zum Bei­spiel gibt es einen gewissen Roman von Daniel Defoe, der heißt:

Das Leben und die selt­samen über­ra­schenden Aben­teuer des Robinson Crusoe aus York, See­mann, der acht­und­zwanzig Jahre allein auf einer unbe­wohnten Insel an der Küste von Ame­rika lebte, in der Nähe der Mün­dung des großen Flusses Orinoco; durch einen Schiff­bruch an Land gespült, bei dem alle außer ihm ums Leben kamen. Mit einer Auf­zeich­nung, wie er end­lich seltsam durch Piraten befreit wurde. Geschrieben von ihm selbst.

Muss ich Dir noch extra erklären, warum der Roman heut­zu­tage gemeinhin ein­fach nur Robinson Crusoe genannt wird? Denke daran, dass Du eine Marke eta­blieren willst:

Du willst, dass die Leute über Deinen Roman reden, und daher soll­test Du es ihnen durch einen ein­fa­chen, grif­figen Titel mög­lichst leicht machen.

Je weniger Wörter Du in Deinem Titel aber gebrauchst, desto wich­tiger wird deren Bedeu­tung. Und ein Wort hat nicht nur die kon­krete Bedeu­tung, die im Wör­ter­buch steht, son­dern auch eine kon­no­ta­tive Bedeu­tung: Es erzeugt Bilder, die wie­derum mit anderen Wör­tern in Ver­bin­dung stehen, und weckt dadurch Emo­tionen. Diese Emo­tionen, die im Titel geweckt werden, sind in der Regel auto­ma­tisch etwas wie ein Wer­be­ver­spre­chen: „Wenn Du dieses Buch liest, wirst Du diese und jene Emo­tionen durch­leben.“

Des­wegen würde ein Krimi zum Bei­spiel auch nicht Gän­se­blüm­chen als Titel haben, son­dern etwas wie: Blut auf Gän­se­blüm­chen. Denn Gän­se­blüm­chen allein werden zunächst erstmal mit dem Früh­ling asso­zi­iert oder auch mit Früh­lings­ge­fühlen, wenn jemand Ver­liebtes die Blü­ten­blätter abzupft: „Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich …“ Wir würden also eher eine Lie­bes­ge­schichte erwarten. Wenn die Gän­se­blüm­chen jedoch mit Blut bespritzt sind, dann geht es in dem Roman wahr­schein­lich eher darum, dass jemand Ver­liebtes umge­bracht wurde und seine Ver­liebt­heit dabei eine zen­trale Rolle gespielt hat. Vom Wort „Blut“ schließen wir ein­fach schnell auf „Mord“ und es ent­stehen auto­ma­tisch Fragen nach dem Täter und nach dem Motiv. Als poten­ti­elle Leser schlüpfen wir daher gerne in die Rolle des Detek­tivs und suchen nach Ant­worten.

Meis­tens hat die kon­no­ta­tive Bedeu­tung auch eine kul­tu­relle Kom­po­nente.

Sagen wir mal, Du hast eine Lie­bes­schnulze mit dem Titel Sechs Rosen zum Geburtstag ver­fasst. In Russ­land und vielen anderen ost­eu­ro­päi­schen Län­dern würde dieser Titel jedoch kei­nes­wegs als Lie­bes­schnulze durch­gehen können. – Warum? Weil Sechs eine gerade Zahl ist und man eine gerade Zahl von Blumen nur dann ver­schenkt, wenn jemand gestorben ist. Für einen Ost­eu­ro­päer hätte der Titel Sechs Rosen zum Geburtstag also etwas Mor­bides.

Wenn der Titel auch noch beson­ders ori­gi­nell und ein­prägsam sein soll, eignen sich rhe­to­ri­sche Kniffe wie Wort­spiele oder Stil­mittel.

Ver­gleiche zum Bei­spiel den eng­li­schen und deut­schen Titel der Twi­light- bzw. Bis(s)-Vam­pir­saga. Dass Twi­light, der Ori­gi­nal­titel des ersten Bandes, so nichts­sa­gend und gene­risch ist, wie er nur sein kann, stand dem kom­mer­zi­ellen Erfolg der Buch­reihe zwar nie im Wege, aber im deutsch­spra­chigen Raum scheint ein Kon­sens dar­über zu herr­schen, dass der Titel der Über­set­zung, Bis(s) zum Mor­gen­grauen, sehr viel inter­es­santer ist. Obwohl ich kein Fan der Reihe bin, wurde auch meine Neu­gierde erst durch den deut­schen Titel geweckt, ein­fach weil „Bis(s)“ so ein hüb­sches Wort­spiel aus einer Prä­po­si­tion und einem vam­pir­las­tigen Sub­stantiv dar­stellt.

Ein sehr bekanntes und ein­fa­ches Bei­spiel für die Ver­wen­dung rhe­to­ri­scher Stil­mittel im Titel ist die Serie Brea­king Bad: Hier haben wir es mit einer ganz banalen, aber sehr effek­tiven Alli­te­ra­tion zu tun. Vor allem im Ame­rican Eng­lish bedeutet der Aus­druck „to break bad“ so viel wie: „auf die schiefe Bahn geraten“, und fasst somit die Prä­misse der Geschichte wun­derbar zusammen. Nun hätte der Titel rein von der inhalt­li­chen Bedeu­tung her auch etwas sein können wie Tur­ning to Crime oder Going Astray. Ich denke aller­dings, dass wir uns schnell einig werden, dass die Alli­te­ra­tion Brea­king Bad sehr viel inter­es­santer und ein­gän­giger ist.

Bei den Bemü­hungen um Ori­gi­na­lität greifen viele Autoren gerade im deutsch­spra­chigen Raum übri­gens gerne auf fremd­spra­chige, ins­be­son­dere eng­li­sche, Titel zurück. Das ist ein Trend, den ich per­sön­lich noch nie leiden konnte, weil er in 80 bis 90 Pro­zent aller Fälle kom­plett unsinnig ist. Sagen wir es mal so: Nichts­sa­gende und gene­ri­sche Titel wie Zwie­licht, Blauer Himmel, Große Liebe und Kon­sorten werden nicht aus­sa­ge­kräf­tiger und ori­gi­neller, wenn man sie zu Twi­light, Blue Sky und Great Love umschus­tert. Dass sie auf manche Men­schen „cooler“ wirken, liegt, denke ich, an einem gewissen exo­ti­schen Touch, den eine Fremd­sprache so mit sich bringt. Wenn man diese Fremd­sprache aber etwas besser beherrscht und sie als ganz natür­lich emp­findet, dann ent­puppen sich solche Titel schnell als die nichts­sa­genden und gene­ri­schen Lang­weiler, die sie sind.

Des­wegen würde ich fremd­spra­chige Titel nur dann emp­fehlen, wenn die Ver­wen­dung der jewei­ligen Fremd­sprache eine ganz kon­krete Funk­tion hat.

Ein gutes Bei­spiel dafür ist der bereits bespro­chene Titel Quo vadis?, bei dem die Ver­wen­dung einer latei­ni­schen Phrase ange­sichts der christ­li­chen The­matik und des Set­tings mehr als berech­tigt ist.

Seri­en­titel

Wenn wir nun zur Ein­gän­gig­keit von Titeln zurück­kehren, so ist sie beson­ders wichtig bei Serien,

weil die Zuge­hö­rig­keit eines neuen Teils zur Serie idea­ler­weise sofort erkennbar sein soll.

So sind die Titel der Harry-Potter-Bücher nicht umsonst nach ein und dem­selben Schema auf­ge­baut, näm­lich aus der Kom­bi­na­tion des Namens Harry Potter und eines Dings, ver­bunden durch ein „und“: Harry Potter und irgendein Ding. Natür­lich kannst Du jedem Band der Serie auch ein­fach eine Zahl ver­passen, ansonsten aber den­selben Titel ver­wenden. Aller­dings wirkt das schnell ein­fallslos, und weil Men­schen gerne von der Ver­pa­ckung auf den Inhalt schließen, kann es pas­sieren, dass sie auch Deiner Serie unter­stellen, ein­fallslos zu sein.

Ansätze für mar­ken­prä­gende Seri­en­titel gibt es dabei viele:

  • Du kannst der Serie einen Gesamt­titel geben und den ein­zelnen Bänden eigen­stän­dige Unter­titel. Zum Bei­spiel: Der Herr der Ringe als Seri­en­titel und Die Gefährten, Die zwei Türme und Die Rück­kehr des Königs als Unter­titel.
  • Du kannst in den Titeln der ein­zelnen Bände ein festes Ele­ment unter­bringen, das gewis­ser­maßen zum Titel der Serie wird. Ein Bei­spiel wäre die Fifty-Shades-Reihe mit den Titeln Fifty Shades of Grey, Fifty Shades Darker und Fifty Shades Freed.
  • Du kannst die Titel der ein­zelnen Bände einer Reihe auch nach einem bestimmten Schema auf­bauen, wie zum Bei­spiel bei der soge­nannten Edel­stein-Tri­logie. Die Titel der ein­zelnen Teile lauten: Rubinrot, Saphir­blau und Sma­ragd­grün. Wir haben hier also ein festes Schema von einer Kom­bi­na­tion aus einem Edel­stein und einer Farbe.

Und das waren nur ein paar Bei­spiele. Die Mög­lich­keiten sind natür­lich unend­lich. Zum Bei­spiel kannst Du Dir Titel über­legen, in denen immer die Nummer des jewei­ligen Bandes ent­halten ist. Wenn Du eine Tetra­logie schreibst und Jah­res­zeiten darin eine beson­dere Rolle spielen, wäre es durchaus eine Idee, „Früh­ling“, „Sommer“, „Herbst“ und „Winter“ in den ein­zelnen Band­ti­teln unter­zu­bringen. Und außerdem spricht auch nichts dagegen, ein­zelne Ansätze mit­ein­ander zu kom­bi­nieren: so zum Bei­spiel bei der Harry-Potter-Reihe, die die Ansätze „festes Ele­ment“ und „Schema“ kom­bi­niert, oder die Bis(s)-Reihe, deren Band­titel immer das feste Ele­ment „Bis(s)“ und dar­aufhin eine Tages­zeit beinhalten, vom „Mor­gen­grauen“, über die „Mit­tags­stunde“ und das „Abendrot“ bis hin zum „Ende der Nacht“.

Grund­sätz­lich kannst Du den Wie­der­erken­nungs­wert durchaus über Bord werfen, aber emp­fehlen würde ich das nicht. So habe ich zum Bei­spiel schon in meh­reren Arti­keln gesagt, dass ich Remar­ques Der Weg zurück besser finde als Im Westen nichts Neues. Dabei ist Der Weg zurück die hoch­of­fi­zi­elle Fort­set­zung von Im Westen nichts Neues, hat sich aber nicht im selben Maße als Klas­siker eta­bliert. Das hat viele ver­schie­dene Gründe, aber einer davon könnte sein, dass man die Fort­set­zung anhand des Titels nicht als solche erkennt. Ja, Der Weg zurück ist sehr eigen­ständig und kann ohne Kenntnis von Im Westen nichts Neues gelesen werden, aber rein mar­ke­ting­tech­nisch wäre es sicher­lich sinn­voll gewesen, im Titel eine Ver­bin­dung zum erfolg­rei­chen Vor­gänger her­zu­stellen:

In Der Weg zurück geht es ja darum, dass die über­le­benden Sol­daten nach dem Ersten Welt­krieg in ihre Heimat zurück­kehren, dort aber vom Krieg wieder ein­ge­holt werden, näm­lich in Form von lang­fris­tigen Schäden der Psyche, des Sozi­al­ver­hal­tens und der Bezie­hungen. Daher wäre mein hof­fent­lich mar­ke­ting­taug­li­cherer Alter­na­tiv­vor­schlag etwas wie: In der Heimat nichts Neues. Das würde an Im Westen nichts Neues anknüpfen und somit die Kriegs­the­matik signa­li­sieren, gleich­zeitig aber einen Wechsel des Schau­platzes von der West­front in die Heimat andeuten. „Nichts Neues“ würde dabei den zen­tralen Kon­flikt aus­drü­cken, näm­lich dass der Krieg trotz offi­zi­ellen Kriegs­endes gewis­ser­maßen immer noch wei­ter­geht bzw. nach­wirkt und die Figuren nicht ein­fach mal eben ein neues Leben beginnen können.

Schluss­wort

Ein Teil des heu­tigen Arti­kels war natür­lich reine Wie­der­ho­lung, aber ich hoffe, ich konnte trotzdem ein paar Anre­gungen bei­steuern.

Abschlie­ßend möchte ich nur noch einen Hin­weis los­werden:

Achte darauf, dass der von Dir gewählte Titel nicht schon ver­geben ist!

Wenn der Titel zum Bei­spiel bereits von jemand anderem kom­mer­ziell ver­wendet wird, könn­test Du mar­ken­recht­lich oder auf ähn­li­cher Grund­lage ver­klagt werden. Und selbst wenn es nicht zu einem juris­ti­schen Streit kommt, so besteht immer noch Ver­wechs­lungs­ge­fahr und das kann nega­tive Folgen fürs Geschäft haben. Am besten, Du gibst Deinen Titel in eine Such­ma­schine ein und stellst sicher, dass Dein Titel und somit die Marke, die Du eta­blieren möch­test, wirk­lich ein­zig­artig ist.

Und weil sich ein gutes Gefühl für Titel erst mit der Praxis ent­wi­ckelt, möchte ich Ende Januar 2023 einen Live­stream durch­führen und dort ein paar Geschich­ten­titel zer­legen. – Wenn Du willst, gerne auch mit Input aus der Com­mu­nity bzw. mit der Mög­lich­keit, den eigenen Manu­skript­titel ein­zu­rei­chen und ihn zer­legen und bewerten zu lassen. Den genauen Termin gebe ich erst im Januar bekannt, doch wenn Du teil­nehmen möch­test, kannst Du Dich schon mal im Com­mu­nity Tab auf You­Tube oder durch einen Bei­tritt zur Krea­tiv­Crew auf die Lauer legen. Ich freue mich auf Dich!

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