Das Böse in uns: Mitläufer, Feindbilder, Hass (Wie geht selbstständiges, kritisches Denken? – Teil 2)

Das Böse in uns: Mitläufer, Feindbilder, Hass (Wie geht selbstständiges, kritisches Denken? – Teil 2)

War­um ist kri­ti­sches Den­ken eigent­lich so wich­tig? Nach­dem wir im ers­ten Teil die­ser Rei­he fest­ge­stellt haben, war­um es so schwie­rig ist, beschäf­ti­gen wir uns jetzt mit dem Scha­den, den wir durch man­gel­haf­tes kri­ti­sches Den­ken ver­ur­sa­chen. Denn wäh­rend wir alle uns um die gesell­schaft­li­che Spal­tung sor­gen, ist doch jeder selbst Teil des Problems …

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Wir alle machen uns Sor­gen um die gesell­schaft­li­che Spal­tung und den immer bos­haf­te­ren Ton, der die gesell­schaft­li­chen Debat­ten beherrscht. Wir machen uns Sor­gen um Hass und Het­ze. Wir sind ehr­lich und auf­rich­tig für mehr Empa­thie und Ver­ständ­nis für­ein­an­der. – Wenn die Gegen­sei­te nur nicht so pro­pa­gan­da­ver­seucht und ver­bohrt wäre!

Ist Dir schon mal der Gedan­ke gekom­men, dass Du selbst Teil des Pro­blems sein könn­test? Dass Du selbst abstem­pelst, pöbelst, auf­hetzt oder zumin­dest weg­schaust, wenn jemand Dei­ner Gleich­ge­sinn­ten so etwas tut? Dass Du bei dem Ver­such, die Welt, die Gesell­schaft, Deutsch­land oder was auch immer zu ret­ten, zur Zer­stö­rung beiträgst?

Wie im ers­ten Teil die­ser Rei­he bereits erläu­tert, ist es abso­lut natür­lich, wenn Dir die­ser Gedan­ke noch nie gekom­men ist, Du ihn kate­go­risch aus­schließt oder zu dem Schluss gekom­men bist, dass er nicht stimmt. Damit gehörst Du zur über­wäl­ti­gen­den Mehr­heit. Will­kom­men im Klub der Dumpfbacken.

Nun wäre die Welt zwei­fel­los ein bes­se­rer, fried­vol­le­rer Ort, wenn wir kei­ne Dumpf­ba­cken wären. Des­we­gen möch­te ich, bevor wir im drit­ten Teil dar­über reden, wie kri­ti­sches Den­ken in der Pra­xis funk­tio­niert, expli­zit beleuch­ten, war­um es über­haupt so wich­tig ist. Das ist im ers­ten Teil immer wie­der ange­klun­gen, aber ein Man­gel an kri­ti­schem Den­ken ist extrem gefähr­lich, töd­lich sogar, und das möch­te ich an kon­kre­ten Bei­spie­len erläutern.

Weil wir hier in Deutsch­land sind (ich zumin­dest bin es) und ich das The­ma ohne­hin schon im ers­ten Teil ange­schnit­ten habe, spre­chen wir zunächst dar­über, wie der Natio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land solch unge­heu­er­li­che Züge anneh­men konn­te. Wie Dir sicher­lich bereits auf­ge­fal­len ist – nicht zuletzt durch mei­nen Arti­kel über Pro­pa­gan­da und Sto­rytel­ling – ist es eins der The­men, die mich in den letz­ten zehn Jah­ren und eigent­lich auch schon dar­über hin­aus beschäf­tigt haben. Und wenn man das Böse schlecht­hin unter­su­chen möch­te, dann bie­tet sich die­ses dunk­le Kapi­tel der deut­schen Geschich­te bes­tens an.

In den dar­auf­fol­gen­den Abschnit­ten wird es dar­um gehen, wie das Böse trotz aller Auf­klä­rung in uns wei­ter­lebt und sein übles Werk treibt. Mei­ne Bei­spie­le wer­den dabei natür­lich sub­jek­tiv ein­ge­färbt sein. Denn auch ich habe mei­nen Rea­li­täts­tun­nel und vor allem mei­ne toten Win­kel. Und der Witz bei toten Win­keln ist, dass man gar nicht sieht, was dort drin steckt. Genau­so wie ein Blin­der nicht die rich­ti­ge Per­son ist, um Far­ben zu beschrei­ben, bin ich nicht die rich­ti­ge Per­son, um mei­ne eige­nen toten Win­kel zu zer­le­gen. Ich könn­te das nicht ansatz­wei­se so gut wie bei den Feh­lern, die ich bei ande­ren sehe (oder zumin­dest zu sehen glau­be). Des­we­gen kon­zen­trie­re ich mich eben auf die Feh­ler ande­rer. Ich bit­te, mir mei­ne mensch­li­che Beschränkt­heit nach­zu­se­hen und ein­fach im Hin­ter­kopf zu behal­ten: Ja, die Schreib­tech­ni­ke­rin weiß, dass sie genau­so eine Dumpf­ba­cke wie alle ande­ren ist!

Nationalsozialismus: Die Banalität des Bösen nach Hannah Arendt

Ich feie­re das im ers­ten Teil bereits erwähn­te Buch The Palm­ström Syn­dro­me unter ande­rem des­we­gen, weil der Autor Dick de Mildt, der sich sein Leben lang mit NS-Pro­zes­sen und den dar­in zer­leg­ten Bio­gra­fien und psy­cho­lo­gi­schen Pro­fi­len von NS-Tätern beschäf­tigt hat, auf die Kon­tro­ver­sen um Han­nah Are­ndts Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Eich­mann-Pro­zess in Jeru­sa­lem und ihre dar­auf auf­bau­en­den Schlüs­se über die „Bana­li­tät des Bösen“ ein­geht. De Mildt bestä­tigt dabei ihre Erkenntnis,

dass die für einen gewöhn­li­chen Men­schen schein­bar so unbe­greif­li­chen Ver­bre­chen haupt­säch­lich nicht etwa von Wahn­sin­ni­gen und psy­chisch gestör­ten Fana­ti­kern, son­dern von ganz gewöhn­li­chen Otto Nor­mal­bür­gern ver­übt wur­den.

Dabei waren vie­le von ihnen nicht ein­mal wirk­lich Anti­se­mi­ten. Es waren ein­fach nur Men­schen, die Kar­rie­re machen woll­ten und ihren Job nach den­sel­ben Kri­te­ri­en gewählt hat­ten, die wir auch heu­te in unse­rem nor­ma­len All­tags­le­ben anwen­den. Sobald sie ihren Job in der Ver­nich­tungs­ma­schi­ne­rie hat­ten, haben sie brav und gewis­sen­haft ihre Pflich­ten aus­ge­führt, die Ver­ant­wor­tung und das Den­ken an den Gesetz­ge­ber out­ges­ourct und hiel­ten sich inner­halb ihrer eige­nen Bla­se für durch­aus anstän­di­ge und sogar huma­ne, empa­thi­sche Bürger.

Das lässt auch an die eben­falls im ers­ten Teil bereits erwähn­te Aus­wer­tung der Erin­ne­rungs­kul­tur in den deut­schen Fami­li­en den­ken („Opa war kein Nazi“): In der Regel ste­hen hier die Ange­hö­ri­gen der eige­nen Fami­lie, wie gesagt, als Hel­den oder Opfer da, als Men­schen, die zumin­dest anstän­dig waren. – Doch durch ihre Untä­tig­keit haben sie de fac­to als pas­si­ve Zuschau­er und dadurch Mög­lich­ma­cher und indi­rek­te Mit­tä­ter fun­giert. Ein Bei­spiel zur Erläuterung:

Wenn es in einer Schul­klas­se zu Mob­bing kommt, dann sind nicht so sehr die vier Mob­ber das Pro­blem, denn fau­le Äpfel gibt es immer und über­all. Das Pro­blem sind eher die fünf­und­zwan­zig ande­ren Leu­te in der Klas­se, die das Mob­bing durch ihr Weg­schau­en, durch ihre Pas­si­vi­tät, qua­si „erlau­ben“. Sie las­sen es zu, dass das Mob­bing auf­blü­hen kann, und gleich­zei­tig ver­mit­teln sie dem Opfer durch ihre Pas­si­vi­tät, dass es kei­ne Hil­fe zu erwar­ten braucht, ver­stär­ken also sein Gefühl des Aus­ge­lie­fert­seins und wer­den dadurch im Grun­de zum Teil der Droh­ku­lis­se, die das Opfer see­lisch zerstört.

Ich wür­de es daher gar nicht als über­zo­gen betrach­ten, den deut­schen Otto Nor­mal­bür­ger der 30er und 40er Jah­re eben als indi­rek­ten Mit­tä­ter zu betrach­ten, ein­fach weil er ein bra­ves, funk­tio­nie­ren­des Zahn­rad inner­halb eines in sei­nem tiefs­ten Kern ver­bre­che­ri­schen Sys­tems war und sich in die­sem Sin­ne auch nicht von den akti­ve­ren Tätern der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­bü­ro­kra­tie und des mör­de­ri­schen Per­so­nals vor Ort unterschied.

Ein häu­fi­ger Ein­wand, gera­de­zu ein Kli­schee, ist die ewi­ge Lei­er von: „Man hat ja von nichts gewusst.“ Denn wenn der Otto Nor­mal­bür­ger von all den Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus gewusst hät­te, dann wäre er doch in all sei­ner mensch­li­chen Anstän­dig­keit in den Wider­stand gegan­gen! Zumin­dest glau­ben es der Otto Nor­mal­bür­ger und sei­ne Nach­fah­ren. Bei genaue­rem Hin­se­hen zer­fällt jedoch die­se klas­si­sche Ausrede:

Bekann­ter­ma­ßen gab es wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus an jeder Ecke Hass­pro­pa­gan­da. Es gab Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger in unmit­tel­ba­rer Nähe zu bewohn­ten Ort­schaf­ten. KZ-Häft­lin­ge und ver­schlepp­te, ver­sklav­te Men­schen, vor­wie­gend aus Ost­eu­ro­pa, arbei­te­ten in deut­schen Betrie­ben und auf deut­schen Bau­ern­hö­fen. Bestimm­te Min­der­hei­ten, vor allem Juden, sind mas­sen­haft ver­schwun­den. Ein wesent­li­cher Teil der Ver­nich­tung von Men­schen fand nicht in KZs, son­dern vor Ort in den besetz­ten Gebie­ten in Ost­eu­ro­pa statt, zum Teil unter direk­ter Betei­li­gung der Wehr­macht, also der ein­ge­zo­ge­nen Otto Nor­mal­bür­ger. Wäh­rend des Ver­nich­tungs­krie­ges im Osten wur­den auch ganz zen­tral ras­sis­tisch moti­vier­te Kriegs­ver­bre­chen wie der Kom­mis­sar­be­fehl, die Maß­nah­men im Kampf gegen die Par­ti­sa­nen und die Lenin­gra­der Blo­cka­de ange­ord­net und die Otto Nor­mal­bür­ger in der Wehr­macht haben mit­ge­macht und dabei auch der ost­eu­ro­päi­schen Zivil­be­völ­ke­rung die Nah­rungs­mit­tel weg­ge­fres­sen und die­se dadurch in den Hun­ger gestürzt. Und nicht zuletzt hat Hit­ler selbst sei­ne radi­ka­len Ansich­ten und Plä­ne ziem­lich expli­zit in sei­nem Best­sel­ler Mein Kampf dar­ge­legt. Wer die Gefähr­lich­keit die­ser Ideo­lo­gie nicht erkannt hat, selbst wenn er unmit­tel­bar Zeu­ge wur­de oder – sei es auch noch so wider­wil­lig – mit­ma­chen muss­te, hat also nicht etwa „von nichts gewusst“, son­dern all die offen­sicht­li­chen, neon­blin­ken­den Warn­zei­chen vor sei­ner Nase ein­fach nicht wahr­ge­nom­men. Sie­he dazu den ers­ten Teil die­ser Rei­he über Denk­feh­ler und kogni­ti­ve Blockaden.

Wenn also das gute, alte „von nichts gewusst“ beschwo­ren wird, dann ist eher von einem unbe­wuss­ten Von-nichts-wis­sen-Wol­len die Rede: Denn Wis­sen bedeu­tet in die­sem Fall Ver­ant­wor­tung. Wenn man der Ver­ant­wor­tung ent­ge­hen will, dann sagt man, man habe die­ses Wis­sen nicht gehabt. – Als ob jemand ver­pflich­tet gewe­sen wäre, einen wahr­heits­ge­mäß zu infor­mie­ren. Und genau hier liegt der Knackpunkt:

Nie­mand ist ver­pflich­tet, Dich zu infor­mie­ren. Jeder sagt Dir nur das, von dem er will, dass Du es weißt. Wenn er nicht will, dass Du etwas weißt, dann sagt er es Dir nicht. Und dass Sys­te­me ein Grund­in­ter­es­se dar­an haben, sich selbst auf­recht­zu­er­hal­ten, habe ich ja schon ausgeführt.

Es liegt also nicht im Inter­es­se eines Sys­tems, Dich zum Hin­ter­fra­gen zu motivieren.

Zu erwar­ten, dass es das trotz­dem tut, ist naiv. Und nicht zuletzt hat die pas­si­ve Erwar­tung, umfas­send infor­miert zu wer­den, nichts mit selbst­stän­di­gem Den­ken zu tun. Denn selbst­stän­di­ges Den­ken bedeu­tet auch selbst­stän­di­ge Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung: Du musst es per defi­ni­tio­nem selbst tun.

Es geht mir bei die­sen Aus­füh­run­gen im Übri­gen – und das möch­te ich expli­zit beto­nen – kei­nes­wegs dar­um, Scham­ge­füh­le aus­zu­lö­sen, son­dern das eigent­li­che Kern­pro­blem hin­ter dem Natio­nal­so­zia­lis­mus zu ermit­teln. Denn nur, wenn man das eigent­li­che Kern­pro­blem iden­ti­fi­ziert, kann man es auf­ar­bei­ten. Und genau hier sehe ich ein ent­schei­den­des Pro­blem der deut­schen Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, wodurch eine Wie­der­ho­lung der Ver­bre­chen mei­ner Ein­schät­zung nach jeder­zeit mög­lich ist, wenn auch eher unter einer ande­ren Flag­ge als dem Nationalsozialismus.

Lücken der Vergangenheitsbewältigung

Sicher­lich hast Du bereits vom Sozi­al­ex­pe­ri­ment „The Third Wave“ gehört, das der Leh­rer Ron Jones 1967 an einer kali­for­ni­schen High School durch­führ­te. Zumal es den deut­schen Film Die Wel­le gibt, des­sen Hand­lung auf genau die­sem Expe­ri­ment basiert. Inspi­riert durch die Fra­gen sei­ner Schü­ler, wie die ganz nor­ma­len Men­schen in Deutsch­land behaup­ten konn­ten, von den Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus nichts gewusst zu haben, beschloss Ron Jones, es ihnen am eige­nen Leib zu demons­trie­ren und grün­de­te eine fik­ti­ve Bewe­gung namens „The Third Wave“. Die­se gewann inner­halb weni­ger Tage an Bedeu­tung und ent­wi­ckel­te eine auto­ri­tä­re Struk­tur. Durch Dis­zi­plin, Druck und Mani­pu­la­ti­on began­nen die Schü­ler, die stren­gen Regeln zu befol­gen, ein­an­der zu denun­zie­ren und Nicht­mit­glie­der der Bewe­gung zu mobben.

Die rasan­te Eska­la­ti­on zeig­te ein­drucks­voll, wie schnell und bereit­wil­lig Men­schen das kri­ti­sche Den­ken able­gen kön­nen und wel­che Macht in Grup­pen­dy­na­mi­ken und im Kon­for­mi­täts­druck steckt.

Wenn ich also sage, dass eine Wie­der­ho­lung der NS-Ver­bre­chen jeder­zeit mög­lich ist, dann sage ich das nicht ein­fach so. Nicht nur die Deut­schen – die Men­schen ins­ge­samt haben die wah­ren Gefah­ren, soweit ich das ein­schät­zen kann, nicht aus­rei­chend ver­ar­bei­tet. Denn wenn man „das Böse“ sich als Wahn vor­stellt und nicht als nor­ma­les Ver­hal­ten nor­ma­ler Men­schen, dann bil­det man sich ger­ne ein, man wür­de das Böse schon erken­nen, wenn man es sieht: Wenn nicht an Teu­fels­hör­nern und Zie­gen­hu­fen, dann doch an irgend­wel­chen äußer­li­chen Gemein­sam­kei­ten mit Hit­ler und dem Natio­nal­so­zia­lis­mus, sei­en die Ver­glei­che auch noch so sehr an den Haa­ren herbeigezogen.

So schüt­telt zum Bei­spiel prak­tisch die gan­ze Welt den Kopf über Deutsch­land, weil hier Patrio­tis­mus und Hei­mat­lie­be häu­fig mit Natio­na­lis­mus gleich­ge­setzt und die Natio­nal­flag­gen höchs­tens zur Fuß­ball-WM raus­ge­holt wer­den. Zumin­dest habe ich noch nie einen Nicht­deut­schen getrof­fen, der der Mei­nung wäre, dass das ein guter und gesun­der Umgang mit der eige­nen Iden­ti­tät wäre. Ganz per­sön­lich glau­be ich sogar, dass das einen beson­ders frucht­ba­ren Boden für Faschis­mus berei­tet. Dabei leh­ne ich mich an Erich Fromms Die Kunst des Lie­bens an, wo er unter ande­rem zwi­schen Selbst­lie­be und Nar­ziss­mus trennt und Selbst­lie­be als Grund­vor­aus­set­zung ansieht, um ande­re lie­ben zu kön­nen, wäh­rend der Nar­ziss­mus aus einem Man­gel an Selbst­lie­be entsteht.

Auf die natio­na­le, eth­ni­sche und kul­tu­rel­le Zuge­hö­rig­keit über­tra­gen wür­de das bedeu­ten, dass man zuerst das eige­ne Land lie­ben und respek­tie­ren muss, um wirk­li­che Lie­be und Respekt gegen­über ande­ren Völ­kern haben zu kön­nen. Patrio­tis­mus bedeu­tet somit, dass man sich selbst bzw. das eige­ne Land akzep­tiert und liebt, wie es ist. Dadurch weiß man über­haupt erst, wie es grund­sätz­lich funk­tio­niert, jeman­den so zu lie­ben und zu akzep­tie­ren, wie er ist, kann Lie­be und Respekt also auch ande­ren entgegenbringen.

In die­sem Zusam­men­hang fällt mir ein Zitat von Ernst Thäl­mann ein: „Mein Volk, dem ich ange­hö­re und das ich lie­be, ist das deut­sche Volk; und mei­ne Nati­on, die ich mit gro­ßem Stolz ver­eh­re, ist die deut­sche Nati­on.“ – Heu­te wird man für sol­che Aus­sa­gen ger­ne in die rech­te Ecke gestellt. Als Vor­sit­zen­der der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands und poli­ti­scher Gegen­spie­ler Hit­lers, der 1944 im KZ Buchen­wald ermor­det wur­de, steht Thäl­mann aber nun wirk­lich nicht im Ver­dacht, rechts­extre­mes Gedan­ken­gut zu ver­tre­ten. Er war sogar der­ma­ßen links­ra­di­kal, dass er die SPD bekämpf­te, weil er sie als „sozi­al­fa­schis­tisch“ betrach­te­te. Lie­be für das eige­ne Volk und Stolz auf die eige­ne Nati­on bedeu­ten eben nicht, dass man irgend­wie rechts­extrem ist.

Das ist man nur, wenn man das eige­ne Volk und die eige­ne Nati­on für etwas Bes­se­res hält. Denn wenn man sich über ande­re stellt, dann ent­steht das aus einem Min­der­wer­tig­keits­kom­plex her­aus, also aus man­geln­der Selbst­lie­be, die man durch Selbst­über­hö­hung kom­pen­sie­ren will. Genau das ist aber, wie gesagt, das Grund­prin­zip von Nar­ziss­mus, einer Ver­hal­tens­stö­rung, die auf natio­na­ler Ebe­ne zum Natio­na­lis­mus wird. Dabei wird der spe­zi­ell deut­sche Man­gel an Selbst­lie­be, fürch­te ich, durch einen regel­rech­ten Kult von Schuld­ge­füh­len genährt, und die tra­gi­sche und bru­ta­le deut­sche Ver­gan­gen­heit wird ger­ne her­an­ge­zo­gen für die banals­ten der uns aus dem ers­ten Teil die­ser Rei­he bekann­ten Mani­pu­la­ti­ons­tech­ni­ken: „Du bist ja so böse, böse, böse – aber wenn Du gut sein willst, dann musst Du die­ses und jenes tun.“ Also läuft der deut­sche Michel los und tut, was von ihm ver­langt wird, damit er nur nicht als amo­ra­lisch dasteht, und schwingt sich irgend­wann sogar zum Moral­apos­tel mit einem beleh­ren­den Zei­ge­fin­ger auf. Denn wenn man sei­ne natio­na­le Iden­ti­tät nicht her­an­zie­hen kann, um sich als Volk und/​oder Kul­tur bes­ser zu füh­len als ande­re, weil einem sonst auf die Fin­ger gehau­en wird, dann akzep­tiert man eben eine ande­re Ideo­lo­gie, die einem ein Über­le­gen­heits­ge­fühl ver­schafft, zum Bei­spiel die hoch­ge­prie­se­nen „west­li­chen Wer­te“, an die man sich aber selbst nicht unbe­dingt hält. Mehr noch, wenn wir die west­li­che Geschich­te aus Vogel­per­spek­ti­ve betrach­ten, kön­nen wir einen Trend erkennen:

Kreuz­zü­ge: bru­ta­le Angriffs­krie­ge, recht­fer­tigt durch west­li­che Wer­te im Män­tel­chen des katho­li­schen Chris­ten­tums. Kolo­nia­lis­mus: bru­ta­le Angriffs­krie­ge, recht­fer­tigt durch west­li­che Wer­te im Män­tel­chen einer angeb­lich wei­ter ent­wi­ckel­ten „Zivi­li­sa­ti­on“. Impe­ria­lis­mus und west­li­che Natio­na­lis­men: bru­ta­le Angriffs­krie­ge, recht­fer­tigt durch west­li­che Wer­te im Män­tel­chen bio­lo­gi­scher, „ras­si­scher“ Über­le­gen­heit. Zwei­te Hälf­te 20. und 21. Jahr­hun­dert: bru­ta­le Angriffs­krie­ge, recht­fer­tigt durch west­li­che Wer­te im Män­tel­chen von Frei­heit und Demo­kra­tie. Also egal, wel­che Epo­che – die Wer­te ändern sich zwar, aber eine Kon­stan­te bleibt: Das Gefühl einer grund­le­gen­den Über­le­gen­heit und das Bestre­ben, das eige­ne Sys­tem ande­ren auf­zu­zwin­gen, um die Wil­den da drau­ßen zu „zivi­li­sie­ren“ (ganz im Sin­ne von „The White Man’s Bur­den“ von Rudyard Kipling). Ich per­sön­lich bezeich­ne das als Kul­tur­fa­schis­mus. Und es schmerzt mich zu sehen, wie an sich gute Ideen zu einer Art fana­ti­schem Glau­ben wer­den, den man zum Non­plus­ul­tra erhebt und dann miss­braucht, um sich über ande­re zu stel­len, sei­ne ego­is­ti­schen Inter­es­sen durch­zu­set­zen und sich dabei als Hort von Zivi­li­sa­ti­on und Moral zu füh­len. – Das ist es doch, was wirk­lich an die dun­kels­ten Kapi­tel der deut­schen Geschich­te erin­nern sollte!

Ich hal­te es also für grund­le­gend falsch, jede auch nur ent­fern­te Par­al­le­le zum Natio­nal­so­zia­lis­mus zu ver­teu­feln: Wenn man Kat­zen nied­lich fin­det, ist man ja noch lan­ge kein Nazi, nur weil irgend­ein pro­mi­nen­ter Nazi auch Kat­zen nied­lich fand, und wenn man Stüh­le, Hocker und Sche­mel benutzt, ist man auch kein Nazi, nur weil Nazis sie auch benutzt haben, unter ande­rem für die ein oder ande­re Hin­rich­tungs­me­tho­de. Die Wahr­heit ist,

dass „die Nazis“, die rich­ti­gen Nazis, die in der Nach­kriegs­zeit vor Gericht stan­den, sich nach äußer­li­chen Kri­te­ri­en kei­nen Deut von uns unter­schie­den.

Die­se Bana­li­tät des Bösen ist der Grund, war­um wir das Böse eben nicht auf den ers­ten Blick und mit blo­ßem Auge erken­nen kön­nen. Denn es sitzt sehr tief in uns selbst drin und äußert sich vor allem in unse­rem Ver­hal­ten gegen­über ande­ren Men­schen:

  • Wer gegen irgend­wel­che Grup­pen und Anders­den­ken­de hetzt, sie ent­mensch­licht, aus­grenzt und ver­bal oder sogar kör­per­lich angreift, mögen die Ansich­ten und Hand­lun­gen die­ser Grup­pen oder Anders­den­ken­den viel­leicht auch noch so ver­dreht sein, – solan­ge die­se Grup­pen kei­ne Straf­ta­ten bege­hen, han­delt jemand, der ihnen Hass und Ver­ach­tung ent­ge­gen­bringt, wie ein Nazi.
  • Wer meint, dass die Rich­tig­keit sei­ner Ansich­ten men­schen­ver­ach­ten­de und ande­re unde­mo­kra­ti­sche Maß­nah­men recht­fer­tigt, han­delt wie ein Nazi.
  • Wer Anders­den­ken­de und ande­re Men­schen, denen irgend­et­was vor­ge­wor­fen wird, ohne Unter­su­chung und/​oder gericht­li­ches Urteil bereits als fer­ti­ge Ver­bre­cher abstem­pelt und bestra­fen will, sei es auch „nur“ durch ver­ba­le Gewalt – Stich­wort Can­cel Cul­tu­re –, han­delt wie ein Nazi.
  • Wer Auto­ri­tä­ten – sei­en sie auch noch so wis­sen­schaft­lich, gott­ge­sandt oder was auch immer – unhin­ter­fragt Glau­ben schenkt, han­delt wie ein Nazi-Mitläufer.
  • Wer bei Hass­re­de und beim Auf­bau von Feind­bil­dern weg­schaut und sein Leben gemüt­lich wei­ter­lebt statt zu hin­ter­fra­gen, han­delt wie ein Nazi-Mitläufer.
  • Wer Anders­den­ken­den aus dem Weg geht und ihnen von vorn­her­ein nicht zuhört, weil er sie für dumm, unbe­lehr­bar und sowie­so ver­lo­ren hält, han­delt wie ein Nazi-Mitläufer.
  • Wer von sei­ner Mei­nung fel­sen­fest über­zeugt ist, ohne sei­ne Infor­ma­tio­nen selbst­stän­dig (!) über­prüft zu haben, han­delt wie ein Nazi-Mitläufer.
  • Wer die Nar­ra­ti­ve der Mäch­ti­gen nach­plap­pert, um posi­ti­ves Feed­back und irgend­wel­che Vor­tei­le zu bekom­men, han­delt wie ein Nazi-Opportunist.

Soll ich wei­ter­ma­chen oder ist Dir schon auf­ge­fal­len, dass wir alle mehr oder weni­ger betrof­fen sind, vor allem jetzt, in Zei­ten tie­fer gesell­schaft­li­cher Spal­tung? Dabei fällt auf, dass die­je­ni­gen, die sich am meis­ten gegen sol­che Vor­wür­fe weh­ren, ten­den­zi­ell am stärks­ten zu solch nazi­haf­tem Ver­hal­ten nei­gen. Das lässt sich mit einer nied­ri­gen Selbst­re­fle­xi­on erklä­ren, also wenn man den Split­ter im Auge des ande­ren sieht, aber nicht den Bal­ken im eige­nen. Denn Men­schen, die reflek­tie­ren, nei­gen dazu, ihr Ver­hal­ten nach Mög­lich­keit zu kor­ri­gie­ren. Und das sage ich nicht ein­fach so, son­dern nicht zuletzt nach eini­gen Erfah­run­gen in den Kom­men­ta­ren zu eini­gen mei­ner Arti­kel und Vide­os. Von Leu­ten, die ihr aggres­si­ves Ver­hal­ten ver­tei­di­gen, bis hin zu ver­meint­lich net­ten Kom­men­ta­to­ren, die von Respekt und Tole­ranz reden, dabei aber nicht mer­ken, dass ihre Äuße­run­gen über Anders­den­ken­de in den Bereich von nega­ti­ven Unter­stel­lun­gen oder sogar Belei­di­gun­gen drif­ten, habe ich da schon viel gese­hen. Und so man­ches gesperrt. Und neben­bei so man­chen Abon­nen­ten ver­lo­ren. Dabei aber viel gelernt.

Aber lan­ge Rede, kur­zer Sinn:

Die größ­te Lücke der deut­schen Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung besteht mei­ner Mei­nung nach dar­in, dass sie auf eine bestimm­te – sei es auch tat­säch­lich noch so schlim­me – Ideo­lo­gie redu­ziert wird.

Dabei hät­te sich die­se Ideo­lo­gie nie­mals so aggres­siv durch­set­zen kön­nen, wenn da nicht bestimm­te grund­mensch­li­che Eigen­schaf­ten und Ver­hal­tens­wei­sen am Werk gewe­sen wären. Und weil die­se Eigen­schaf­ten und Ver­hal­tens­wei­sen noch heu­te unge­hin­dert am Werk sind, las­sen sich die Nazi-Ver­bre­chen jeder­zeit wie­der­ho­len, nur viel­leicht mit einer ande­ren Ideo­lo­gie als Rechtsextremismus:

Oppor­tu­nis­ten und Mit­läu­fer blei­ben auch bei Links­extre­mis­mus, Grün­ex­tre­mis­mus, Rosa­ex­tre­mis­mus und Muf­fin­ex­tre­mis­mus Oppor­tu­nis­ten und Mitläufer.

Beispiel: Sehr unterbewusstes Mitläufertum

Gera­de weil es hier sehr stark um Selbst­re­fle­xi­on geht und wir so man­che unter­be­wuss­te kogni­ti­ve Blo­cka­den haben, die uns über­haupt erst zu Tätern, Oppor­tu­nis­ten und Mit­läu­fern machen, möch­te ich ein sehr sub­ti­les Bei­spiel von Mit­läu­fer­tum anfüh­ren, bei dem der Schrei­ber sich selbst offen­bar für über­aus kri­tisch den­kend und empa­thisch hält, dabei aber – zumin­dest mei­ner Ein­schät­zung nach – ehr­lich und auf­rich­tig nicht merkt, was er da von sich gibt.

Wor­um geht es also?

Als 2022 Russ­land in die Ukrai­ne ein­mar­schiert ist, traf es mich in vie­ler­lei Hin­sicht sehr hart. Zur sel­ben Zeit hat­te ich eh vor­ge­habt, mit Schreib­v­logs zu expe­ri­men­tie­ren. Doch da die poli­ti­sche Situa­ti­on mich so sehr mit­nahm, sind vie­le die­ser Vlogs eben sehr poli­tisch gewor­den, wobei mei­ne Wahr­neh­mung des Krie­ges sich von der Dar­stel­lung in den Leit­me­di­en unter­schei­det. Im Som­mer 2022 habe ich in der Krea­tiv­Crew eine Umfra­ge durch­ge­führt und woll­te wis­sen, ob mei­ne loyals­ten Leser und Zuschau­er mehr Vlogs haben wol­len oder nicht. Wenn man die­je­ni­gen, die die Vlogs nicht gese­hen und sich dem­entspre­chend nicht dazu geäu­ßert haben, nicht mit­zählt, fie­len die Mei­nun­gen eher aus­ge­wo­gen aus. Dabei war es bei der Abstim­mung mög­lich, sei­ne Mei­nung zu begrün­den, und eine sol­che Zuschrift sticht allein schon durch ihre schie­re Län­ge von sage und schrei­be fünf Norm­sei­ten hervor.

Auch wenn es kei­nes­wegs die Absicht des Schrei­bers war, hat mich noch nie eine Zuschrift so sehr ver­letzt wie die­se fünf Sei­ten. Ich habe damals im Affekt sogar über­legt, den gan­zen Kanal hin­zu­schmei­ßen. Die Inten­si­tät mei­ner emo­tio­na­len Reak­ti­on liegt natür­lich vor allem dar­in begrün­det, dass ich ohne­hin emo­tio­nal auf­ge­wühlt war. Die Ursa­chen für die­se Auf­ge­wühlt­heit, also inwie­fern der Ukrai­ne-Krieg mich getrof­fen hat, habe ich in mei­nem Schreib­v­log Ein­fluss der Gegen­wart – Ukrai­ne, Pro­pa­gan­da, Ras­sis­mus erläu­tert, und dar­auf bezog sich übri­gens auch die Zuschrift. Es geht mir bei mei­ner Ver­letzt­heit aller­dings nicht um Kri­tik an sich: Nach Jah­ren auf You­Tube habe ich schon auf jede erdenk­li­che undi­plo­ma­ti­sche bis belei­di­gen­de Wei­se gesagt bekom­men, dass mei­ne Stim­me schei­ße ist, ich wur­de auch unter­halb der Gür­tel­li­nie belei­digt und so wei­ter und so fort. Dass man ein­deu­tig belei­di­gen­de Kom­men­ta­re – egal, gegen wen, – bei mir eher sel­ten antrifft, liegt dar­an, dass ich sie blo­ckie­re, um die übri­ge Com­mu­ni­ty vor ihrer Toxi­zi­tät zu schüt­zen. Über kon­struk­ti­ve Kri­tik hin­ge­gen freue ich mich und ohne sie hät­te sich die Qua­li­tät mei­nes Con­tents bestimmt nicht so sehr ver­bes­sert. Und es ist auch nicht so, dass die besag­te Zuschrift nichts Kon­struk­ti­ves ent­hal­ten hät­te: Dass zu vie­le You­Tube-Kanä­le von ihrem eigent­li­chen The­ma abdrif­ten und dadurch einen Teil ihrer Zuschau­er­schaft ver­grau­len, ist zum Bei­spiel ein abso­lut legi­ti­mer, sach­li­cher Einwand.

Nein. Ver­let­zend war nicht die Kri­tik, son­dern … Fünf Sei­ten sind zu lang, um an die­ser Stel­le zer­legt zu wer­den, und außer­dem war die Zuschrift, wie es sich für mei­ne Krea­tiv­Crew-Umfra­gen gehört, anonym. Daher beschrän­ke ich mich auf eini­ge weni­ge Punk­te, um die Sache zu erläu­tern, und wer­de auch nicht groß­ar­tig wört­lich zitie­ren, son­dern eher indi­rekt, ein­fach zur Wah­rung der Anony­mi­tät und der Per­sön­lich­keits­rech­te der Per­son. Ich wer­de dar­le­gen, wor­um es geht, und kann Dich nur bit­ten, mir hier ein­fach zu glau­ben, dass ich die Tei­le der Zuschrift, die ich bespre­chen möch­te, inhalt­lich kor­rekt wiedergebe.

Fakten und Meinungen

Begin­nen wir mit etwas ziem­lich Ein­deu­ti­gem. So schreibt der Autor der Zuschrift zum Bei­spiel Folgendes:

Ein Freund wür­de ehren­amt­lich mit ukrai­ni­schen Flücht­lin­gen arbei­ten, und sie hät­ten „einen völ­lig ande­ren Blick“ auf die Ukrai­ne und den Kon­flikt. Sie sei­en bei­spiels­wei­se „kei­ne Fans von Ban­de­ra“, wür­den in ihm aber auch „nicht allein den Nazi­kol­la­bo­ra­teur“ sehen.

Der grö­ße­re Kon­text der Aus­sa­ge ist die Kri­tik, dass ich mei­ne per­sön­li­chen Erfah­run­gen ver­all­ge­mei­nern wür­de, kon­kret hier bezo­gen auf mei­nen Ein­druck, dass es in der heu­ti­gen Ukrai­ne zumin­dest eine Tole­ranz gegen­über Nazi-Ver­bre­chern gäbe, weil Nazi-Kol­la­be­ra­teu­re wie Ste­pan Ban­de­ra von man­chen als Hel­den ver­ehrt wer­den und Sta­tu­en und Gedenk­ta­feln bekom­men, an der rus­si­schen Behaup­tung, die Ukrai­ne hät­te ein Nazi-Pro­blem, also durch­aus etwas dran sei. Um sei­nen Vor­wurf von ver­all­ge­mei­nern­den per­sön­li­chen Erfah­run­gen zu unter­mau­ern, lis­tet der Autor der Zuschrift Bei­spie­le für ander­wei­ti­ge Erfah­run­gen auf. Doch abge­se­hen davon, dass mir mei­ne Sub­jek­ti­vi­tät, mein Rea­li­täts­tun­nel, durch­aus bewusst ist und ich schon am Anfang des Vide­os expli­zit dar­auf hin­wei­se, dass ich kei­ne unum­stöß­li­chen Wahr­hei­ten von mir gebe, dürf­te dem Autor selbst wahr­schein­lich prin­zi­pi­ell bewusst sein, dass es einen Unter­schied zwi­schen ande­ren Erfah­run­gen und his­to­ri­schen Fak­ten gibt – auch wenn er das an die­ser kon­kre­ten Stel­le zu ver­ges­sen scheint, weil sei­ne kogni­ti­ven Blo­cka­den zuschla­gen. Denn wenn es im vor­lie­gen­den Fall um Fak­ten zu Ste­pan Ban­de­ra geht, dann ist eben zu unter­schei­den zwi­schen dem, was geschichts­wis­sen­schaft­lich belegt ist, und dem, was irgend­wel­che Leu­te sagen.

Ich ken­ne vie­le unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven von Men­schen ukrai­ni­scher Her­kunft, von Flücht­lin­gen in Euro­pa, Flücht­lin­gen in Russ­land, deut­schen Staats­bür­gern mit ukrai­ni­schem Hin­ter­grund und so wei­ter … Ich ken­ne bestimmt nicht alle Per­spek­ti­ven, dazu sind es ein­fach zu vie­le, aber immer­hin so eini­ge. Und damit weiß ich sehr wohl, dass es Ukrai­ner gibt, die in Ban­de­ra „nicht allein den Nazi­kol­la­bo­ra­teur“ sehen. Tat­säch­lich lässt sich da ein gan­zes Spek­trum beob­ach­ten: von fana­ti­scher Ver­eh­rung bis hin zu kom­plet­ter Ableh­nung. Aber wer war er wirklich?

Dass ver­schie­de­ne Men­schen ver­schie­de­ne Mei­nun­gen über ihn haben, bedeu­tet zunächst nur, dass ver­schie­de­ne Men­schen ver­schie­de­ne Mei­nun­gen haben. Genau­so gibt es selbst bei den pro­mi­nen­tes­ten Ver­bre­chern des Drit­ten Rei­ches Men­schen, die ver­schie­de­ne Mei­nun­gen haben. Neo-Nazis wären kei­ne Neo-Nazis, wenn sie den Natio­nal­so­zia­lis­mus nicht ent­ge­gen der über­wäl­ti­gend ein­deu­ti­gen Quel­len­la­ge white­washen wür­den. Wenn man also zum Bei­spiel Hein­rich Himm­ler toll fin­det oder in ihm zumin­dest nicht allein den Nazi-Ver­bre­cher sieht, dann sagt das nichts über Hein­rich Himm­ler aus, son­dern eher über die Men­schen, die eine sol­che Mei­nung über ihn haben.

Ste­pan Ban­de­ra war, salopp gesagt, etwas wie ein ukrai­ni­scher Hein­rich Himm­ler. Natür­lich war er als Mensch mehr als das – viel­leicht moch­te er ja süße, klei­ne Kätz­chen und woll­te, wie einst auch Hit­ler, ursprüng­lich Künst­ler wer­den –, aber his­to­risch hat er sich als Anfüh­rer einer natio­na­lis­ti­schen, anti­se­mi­ti­schen und ras­sis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on aus­ge­zeich­net, die sich sehr tat­kräf­tig am Holo­caust betei­ligt hat mit Opfer­zah­len im sechs­stel­li­gen Bereich. Und das ist kei­ne sub­jek­ti­ve Mei­nung, son­dern ein his­to­ri­scher Fakt, der von kei­nem seriö­sen His­to­ri­ker außer­halb der Ukrai­ne bestrit­ten wird, weil ein wesent­li­cher Teil der Vor­wür­fe sich ange­sichts der aktu­el­len Quel­len­la­ge ein­fach nicht leug­nen lässt.

Etwa einen Monat, bevor ich die­se Zuschrift erhal­ten habe, erschien ein Inter­view von Tilo Jung mit dem dama­li­gen Bot­schaf­ter der Ukrai­ne Andrij Mel­nyk, in dem Letz­te­rer auf sei­nem White­washing von Ban­de­ra beharrt hat. Dabei zitier­te Jung unter ande­rem das fol­gen­de Flug­blatt, das beim Ein­marsch der Deut­schen in die Ukrai­ne ver­teilt wur­de und einen unver­hoh­le­nen Auf­ruf zum Völ­ker­mord darstellt:

„Volk, das musst du wis­sen, Mosko­vi­ten [Rus­sen], Polen, Ungarn und Juden, die sind dei­ne Fein­de. Ver­nich­te sie. Das musst du wis­sen. Dei­ne Füh­rung, dein Füh­rer Ste­pan Bandera.“

Da Mel­nyk sich nach der Auf­lis­tung von his­to­ri­schen Fak­ten und die­sem Zitat immer noch wei­ger­te, Ban­de­ra als Ver­bre­cher anzu­er­ken­nen, lös­te das Inter­view einen inter­na­tio­na­len Auf­schrei aus, vor allem sei­tens Isra­el und Polen. Seit­dem ist Mel­nyk auch nicht mehr der ukrai­ni­sche Bot­schaf­ter in Deutsch­land, wur­de aber nicht etwa ent­las­sen oder wenigs­tens degra­diert, son­dern zum Vize-Außen­mi­nis­ter der Ukrai­ne ernannt und ist mitt­ler­wei­le der ukrai­ni­sche Bot­schaf­ter in Brasilien.

Wenn ich in mei­nem Vlog also davon rede, dass ich in der Ukrai­ne zumin­dest eine sehr star­ke Tole­ranz gegen­über dem Rechts­extre­mis­mus sehe, dann mei­ne ich zum Bei­spiel genau das: Jemand, der Holo­caust-Straf­tä­ter white­washt, sitzt in der Ukrai­ne auf sehr ein­fluss­rei­chen Pos­ten. Und das sind har­te Fak­ten: die Ver­bre­chen Ban­de­ras und sei­ner OUN und UPA sowie Mel­nyks White­washing die­ser Per­son und die feh­len­den Kon­se­quen­zen sei­tens des ukrai­ni­schen Staa­tes. Ob es beim The­ma Ukrai­ne aber „nur“ um eine star­ke Tole­ranz gegen­über dem Rechts­extre­mis­mus oder um einen regel­recht faschis­ti­schen Staat geht, dar­über kann und soll man dis­ku­tie­ren, denn das gehört in den Bereich der Inter­pre­ta­ti­on, weil man zum Bei­spiel zunächst klä­ren müss­te, nach wel­chen Kri­te­ri­en man einen faschis­ti­schen Staat definiert.

Den Flücht­lin­gen, die in Ban­de­ra „nicht allein den Nazi­kol­la­bo­ra­teur“ sehen, will ich aber kei­nen Vor­wurf machen. Im Gegen­teil: Als Bür­ger eines Lan­des, in dem sol­che Per­so­nen wie Mel­nyk hohe Pos­ten beklei­den und nach mei­nem Wis­sens­stand die Mei­nungs­frei­heit sehr ein­ge­schränkt wird (zum Bei­spiel durch das Ver­bot von Oppo­si­ti­ons­par­tei­en), bewei­sen sie extrem viel Mut, wenn sie bei dem all­ge­mei­nen White­washing Ban­de­ras nicht mit­ma­chen, sei es auch, indem sie „nur“ auf Grey­wa­shing aus­wei­chen. Dem Schrei­ber der Zuschrift jedoch mache ich den Vor­wurf eines eher schlud­ri­gen Umgangs mit his­to­ri­schen Fak­ten bzw. des unkri­ti­schen Akzep­tie­rens von Geschichts­re­vi­sio­nis­mus, sei die­ser Revi­sio­nis­mus auch noch so mensch­lich nachvollziehbar.

Argumentum ad hominem, Unterstellungen, Projektionen

Der Schrei­ber ent­puppt sich also als jemand, der zumin­dest in die­sem Punkt eine nied­ri­ge Kom­pe­tenz hat. Genau das ist es aber, was er mir unter­stellt, wenn er sagt:

Ich kön­ne mich bei der Ein­schät­zung glo­ba­ler Kon­flik­te, anders als bei Lite­ra­tur, nicht auf mei­ne Aus­bil­dung verlassen.

Abge­se­hen davon, dass das ein klas­si­scher Fall des argu­men­tum ad homi­nem, also eines Schein­ar­gu­ments bzw. eines ver­brei­te­ten Denk­feh­lers, ist, weil eine feh­len­de ein­schlä­gi­ge Aus­bil­dung nicht auto­ma­tisch bedeu­tet, dass ein Mensch Unsinn redet, bin ich dem The­ma, über das ich rede, fach­lich tat­säch­lich näher, als der Schrei­ber anschei­nend glaubt. Wenn er den Text „Über mich“ auf mei­ner Web­site gele­sen hät­te, wüss­te er, dass ich eigent­lich aus der Geschichts­wis­sen­schaft und Sla­wis­tik mit den Schwer­punk­ten Russ­land und Polen kom­me. Und mit etwas All­ge­mein­wis­sen weiß man, dass das Gebiet der heu­ti­gen Ukrai­ne ein wich­ti­ger Teil der rus­si­schen und pol­ni­schen Geschich­te ist und man die Geschich­te die­ser bei­den Län­der somit nur im Kon­text der ost­eu­ro­päi­schen Geschich­te ins­ge­samt, also inklu­si­ve der ukrai­ni­schen Geschich­te, begrei­fen kann. Ich bin defi­ni­tiv nicht kom­pe­tent genug für glo­ba­le Kon­flik­te und habe auch kei­ne unzäh­li­gen Publi­ka­tio­nen zum Ukrai­ne-Krieg. Aber wenn es um das Recher­chie­ren von his­to­ri­schen Fak­ten geht, das Ein­ord­nen ihrer in einen ost­eu­ro­päi­schen Gesamt­kon­text und Sprach­kennt­nis­se zur Aus­wer­tung von Ori­gi­nal­quel­len (mit Rus­sisch und Polisch ver­steht man Ukrai­nisch ganz gut) sind mei­ne Kom­pe­ten­zen in Bezug auf den Ukrai­ne-Krieg für deut­sche Ver­hält­nis­se zumin­dest über­durch­schnitt­lich, auch wenn ich mich defi­ni­tiv nicht als Exper­tin bezeich­nen wür­de, eben­so wie ich ja auch Klaus Gest­wa nicht als Ukrai­ne-Exper­ten sehe (sie­he dazu den ers­ten Arti­kel die­ser Rei­he). Des­we­gen wei­se ich in dem Video ja auch expli­zit dar­auf hin, dass ich kei­ne unum­stöß­li­chen Wahr­hei­ten pre­di­ge, auch wenn ich mir eini­ge Grund­kom­pe­ten­zen zutraue. Dass ich auf mei­nem Kanal und mei­ner Web­site weni­ger auf die­sen geschichts­wis­sen­schaft­li­chen und ost­eu­ro­pa­spe­zi­fi­schen Teil mei­ner Aus­bil­dung und mehr auf die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft poche, liegt dar­an, dass Die Schreib­tech­ni­ke­rin vom The­ma her eher lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lich ist. Ganz simp­les Mar­ke­ting also. Weil der Autor der Zuschrift aber offen­bar nur die­se Sei­te von mir kennt, ver­all­ge­mei­nert er und redu­ziert mich auf die­sen einen ihm bekann­ten Teil. Und wenn er mir an einer ande­ren Stel­le davon abrät, mich mehr oder weni­ger einer Mei­nung anzu­schlie­ßen, dann ist das eine unbe­grün­de­te Unter­stel­lung, weil er nicht zu wis­sen scheint, wie genau ich auf mei­ne Mei­nung kom­me, da er ja anschei­nend mei­nen Hin­ter­grund nicht kennt. Weil aber er selbst bei mir kei­ne fach­li­che Kom­pe­tenz, also Auto­ri­tät, ver­mu­tet und mich unter ande­rem des­we­gen für weni­ger glaub­wür­dig hält, liegt der Ver­dacht nahe, dass er selbst sich ger­ne auf die Auto­ri­tät von Exper­ten oder viel­leicht auch ver­meint­li­chen Exper­ten ver­lässt und sich ihrer Mei­nung anschließt. In dem Fall wür­de es sich bei sei­nen Unter­stel­lun­gen um eine Pro­jek­ti­on der eige­nen man­geln­den Fach­kennt­nis und Auto­ri­täts­hö­rig­keit auf ande­re handeln.

Selbstbild und Selbstüberschätzung

Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang noch ein ande­rer Satz aus der Zuschrift: Es gäbe bei mir Fak­ten­be­haup­tun­gen, bei denen der Schrei­ber im Gespräch „sofort ein­ge­hakt hät­te“. – Inter­es­sant ist der Satz des­we­gen, weil der Schrei­ber sich zutraut, „sofort ein­ha­ken“ zu kön­nen, wo sein eige­ner Umgang mit Fak­ten (wie wir am Bei­spiel von Ban­de­ra und mei­ner Aus­bil­dung gese­hen haben) sich doch eher als lücken­haft erweist. Es kann natür­lich sein, dass sei­ne Fak­ten­kennt­nis­se in ande­ren Berei­chen bes­ser sind, aber ange­sichts der bis­he­ri­gen Beob­ach­tun­gen scheint der Schrei­ber sei­ne Kom­pe­ten­zen eher zu über­schät­zen – der Dun­ning-Kru­ger-Effekt lässt grüßen.

Über sei­ne Kennt­nis des Vide­os, das er kri­ti­siert, sagt er außer­dem Fol­gen­des: Er hät­te den Anfang gese­hen und es dann „etwas über­flo­gen“. – Der Schrei­ber der Zuschrift kri­ti­siert also fünf Sei­ten lang etwas, mit dem er sich eige­nen Anga­ben zufol­ge gar nicht rich­tig aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Die­se Lücken­haf­tig­keit erin­nert an sei­nen Umgang mit der Fak­ten­la­ge. Dass er sich die Link­lis­te bzw. Lek­tü­re- und Video­tipps, die ich dem Video bei­gefügt hat­te, auch nur ange­se­hen hat, bezweif­le ich erst recht. Er lehnt mei­ne Aus­füh­run­gen also ab, ohne ihnen eine rich­ti­ge Chan­ce gege­ben zu haben. Mög­li­cher­wei­se pas­siert das, weil sie ihm unan­ge­nehm sind. Er emp­fiehlt mir nämlich:

Ich sol­le mich in die Lage von jeman­dem ver­set­zen, der mei­ne Mei­nung nicht teilt. Ob ich ein Video anschau­en wol­le, in dem mir jemand drei Stun­den lang „wütend“ erklärt, war­um ich „im Unrecht“ sei?

Ers­tens habe ich mir durch­aus schon Vide­os ange­schaut, in denen gewis­se wüten­de Ukrai­ner mei­nes­glei­chen mit dem Tod dro­hen, und ich wur­de auch schon wie­der­holt ganz per­sön­lich in den Kom­men­ta­ren für mei­ne Mei­nung belei­digt, weiß also abso­lut, wie sich das anfühlt. Zwei­tens bin ich in dem Video nicht durch­gän­gig wütend, son­dern gehe als von Natur aus emo­tio­na­ler Mensch, der beim Reden leicht in Rage kommt, durch eine ziem­li­che Band­brei­te von Gefüh­len – schaue Dir das Video selbst an, um das zu über­prü­fen. Drit­tens könn­te man spe­ku­lie­ren, ob die­se Auf­for­de­rung nicht ein Hin­weis dar­auf ist, dass der Autor der Zuschrift jemand ist, der sich ger­ne im Recht sieht, also in sei­nem Rea­li­täts­tun­nel ein bestimm­tes Selbst­bild von Kom­pe­tenz und Klug­heit pflegt und die­ses durch mein Video unter­be­wusst bedroht sieht. Denn dass er sich ger­ne als intel­li­gent insze­niert, zei­gen zum Bei­spiel sei­ne etwas fehl­plat­zier­ten Beleh­run­gen über das kri­ti­sche Hin­ter­fra­gen der posi­ti­ven Reak­tio­nen zu mei­nen Vlogs. Dabei fra­ge ich mich, war­um ich sei­ner Mei­nung nach über­haupt die Umfra­ge zu den Vlogs gemacht habe, wenn nicht um zu prü­fen, inwie­fern die posi­ti­ven Reak­tio­nen als reprä­sen­ta­tiv gel­ten können.

Über­haupt scheint der Schrei­ber nicht ver­stan­den zu haben, wor­um es mir bei dem Video ging, was sich aber mit der nur flüch­ti­gen Kennt­nis des Vide­os erklä­ren lie­ße. Ich sprach davon, dass ich Angst habe, buch­stäb­lich, weil ich hier in Deutsch­land – wie ich eine hal­be Stun­de lang aus­ge­führt habe – Ras­sis­mus erlebt habe und seit dem 24. Febru­ar 2022 eine Eska­la­ti­on beob­ach­te. Ich beob­ach­te in Deutsch­land Pro­zes­se, die mir Sor­ge berei­ten, eben auch um mei­ne eige­ne Sicher­heit. Ich packe eine Diplom­ar­beit, Zei­tungs­ar­ti­kel und ande­res in die bei­lie­gen­de Link­lis­te, um zu zei­gen, dass nicht nur ich den anti­rus­si­schen (und gene­rell anti­sla­wi­schen) Ras­sis­mus beob­ach­te. Dass ich mei­ne Sicht auf den Ukrai­ne-Krieg dar­le­ge, ist nur Mit­tel zum Zweck, um auf die gefähr­li­chen Ent­wick­lun­gen in Deutsch­land auf­merk­sam zu machen, zum Hin­ter­fra­gen anzu­re­gen und zu Mensch­lich­keit im Mit­ein­an­der auf­zu­ru­fen. Der Autor der Zuschrift hin­ge­gen gibt mir Rat­schlä­ge, wie ich mei­ne „star­ke Mei­nung“ am bes­ten prä­sen­tie­ren soll und tut mei­ne Ras­sis­mus­er­fah­run­gen ab mit den Worten:

Ich kön­ne zwar über eige­ne Erfah­run­gen berich­ten, aber ich hät­te, „bei allem Respekt“, kei­ne „ech­te, also wis­sen­schaft­li­che, Exper­ti­se“. Das Pro­blem mit Erfah­run­gen sei, dass ande­re Men­schen ande­re Erfah­run­gen hät­ten. Er selbst, in Deutsch­land gebo­ren, wie er in Klam­mern zugibt, hät­te sowas wie die von mir beschrie­be­nen ras­sis­ti­schen Aus­fäl­le mei­ner Grund­schul­leh­re­rin noch nicht gehört. Dafür neh­me er „dump­fes­ten Anti­ame­ri­ka­nis­mus“ wahr.

Abge­se­hen davon, dass Rela­ti­vie­rung kei­ne emo­tio­nal kom­pe­ten­te Art ist, mit jeman­dem umzu­ge­hen, der von eige­nen ras­sis­ti­schen Erfah­run­gen spricht, brau­che ich kei­ne wis­sen­schaft­li­che Exper­ti­se, um von bewuss­ten Erfah­run­gen, ech­ten Geschich­ten aus mei­nem und dem Leben mei­ner Ange­hö­ri­gen zu erzäh­len. Es kann natür­lich sein, dass ich etwas falsch ver­stan­den habe, denn auch ich lebe ja in einem Rea­li­täts­tun­nel, aber gene­rell ist doch jeder Mensch, der nicht an Amne­sie lei­det, sozu­sa­gen der welt­weit füh­ren­de Exper­te, wenn es um sein Leben und sei­ne Erfah­run­gen geht. Die Exis­tenz ander­wei­ti­ger Erfah­run­gen wider­legt auch nicht mei­ne Erfah­run­gen, weil unter­schied­li­che Erfah­run­gen wun­der­bar neben­ein­an­der exis­tie­ren kön­nen, sich also nicht gegen­sei­tig aus­schlie­ßen. Man kann höchs­tens über mög­li­che ande­re Ursa­chen als Ras­sis­mus nach­den­ken, aber an den Erleb­nis­sen selbst ändert das nichts. Außer­dem – und das scheint mei­nem Kri­ti­ker durch­aus bewusst zu sein, weil er einen Ein­schub in Klam­mern ein­fügt – fehlt einem, wenn man nicht selbst betrof­fen ist oder sich inten­siv mit dem The­ma aus­ein­an­der­setzt, oft die not­wen­di­ge Sen­si­bi­li­tät, um sol­che Din­ge wie Ras­sis­mus und ande­re For­men von Dis­kri­mi­nie­rung gegen bestimm­te Grup­pen wahrzunehmen.

Auch hier stellt sich der Ein­druck ein, dass der Autor der Zuschrift etwas par­tout nicht sehen will, geschwei­ge denn sich damit aus­ein­an­der­set­zen. Und an sich ist es ja auch abso­lut okay, sich mit etwas nicht aus­ein­an­der­set­zen zu wol­len. Ich kann und will nie­man­den zwin­gen, mir zuzu­hö­ren. Das Video lässt sich ganz leicht weg­kli­cken. Aber mein Kri­ti­ker geht noch einen Schritt wei­ter und lädt im Grun­de sei­nen Unwil­len bei mir ab, ver­tei­digt aktiv sei­nen Rea­li­täts­tun­nel. Er tut es in einem sach­li­chen, höf­li­chen Ton und macht sich sogar Sor­gen um mei­ne Gesund­heit. Und er weiß auch, dass sei­ne Kri­tik auf wacke­li­gen Bei­nen steht:

Mein Video zum The­ma Ukrai­ne hät­te er ange­fan­gen, aber für eine wirk­lich fai­re Beur­tei­lung müss­te er die drei Stun­den am Stück sehen. Dazu habe er bis­her kei­ne Zeit gefunden.

Trotz­dem ließ er es sich aber nicht neh­men, gan­ze fünf Sei­ten zu schrei­ben. Wie­so schreibt man fünf Sei­ten Kri­tik, wenn man weiß, dass sie eh nicht fair sein kann? Was bei mir ankommt, ist des­we­gen nicht der Ver­such einer fai­ren Kri­tik und Hil­fe­leis­tung (auch wenn mein Kri­ti­ker wahr­schein­lich ehr­lich und auf­rich­tig glaubt, dass das sei­ne Absicht war), son­dern der Ein­druck, dass mein Kri­ti­ker in Wirk­lich­keit und ver­mut­lich unbe­wusst mir gegen­über zumin­dest einen Teil sei­ner – wie er selbst weiß – unqua­li­fi­zier­ten Mei­nung los­wer­den woll­te. Dass er auf ihr behar­ren, mir regel­recht ins Gesicht rei­ben will, dass mei­ne Mei­nung unqua­li­fi­ziert ist und er sie nicht hören möch­te. Wenn er nur geschrie­ben hät­te, er hät­te ganz sub­jek­tiv ein­fach kei­ne Lust auf wei­te­re poli­ti­sche Vlogs, hät­te ich damit kein Pro­blem gehabt: Genau das woll­te ich mit mei­ner Umfra­ge ja her­aus­fin­den. Aber er spricht mir die Kom­pe­tenz ab, ohne selbst die Kom­pe­tenz dafür zu haben, er ver­sucht, mei­ne ras­sis­ti­schen Erfah­run­gen zu rela­ti­vie­ren, und er kommt mit unqua­li­fi­zier­ten Beleh­run­gen und unge­be­te­nen Rat­schlä­gen. Das ist durch­aus eine Form von Aggres­si­on, gerich­tet an mich per­sön­lich, auch wenn es dem Täter nicht bewusst zu sein scheint.

Meine Überreaktion und wichtige Lehren

Und weil ein Teil sei­ner Kri­tik dar­in zu bestehen scheint, sei­ne eige­ne Inkom­pe­tenz auf mich zu pro­ji­zie­ren und die fach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung von vorn­her­ein abzu­leh­nen, stell­te sich beim Lesen der Zuschrift ein sehr bit­te­rer Bei­geschmack bei mir ein. Ich glaub­te und glau­be immer noch, genau der Art von Mensch gegen­über­zu­ste­hen, vor der ich Angst habe: dem Mit­läu­fer, der vom Unan­ge­neh­men nicht behel­ligt wer­den möch­te. Der auf Auto­ri­tä­ten hört und kon­trä­re Mei­nun­gen für nicht beach­tens­wert hält. Der sei­ne Kom­pe­ten­zen über­schätzt und sich selbst für infor­mier­ter hält, als er ist, sei­nen kogni­ti­ven Blo­cka­den aus­ge­lie­fert ist und es somit über­se­hen oder sogar aktiv weg­se­hen wird, wenn direkt vor sei­ner Nase schreck­li­che Din­ge pas­sie­ren bzw. wenn man ihn dar­auf hin­wei­sen will. Dabei ist er stets freund­lich und anstän­dig, hilfs­be­reit und empa­thisch. Und wenn man ihn spä­ter mit den schreck­li­chen Din­gen und ihren Fol­gen kon­fron­tiert, heißt es, er habe von nichts gewusst.

Mei­ne emo­tio­na­le Reak­ti­on war defi­ni­tiv über­trie­ben, und die Zuschrift ent­hält, wie gesagt, auch abso­lut legi­ti­me Punk­te. Erklä­ren lässt sich mein Aus­bruch aber vor allem durch mei­ne Ent­täu­schung, dass selbst im Kreis mei­ner ein­ge­fleisch­tes­ten Leser und Zuschau­er sol­ches Mit­läu­fer­tum anzu­tref­fen ist. Also durch die Erkennt­nis, dass ich selbst im Kreis von mei­ner Com­mu­ni­ty im Zwei­fels­fall nicht sicher bin. – Und da mein­te der ver­schreck­te Affe in mei­nem Gehirn: Wozu dann über­haupt eine Com­mu­ni­ty unter­hal­ten? Ich habe die­sen Affen aber in den Griff bekom­men, wür­de ich sagen, und dabei viel gelernt:

  • Ers­tens ist mei­ne Com­mu­ni­ty sehr viel­fäl­tig und eine Zuschrift ist nicht stell­ver­tre­tend für alle. Unser Hirn neigt tat­säch­lich dazu, Nega­ti­ves mehr zu bemer­ken als Posi­ti­ves, weil ein poten­ti­el­ler Säbel­zahn­ti­ger im Gebüsch über­le­bens­tech­nisch wich­ti­ger ist als ein schö­nes Blu­men­feld. Trotz die­ser Erklär­bar­keit bleibt eine kogni­ti­ve Ver­zer­rung aber eine kogni­ti­ve Ver­zer­rung und man soll­te nie ver­ges­sen, dass sie eben nicht die Wahr­heit spiegelt.
  • Zwei­tens bedeu­tet eine Ent­täu­schung vor allem, dass ich mich selbst getäuscht habe. Ich habe die Men­schen pau­schal für etwas gehal­ten, das sie nicht sind. Und als mein Rea­li­täts­tun­nel durch die­se Zuschrift zumin­dest in dem einen Punkt zer­fal­len ist, tat es natür­lich weh. Es war aber nicht die Schuld mei­nes Kri­ti­kers, dass ich mich selbst getäuscht habe. Er hat sich ein­fach nur nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen mit­ge­teilt, und ich habe um das Feed­back ja selbst gebe­ten, wohl wis­send, dass übers Inter­net eigent­lich alles Mög­li­che und Unmög­li­che her­ein­flat­tern kann.
  • Drit­tens hat mich mei­ne emo­tio­na­le Reak­ti­on ver­an­lasst, die Zuschrift spä­ter in Ruhe zu ana­ly­sie­ren und zu ermit­teln, wer wel­che Feh­ler gemacht hat und war­um. Mit den The­men zu die­sem Arti­kel hat­te ich mich auch davor schon inten­siv befasst, aber es war noch­mal ein kräf­ti­ger Schub.
  • Vier­tens zeigt die gan­ze Situa­ti­on mit der Zuschrift, dass wir alle Teil des Pro­blems sind. Mein Kri­ti­ker ist mit sei­nen von mir ver­mu­te­ten Mit­läu­fer­ten­den­zen zwar nicht stell­ver­tre­tend für mei­ne Com­mu­ni­ty, aber sta­tis­tisch gese­hen – also aus­ge­hend von dem Pro­zent­satz, der zum Bei­spiel im Natio­nal­so­zia­lis­mus tat­säch­lich Wider­stand geleis­tet hat – sind so ziem­lich die meis­ten Men­schen auf die eine oder ande­re Wei­se Mit­läu­fer und Oppor­tu­nis­ten. Das ist abso­lut nor­mal. Wer sagt also, dass ich nicht auch eine Mit­läu­fe­rin bin? Wenn ich in mei­nem eige­nen Rea­li­täts­tun­nel ste­cke und eben­so Täu­schun­gen und Denk­feh­lern unter­lie­ge, wie mei­ne Reak­ti­on ja gezeigt hat, dann ist es ganz natür­lich, dass ich selbst das nicht so wahrnehme.

Aber wenn wir alle in unse­ren Rea­li­täts­tun­neln gefan­gen sind – wen wun­dert es da, dass die Gesell­schaft sich immer wei­ter spal­tet? Uns allen berei­tet die­se Ent­wick­lung zu Recht Sor­gen. Aber haben wir nicht alle eine Teil­schuld daran?

Gesellschaftliche Spaltung, Krieg, Hass: Wir alle sind schuld

Natür­lich will nie­mand die gesell­schaft­li­che Spal­tung. Wie kön­nen wir also alle dar­an schuld sein? – Ganz ein­fach: weil jeder glaubt, eini­ger­ma­ßen den Durch­blick zu haben, aber kaum einer ihn wirk­lich hat.

Wissenschaftlicher Diskurs

Vie­le Men­schen geste­hen sich zwar ein, dass sie selbst nicht genug Kom­pe­tenz haben für einen Durch­blick, aber wenn sie sich jeman­den suchen, der sich ihrer Mei­nung nach aus­kennt, und sei­ne Ein­stel­lun­gen über­neh­men, machen sie es nicht bes­ser. Dass auch „die Wis­sen­schaft“ nicht zu 100 Pro­zent ver­läss­lich ist, habe ich ja schon im ers­ten Teil ange­spro­chen. Und weil ich selbst aus der Geschichts­wis­sen­schaft kom­me, kann ich hier ein prak­ti­sches Bei­spiel anführen:

Mei­ner Beob­ach­tung nach den­ken die meis­ten His­to­ri­ker – und Wis­sen­schaft­ler gene­rell – außer­halb ihrer süßen, klei­nen, sehr ein­ge­schränk­ten Fach­be­rei­che über­haupt nicht wis­sen­schaft­lich und haben somit oft unhin­ter­frag­te Glau­bens­sät­ze, schlimms­ten­falls gepaart mit einem Selbst­bild von über­durch­schnitt­li­cher Intel­li­genz, also einem auf­ge­bla­se­nen Ego, das das kri­ti­sche Den­ken ein­schränkt. Was ich damit mei­ne, ist: Immer wie­der müs­sen His­to­ri­ker in ihrer For­schung auf Gebie­te zurück­grei­fen, die eben nicht zu ihrer Exper­ti­se gehö­ren, um Zusam­men­hän­ge her­zu­stel­len, ihre Erkennt­nis­se in Kon­tex­te ein­zu­ord­nen und so wei­ter. Weil aber kein His­to­ri­ker all­wis­send ist, sind sie dar­auf ange­wie­sen, auf die For­schung ihrer Kol­le­gen zurück­zu­grei­fen und sie zu zitie­ren. Dabei müss­ten sie im Ide­al­fall die zitier­ten Wer­ke und deren Quel­len nach allen Metho­den der Quel­len­kri­tik zer­le­gen. Genau die­ser Schritt kommt oft aber zu kurz. Das Ergeb­nis davon ist zum Bei­spiel, dass vie­le der heu­te ver­brei­te­ten Vor­stel­lun­gen vom Mit­tel­al­ter nichts wei­ter sind als Kli­schees und Mythen aus der Frü­hen Neu­zeit, weil eini­ge Leu­te damals ihre ver­dreh­ten Vor­stel­lun­gen auf­ge­schrie­ben haben und in den spä­te­ren Jahr­hun­der­ten unhin­ter­fragt zitiert wur­den. Dabei sahen die Arbei­ten immer sehr seri­ös aus und nur, wenn man die Ket­te von Zita­ten von Zita­ten von Zita­ten ver­folg­te, kam man schließ­lich zum Ursprung die­ser Mythen und begriff, dass die bis­he­ri­gen jahr­hun­der­te­lan­gen Kli­schee­vor­stel­lun­gen vom Mit­tel­al­ter unbe­leg­te Behaup­tun­gen oder Miss­ver­ständ­nis­se sind. Des­we­gen ist die Medi­ävis­tik – unter ande­rem dank For­schern wie Sus­an Rey­nolds  – in den letz­ten Jahr­zehn­ten dabei, die­se Kli­schee­vor­stel­lun­gen zu kor­ri­gie­ren; aber im all­ge­mei­nen Bewusst­sein leben sie immer noch wei­ter, weil sie jahr­hun­der­te­lang kul­ti­viert wurden.

Die ers­te und wich­tigs­te Lek­ti­on mei­nes Geschichts­stu­di­ums bestand dar­in, dass uns Erst­se­mes­tern expli­zit ver­kün­det wur­de, dass wir am bes­ten alles ver­ges­sen sol­len, was wir in der Schu­le über Geschich­te gelernt haben. In ande­ren Berei­chen, zum Bei­spiel den Natur­wis­sen­schaf­ten, kann man zwar schon eher mit hand­fes­ten, objek­ti­ven Phä­no­me­nen arbei­ten, aber auch da gab es in der Ver­gan­gen­heit oft genug Irr­tü­mer. Und jedes Mal, wenn „die Wis­sen­schaft“ sich geirrt hat­te, es aber noch nicht wuss­te, dach­te sie, sie hät­te den Durch­blick. Wenn wir also ein­fach anneh­men, „die Wis­sen­schaft“ heu­te hät­te defi­ni­tiv den Durch­blick, dann machen wir exakt den­sel­ben Feh­ler wie unse­re Vor­fah­ren:

So klingt es zum Bei­spiel zunächst über­zeu­gend, wenn wir immer wie­der aus seriö­sen Quel­len gesagt bekom­men, 97 Pro­zent der Wis­sen­schaft­ler sei­en sich einig, dass der Kli­ma­wan­del größ­ten­teils men­schen­ge­macht ist. Wenn wir dem aber ein­fach glau­ben, dann ist das ein qua­si-reli­giö­ser Glau­be, weil wir die Aus­sa­gen ja nicht über­prüft haben. Um also nicht in die­sel­be Fal­le zu tap­pen wie unse­re Vor­fah­ren, müss­ten wir uns zunächst fra­gen, ob es sich bei die­ser Aus­sa­ge um die eige­nen Erkennt­nis­se die­ser seriö­sen Quel­len han­delt oder ob sie ein­fach nur frem­de Erkennt­nis­se zitie­ren. Wenn es sich um die eige­nen Erkennt­nis­se han­delt, dann gehen wir hin und über­prü­fen die Metho­do­lo­gie, also inwie­fern hier über­haupt sau­ber gear­bei­tet wur­de. – Nicht, weil wir die Aus­sa­gen par­tout wider­le­gen wol­len, son­dern weil kri­ti­sches Den­ken das erfor­dert. Wenn die Metho­do­lo­gie unse­rer Über­prü­fung stand­hält, kön­nen wir die Schluss­fol­ge­run­gen guten Gewis­sens als legi­tim ansehen.

Wenn wir aber her­aus­fin­den, dass die Aus­sa­ge nicht auf eige­nen Unter­su­chun­gen beruht, son­dern ein Zitat dar­stellt, gehen wir zur zitier­ten Quel­le und über­prü­fen die­se. Und auch hier gilt: Wenn sie unse­rer Über­prü­fung stand­hält, kön­nen wir guten Gewis­sens Bei­fall klatschen.

Gleich­zei­tig soll­ten wir aber nicht ver­ges­sen, auch bei den Kri­ti­kern die­ser Aus­sa­ge vor­bei­zu­schau­en: Denn sie könn­ten uns auf wich­ti­ge Punk­te hin­wei­sen, die wir noch nicht bedacht haben. Dabei müss­ten wir natür­lich auch die Aus­sa­gen der Kri­ti­ker kri­tisch zer­le­gen, um zu prü­fen, was an ihnen dran ist und was nicht. So lau­tet einer der Kri­tik­punk­te an der Aus­sa­ge, 97 Pro­zent der Wis­sen­schaft­ler sei­en sich einig, dass der Kli­ma­wan­del größ­ten­teils men­schen­ge­macht ist, in etwa so: „Sol­che Behaup­tun­gen beru­fen sich für gewöhn­lich auf die Meta­stu­die von John Cook.“ Hier wäre also zu über­prü­fen, ob das wirk­lich stimmt, indem man eben guckt, wel­che Quel­len für die Behaup­tung von den 97 Pro­zent der Wis­sen­schaft­ler her­an­ge­zo­gen wer­den. Wenn es nicht stimmt, zer­fällt der Kri­tik­punkt. Wenn das stimmt, dann müs­sen wir die Meta­stu­die von John Cook prü­fen. Wenn die­se Meta­stu­die sich als metho­do­lo­gisch sau­ber erweist, dann haben wir die Bestä­ti­gung, dass die Aus­sa­ge von den 97 Pro­zent der Wis­sen­schaft­ler kor­rekt ist. Wenn die Meta­stu­die sich als metho­do­lo­gisch unsau­ber erweist, dann erwei­sen sich auch all die seri­ös wir­ken­den Quel­len, die sich auf sie beru­fen, als metho­do­lo­gisch unsau­ber. – Und genau hier setzt die ernst­haf­te­re Kri­tik jen­seits von Paro­len an: Die Meta­stu­die von John Cook ist nicht unum­strit­ten, wie die NZZ übri­gens kurz nach Erschei­nen der Stu­die berich­te­te, und des­we­gen müss­te jemand, der sich eine eigen­stän­di­ge Mei­nung bil­den will, sich die gan­ze Dis­kus­si­on um die Metho­den die­ser Meta­stu­die vor­knöp­fen und sie selbst prü­fen und not­falls sogar nach­rech­nen. Neben­bei fin­det man bei einer sol­chen Her­an­ge­hens­wei­se auch her­aus, wo all die Irr­tü­mer der einen oder ande­ren Sei­te eigent­lich her­kom­men, und hat spä­ter, wenn man zu dem The­ma dis­ku­tiert, bes­se­re Argu­men­te, weil man das The­ma ja bis zum Ursprung nach­ver­folgt hat.

Jetzt schät­ze mal, wie vie­le Men­schen, inklu­si­ve Wis­sen­schaft­ler, die­ses Pro­ze­de­re wirk­lich durch­ma­chen. – So gut wie nie­mand. Wir alle zitie­ren Aus­sa­gen, die wir, aus­ge­hend von unse­rem jewei­li­gen Rea­li­täts­tun­nel, für glaub­wür­dig hal­ten. Und nun stell Dir vor:

Fritz­chen hat in einer als seri­ös gel­ten­den Zei­tung gele­sen, 97 Pro­zent der Wis­sen­schaft­ler sei­en sich einig, dass der Kli­ma­wan­del größ­ten­teils men­schen­ge­macht ist. Dabei ist er jemand, der der Zei­tung grund­sätz­lich ver­traut, weil sie zu sei­nem Rea­li­täts­tun­nel passt. Lies­chen hin­ge­gen hat ein prin­zi­pi­el­les Miss­trau­en gegen­über den Leit­me­di­en und recher­chiert des­we­gen im Inter­net. Dabei wird sie auf Kri­tik an der Meta­stu­die von John Cook auf­merk­sam, und weil sie Kri­tik an dem, was in den Leit­me­di­en berich­tet wird, ten­den­zi­ell toll fin­det, begeg­net sie auch die­ser Kri­tik mit Sym­pa­thie und glaubt ihr, eben weil sie zu ihrem Rea­li­täts­tun­nel passt. Sowohl Fritz­chen als auch Lies­chen sind über­zeugt, sich aus ver­trau­ens­wür­di­gen Quel­len infor­miert zu haben, und hal­ten den jeweils ande­ren für einen nai­ven Spin­ner. Schlimms­ten­falls zer­bricht sogar ihre Freund­schaft. Und dann pas­siert das nicht nur zwi­schen Fritz­chen und Lies­chen, son­dern auch bei vie­len ande­ren Men­schen. Am Ende wun­dern sich dann alle über die gesell­schaft­li­che Spal­tung. Dabei hät­te sie ver­hin­dert wer­den kön­nen, wenn die Fritz­chens und Lies­chens die­ser Welt auf­ein­an­der zuge­gan­gen wären und sich zusam­men auf das vor­hin geschil­der­te Pro­ze­de­re ein­ge­las­sen hät­ten und zu gemein­sa­men Erkennt­nis­sen gekom­men wären.

Grundwissen und Vorurteile

Lei­der läuft es in der Rea­li­tät, wie gesagt, nur sel­ten so. Meis­tens ver­ste­hen Men­schen nicht, was sie nicht ver­ste­hen oder dass sie über­haupt etwas Wich­ti­ges nicht ver­ste­hen, sind aber sehr von sich über­zeugt, fäl­len rasch Urtei­le und wer­den mit­un­ter sogar aggres­siv. Denn sie unter­lie­gen dem Dun­ning-Kru­ger-Effekt. Und dann kann man ihnen oft auch nichts erklä­ren: Jemand, der nicht ein­mal die Grund­la­gen eines The­mas beherrscht, wird auch die Details nicht ver­ste­hen. – Er wird sie für absurd halten.

So fällt mir zum Bei­spiel auf, dass alles und jeder eine Mei­nung zu Geo­po­li­tik hat, aber kaum jemand sich mit geo­po­li­ti­schen Prin­zi­pi­en beschäf­tigt hat. Ich für mei­nen Teil bin auch kei­ne Exper­tin, aber ich hat­te schon immer ein star­kes Inter­es­se an Geo­po­li­tik, daher auch mein Geschichts­stu­di­um und mei­ne Fas­zi­na­ti­on für Machia­vel­li und ande­re Staats­theo­rien sowie Macht­sys­te­me gene­rell. Und ich habe ja auch nichts dage­gen, wenn jemand zum Bei­spiel zum Ukrai­ne-Kon­flikt eine ande­re Mei­nung hat als ich, solan­ge sie begrün­det ist. Doch oft ken­nen mei­ne Dis­kus­si­ons­part­ner nicht ein­mal die Heart­land-Theo­rie von Hal­ford Mack­in­der. Um da wenigs­tens eine Chan­ce zu bekom­men, jeman­den wirk­lich zu über­zeu­gen, müss­te ich also einen Geschichts­vor­trag hal­ten, der min­des­tens bis ins 19. Jahr­hun­dert zurück­reicht. Wie Du Dir den­ken kannst, sind gewöhn­li­che Dis­kus­sio­nen, wie man sie im All­tag so führt, dazu maxi­mal unge­eig­net. Man ern­tet höchs­tens ein her­ab­las­sen­des Lächeln.

Ein wei­te­rer Fak­tor ist, dass Men­schen meis­tens nicht bewusst wis­sen, wor­an sie tat­säch­lich glau­ben, also wel­che Vor­ur­tei­le sie haben und zu wel­chen Bestä­ti­gungs­feh­lern sie nei­gen. Unter­be­wuss­ter Ras­sis­mus ist ein gutes Bei­spiel: Man kann ras­sis­ti­sche Vor­ur­tei­le hegen, selbst wenn man Freun­de aus den ent­spre­chen­den Grup­pen hat. Tat­säch­lich gab es sogar über­zeug­te Nazis, die jüdi­sche Freun­de hat­ten. Und es ist auch mög­lich, dass Men­schen unter­be­wusst an ras­sis­ti­sche Kli­schees über ihre eige­ne Grup­pe glau­ben – das bezeich­net man als inter­na­li­sier­ten Ras­sis­mus. Und weil das Gan­ze, wie gesagt, unter­be­wusst läuft, kom­men Betrof­fe­ne gar nicht erst auf die Idee, ihre Ein­stel­lun­gen zu hinterfragen.

Neh­men wir zum Bei­spiel Kläu­schen, der Pro­fes­sor für Fan­ta­sie­stan­kun­de ist. Er hat sehr vie­le Freun­de in Fan­ta­sie­stan, kennt ihre Kul­tur und ist sogar mit einer Fan­ta­sie­sta­ne­rin ver­hei­ra­tet. Aber als er in der Zei­tung von einem Ver­bre­chen liest und erfährt, dass ein Fan­ta­sie­sta­ner ver­däch­tigt wird, neigt er, ohne dass ihm alle Bewei­se und Gegen­be­wei­se vor­lie­gen, rein intui­tiv zu der Annah­me, dass der Fan­ta­sie­sta­ner das Ver­bre­chen wahr­schein­lich tat­säch­lich began­gen hat. Und so kommt es, dass sich hin­ter einer Fas­sa­de von Lie­be für Fan­ta­sie­stan, an die Kläu­schen selbst hoch und hei­lig glaubt, ein Bün­del von ras­sis­ti­schen Kli­schees ver­birgt. Sei­ne Frau und sei­ne fan­ta­sietsa­ni­schen Freun­de bestä­ti­gen ihn dabei, denn sie stam­men inner­halb Fan­ta­sie­stans aus einem Milieu, das Fan­ta­sie­stan gegen­über kri­tisch ein­ge­stellt, aber für Fan­ta­sie­stan nicht unbe­dingt reprä­sen­ta­tiv ist. So in etwa ist zumin­dest mein Ein­druck von Tei­len der deut­schen Ost­eu­ro­pa-For­schung, die im Übri­gen tra­di­tio­nell eine Fein­des­for­schung ist: Die heu­ti­gen Ost­eu­ro­pa-Pro­fes­so­ren sind vom Jahr­gang her buch­stäb­lich Kin­der des Kal­ten Krie­ges, und stu­diert haben sie bei buch­stäb­li­chen Kin­dern des Natio­nal­so­zia­lis­mus, was unter­be­wuss­te Ras­sis­men zumin­dest nicht ausschließt.

Das wie­der­um ist ein frucht­ba­rer Boden für Feind­bil­der. Wenn man tief in sei­nem Inne­ren und unter­be­wusst an nega­ti­ve Kli­schees glaubt, dann gibt es die Gefahr, dem umge­kehr­ten Halo-Effekt zu unter­lie­gen. Wenn wir beim gewöhn­li­chen Halo-Effekt Men­schen mit posi­ti­ven Eigen­schaf­ten auch alle ande­ren posi­ti­ven Eigen­schaf­ten der Welt unter­stel­len, dann unter­stel­len wir beim umge­kehr­ten Halo-Effekt den Men­schen alle mög­li­chen nega­ti­ven Eigen­schaf­ten, weil wir bei ihnen eine nega­ti­ve Eigen­schaft zu beob­ach­ten glau­ben. Wenn die­ser umge­kehr­te Halo-Effekt sich auf gan­ze Men­schen­grup­pen aus­wei­tet, dann sind wir eben bei Feind­bil­dern, bei denen kein gutes Haar an der als Feind ange­se­he­nen Grup­pe gelas­sen wird. Dabei kann sich das Feind­bild immer mal wie­der beru­hi­gen und bei Bedarf wie­der auf­ge­wärmt wer­den, wie es beim deut­schen Ras­sis­mus gegen das Sla­wi­sche und Ost­eu­ro­päi­sche gene­rell im Ver­lauf der Geschich­te in mehr oder weni­ger regel­mä­ßi­gen Abstän­den der Fall war: ange­fan­gen spä­tes­tens mit den Krie­gen der Otto­nen gegen die West­sla­wen, über den Wen­den­kreuz­zug und das Trei­ben des Deutsch­rit­ter­or­dens, die Kolo­ni­sie­rung von Tei­len Ost­eu­ro­pas und den Skla­ven­han­del, über die Teil­nah­me deut­scher Trup­pen an den Feld­zü­gen unter­schied­li­cher west­li­cher Mäch­te gegen Russ­land, über die bei­den Welt­krie­ge und den Geno­zid und die Ver­skla­vung im Zwei­ten Welt­krieg bis hin zur Wei­ter­pfle­ge des Feind­bilds im Kal­ten Krieg und sei­nem Wie­der­auf­flam­men heu­te. Einen deut­schen „Drang nach Osten“ scheint es also tat­säch­lich zu geben.

Natür­lich hat es auch vie­le posi­ti­ve Inter­ak­tio­nen zwi­schen Deut­schen und Sla­wen sowie ande­ren Ost­eu­ro­pä­ern gege­ben, aber selbst wenn man das Posi­ti­ve und Nega­ti­ve neben­ein­an­der betrach­tet, schei­nen da wie ein roter Faden ein Über­le­gen­heits­ge­fühl und ein ewi­ger zivi­li­sa­to­ri­scher Anspruch von deut­scher Sei­te durch. Dabei schlägt er sich ganz sub­til sogar in kul­tu­rel­len Erzeug­nis­sen nie­der, die eigent­lich ganz ande­re The­men behandeln:

So ist Lie­be Rena­ta von Else Hueck-Dehio ein wun­der­schö­ner Ent­wick­lungs- und Lie­bes­ro­man über ein jun­ges Mäd­chen des deut­schen Bür­ger­tums in Est­land kurz vor und wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs. Die Bal­ten­deut­schen, Bür­ger­li­che wie Ade­li­ge, sind aus­ge­spro­chen stolz auf ihre Kul­tur und ihr Ver­mächt­nis, unge­ach­tet des­sen, mit wie viel Leid und Blut die Erobe­rung des Bal­ti­kums durch die Deut­schen ver­bun­den gewe­sen war und dass die ein­hei­mi­schen Esten nie dar­um gebe­ten hat­ten, von ihnen kolo­ni­siert und in ihrem eige­nen Land zu Bür­gern zwei­ter Klas­se degra­diert zu wer­den. Als die bal­ten­deut­sche Idyl­le vol­ler Fes­te, Wohl­stand und Macht sich dem Ende neigt – ers­tens, weil Est­land damals Teil des Rus­si­schen Rei­ches war und dort wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs eine star­ke anti­deut­sche Stim­mung herrsch­te, und zwei­tens, weil die Deut­schen im Bal­ti­kum die Ober­schicht bil­de­ten und im Zuge der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on als sol­che ver­folgt wur­den, – trau­ern sie ihrem Sta­tus als „Stamm von Füh­rern und Her­ren“ hin­ter­her und über „das end­gül­ti­ge Ende deut­schen Wir­kens“ in die­sem Gebiet. Wäh­rend ich mit den Figu­ren abso­lut mit­füh­le (Repres­sa­li­en blei­ben nun mal Repres­sa­li­en), kann ich als geschichts­kun­di­ge rus­si­sche Bür­ge­rin nicht anders, als ihre – durch­aus nach­voll­zieh­ba­re – Gefan­gen­schaft in ihrem ger­ma­no­zen­tri­schen Rea­li­täts­tun­nel zu bemer­ken: Wenn sie Gene­ra­ti­on für Gene­ra­ti­on mit einer bestimm­ten Denk­wei­se auf­ge­wach­sen sind und die­se Denk­wei­se nie ernst­haft infra­ge gestellt wur­de, wie sol­len sie denn über­haupt eine ande­re Per­spek­ti­ve ein­neh­men können?

Nun ist Lie­be Rena­ta ein Buch von 1955 – heu­te ist es anders … oder? Im Mai 2022 scho­ckier­te die rus­si­sche Vlog­ge­rin Nad­ja vom Kanal Sel­ja­vi, die vie­le Jah­re in Deutsch­land und Frank­reich gelebt, gear­bei­tet und Kin­der auf­ge­zo­gen hat und nun über das Leben in die­sen Län­dern erzählt, ihre rus­sisch­spra­chi­gen Zuschau­er mit ihrer Bespre­chung des Romans Tschick von Wolf­gang Herrn­dorf aus dem Jahr 2010. Obwohl sie das Buch in vie­len Punk­ten lobt, geht sie auch auf die ras­sis­ti­sche Dar­stel­lung der Rus­sen im Zwei­ten Welt­krieg in die­sem Roman ein, die zwar aus dem Mund eines ehe­ma­li­gen deut­schen Sol­da­ten kommt, der aber ins­ge­samt eine posi­ti­ve Figur dar­stellt und des­sen Erzäh­lung im Roman unhin­ter­fragt ste­hen bleibt. Auch die Dar­stel­lung des russ­land­deut­schen Deu­te­rago­nis­ten Tschick bemän­gelt Nad­ja, weil sie vol­ler Kli­schees ist. Zwar ist er eine posi­ti­ve Figur, aber bei all den Kli­schees und der ras­sis­ti­schen his­to­ri­schen Dar­stel­lung der Rus­sen käme eher rüber, dass die Rus­sen indi­vi­du­ell zwar tol­le Men­schen sind, aber eben aus Grau­sam­keit und Unzi­vi­li­siert­heit kom­men. – Ich für mei­nen Teil kann bestä­ti­gen, dass dies ein durch­aus häu­fi­ges Nar­ra­tiv ist unter Deut­schen, die sich selbst für rus­sen­freund­lich hal­ten. Es ist also ein Fall von ras­sis­ti­schen Kli­schees hin­ter einer Fas­sa­de von Tole­ranz und Freundlichkeit.

Und wenn es posi­ti­ve Bil­der der Rus­sen und Ost­eu­ro­pä­er gene­rell gibt, dann wis­sen die Men­schen oft nicht, was dahin­ter steckt: Oder weißt Du etwa, dass Fré­dé­ric Fran­çois Cho­pin bzw. Fry­deryk Fran­cis­zek Cho­pin hal­ber Pole war? Weißt Du, dass der Schrift­stel­ler Joseph Con­rad, eigent­lich Józef Teo­dor Nałęcz Kon­rad Kor­ze­niow­ski, sogar voll­stän­di­ger Pole war und erst mit Anfang zwan­zig Eng­lisch gelernt hat? Wie vie­le pol­ni­sche Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger kennst Du? Und weißt Du, dass die Sta­tue „Der Befrei­er“ beim Sowje­ti­schen Ehren­mal in Ber­lin, die einen sowje­ti­schen Sol­da­ten mit einem deut­schen Mäd­chen auf dem Arm zeigt, mög­li­cher­wei­se ein rea­les Vor­bild hat­te, näm­lich den Sol­da­ten Niko­laj Masa­lov, der wäh­rend der Schlacht um Ber­lin ein deut­sches Kind geret­tet hat­te – und das nach einem Ver­nich­tungs­krieg, nach einem Geno­zid an sei­nem Volk durch die Deut­schen inklu­si­ve der sadis­ti­schen Aus­rot­tung gan­zer Dör­fer und dem Blick in das ein oder ande­re befrei­te Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger? – Und dann haben man­che Deut­sche immer noch den Nerv, den Rus­sen und Ost­eu­ro­pä­ern gene­rell die Zivi­li­siert­heit abzusprechen.

Und komm mir bit­te nicht mit den Ver­ge­wal­ti­gun­gen deut­scher Frau­en durch sowje­ti­sche Sol­da­ten: Ver­ge­wal­ti­gun­gen und ande­re Kriegs­ver­bre­chen haben im Zwei­ten Welt­krieg alle Par­tei­en began­gen, auch die West-Alli­ier­ten und vor allem auch die Deut­schen selbst. Das ein­sei­ti­ge Her­um­rei­ten auf den Ver­bre­chen beim Ein­marsch der Sowjets in Deutsch­land basiert also auf Fak­ten, aber die­se wur­den zwecks Nazi- und Kal­ter-Krieg-Pro­pa­gan­da auf­ge­bla­sen, wäh­rend die Ver­bre­chen der ande­ren Par­tei­en gern unter den Tep­pich gekehrt wur­den. Die posi­ti­ven und heroi­schen Sei­ten der Sowjet­ar­mee wur­den eben­falls in den Hin­ter­grund gerückt. Die abso­lut tra­gi­schen his­to­ri­schen Fak­ten wur­den also – wie ich befürch­te – miss­braucht, um ein ras­sis­ti­sches Feind­bild auf­recht­zu­er­hal­ten. Könn­ten wir uns also bit­te dar­auf eini­gen, dass es in kei­nem Krieg ein­deu­ti­ge Engel und Dämo­nen gibt und jede Par­tei sowohl ver­bre­che­ri­sche als auch ehren­haf­te Sei­ten hat? Aber eine Welt ohne dum­me Feind­bil­der wäre ja auch zu schön …

Propaganda und Hassprediger

Doch wir leben nun mal nicht in einer per­fek­ten Welt. – Und nun stell Dir vor, es gibt einen neu­en Kon­flikt und alle Sei­ten gra­ben ihre alten Feind­bil­der aus. Es ent­steht eine Pro­pa­gan­da­schlacht, in der jeder vor allem der Sei­te glaubt, die am ehes­ten mit sei­nem Rea­li­täts­tun­nel über­ein­stimmt. Und weil es in unse­rer Zeit dabei auch um media­le Prä­senz geht, um auf den Ein­zel­nen Grup­pen­druck im Sin­ne des Asch-Expe­ri­ments aus­zu­üben, wo die Teil­neh­mer sich ent­ge­gen ihrer eige­nen Wahr­neh­mung der Mehr­heit ange­schlos­sen haben, ver­sucht man, vor allem in den sozia­len Medi­en das eige­ne Nar­ra­tiv zu pushen und das feind­li­che weg­zu­zen­sie­ren, unter ande­rem durch eine Brand­mar­kung als „Des­in­for­ma­ti­on“. Denn wer medi­al prä­sen­ter ist, dem schlie­ßen sich die Mit­läu­fer an. Und wenn das dann auf allen Sei­ten statt­fin­det und sich geschlos­se­ne, nahe­zu unüber­wind­ba­re Infor­ma­ti­ons­bla­sen bil­den und in der Can­cel Cul­tu­re ihre Voll­endung fin­den, wen wun­dert es da, dass die Men­schen sich immer wei­ter auf­sta­cheln, zu Dis­kus­sio­nen nicht mehr bereit sind und irgend­wann womög­lich sogar aggres­siv, gewalt­ver­herr­li­chend oder gar straf­fäl­lig wer­den, ohne es zu mer­ken?

So durf­te ich die Erfah­rung machen, dass es Men­schen gibt, die wirt­schaft­li­che Sank­tio­nen als gut, rich­tig und gera­de­zu human emp­fin­den. Ich bezweif­le, dass den meis­ten von die­sen Men­schen bewusst ist, dass ein­sei­ti­ge Sank­tio­nen, wie west­li­che Län­der sie ger­ne ver­hän­gen, laut einer Reso­lu­ti­on des UN-Men­schen­rechts­ra­tes völ­ker­rechts­wid­rig sind, weil sie die kom­plet­te Infra­struk­tur eines Lan­des lahm­le­gen kön­nen, was wie­der­um zu Hun­ger, man­gel­haf­ter medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung und gene­rell kata­stro­pha­len Lebens­be­din­gun­gen führt. Ein­sei­ti­ge Sank­tio­nen sind also kei­nes­wegs human, son­dern ein Angriff auf die Men­schen­rech­te eines gan­zen Vol­kes. Und sowas fin­den Befür­wor­ter von Sank­tio­nen toll – denn sie wis­sen offen­bar nicht, was sie tun.

Spal­tend wir­ken übri­gens auch die ein­zel­nen Pre­di­ger der ver­schie­de­nen Pro­pa­gan­da­rich­tun­gen, selbst wenn sie selbst gar nicht mer­ken, dass sie als Hass­pre­di­ger fun­gie­ren. Von mei­nen eige­nen Zuschau­ern weiß ich zum Bei­spiel, dass es zumin­dest eini­ge gibt, die Vide­os von Alex­an­der Prinz schau­en. Nach­dem sein You­Tube-Kanal Der Dunk­le Para­bel­rit­ter mit Kurz­fil­men, Come­dy und Vide­os rund um Metal groß gewor­den war, wand­te er sich Ende 2021 poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen The­men zu. Das ist ein ziem­li­cher Schwenk, so von Unter­hal­tung zu Poli­tik, zumal er auch – um mal nach mei­nem Krea­tiv­Crew-Kri­ti­ker mit sei­nem argu­men­tum ad homi­nem von vor­hin zu gehen – kei­ner­lei fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on besitzt, da er „nur“ Deutsch und Geo­gra­fie auf Lehr­amt stu­diert hat, nicht Politik‑, Geschichts- oder Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten. Eine feh­len­de „offi­zi­el­le“ Bil­dungs­qua­li­fi­ka­ti­on muss einem aber nicht im Wege ste­hen, sich in einem Bereich wirk­lich aus­zu­ken­nen: So gibt es zum Bei­spiel vie­le Men­schen, die äußerst talen­tier­te Auto­di­dak­ten sind. Wor­auf es eher ankommt, ist letzt­end­lich die Qua­li­tät der Vide­os. Und wäh­rend Prinz mit der tech­ni­schen Qua­li­tät über­haupt kei­ne Pro­ble­me hat und sei­ne Per­for­mance vor der Kame­ra selbst­be­wusst und cha­ris­ma­tisch ist, strotzt sein Con­tent vor inhalt­li­chen und metho­do­lo­gi­schen Mängeln.

Neh­men wir zum Bei­spiel sein Video „Wir müs­sen über Frie­den reden!“, in dem er über die Frie­dens­de­mo von Sahra Wagen­knecht und Ali­ce Schwar­zer im Febru­ar 2023 redet. Etwa ab Minu­te 21:47 geht es um den Moment, als auf der Demo von den Behör­den ver­ord­ne­te Regeln ver­le­sen wer­den wie zum Bei­spiel das Ver­bot der pro-rus­si­schen und sowje­ti­schen Sym­bo­lik und ande­rer Aspek­te des eher pro-rus­si­schen Nar­ra­tivs, die als Kriegs­ver­herr­li­chung abge­stem­pelt wer­den. In der Men­ge hört man Lachen, Buhen und Pfei­fen. In Prinz‘ Video steht das im Kon­text von Bewei­sen bzw. ver­meint­li­chen Bewei­sen einer star­ken Prä­senz rech­ter Grup­pen auf der Demo. Dar­auf­hin stellt Prinz fol­gen­de Frage:

„Hat man eigent­lich eine Kon­takt­schuld, wenn man mit Nazis auf die Stra­ße geht, auch wenn man für das glei­che Ziel ein­tritt und das ja eigent­lich gut sein soll? Ich frag mal anders: Wenn du die­sel­ben Zie­le hast wie die Nazis, soll­test du dich nicht gene­rell hin­ter­fra­gen, was bei dir gera­de falsch läuft?“

Mit ande­ren Wor­ten: Prinz hat in dem Clip von der Ver­le­sung der Regeln ein­deu­ti­ge Anzei­chen von Natio­na­lis­mus gese­hen und stellt sei­ne Sicht­wei­se als objek­ti­ve Wahr­heit dar. Dass das jedoch gefähr­lich ist, haben wir bereits im ers­ten Teil der Rei­he am Fritz­chen­bei­spiel gese­hen, wo Fritz­chen ehr­lich und auf­rich­tig fal­sche Anga­ben macht, weil er ein­fach nicht ver­stan­den hat, was er da gese­hen hat. Prinz selbst kann noch so sehr über­zeugt sein, auf der Demo Nazis gese­hen und gehört zu haben – bei der Men­ge von Men­schen lässt es sich auch sicher­lich nicht ver­mei­den, dass ein paar von ihnen auf­kreu­zen –, aber dass es eine nen­nens­wer­te Anzahl war, ist ein sub­jek­ti­ver Ein­druck, der über­prüft gehört. Eben­so wie über­prüft gehört, ob jene, die er als rechts iden­ti­fi­ziert, wirk­lich rechts sind. Und zur Über­prü­fung hät­te Prinz metho­do­lo­gisch betrach­tet die Demons­tra­ti­on vor Ort beob­ach­ten oder wenigs­tens im Nach­hin­ein eini­ge Teil­neh­mer respekt­voll befra­gen müs­sen. Viel­leicht hat er das sogar getan, aber im Video selbst merkt man davon nichts, weil die Gegen­sei­te nicht zur Spra­che kommt, wenn es dar­um geht, die eige­ne Sicht­wei­se auf die­se Punk­te dar­zu­le­gen. Des­we­gen ten­die­re ich eher zu der Annah­me, dass er es nicht getan hat, zumal er, wie wir im drit­ten Teil die­ser Rei­he noch sehen wer­den, gene­rell zu einem unkri­ti­schen Umgang mit Quel­len zu nei­gen scheint bzw. Arti­kel zitiert, als wären sie die Wahr­heit in letz­ter Instanz und nicht nur eine Sicht­wei­se eines bestimm­ten poli­ti­schen Lagers. Ich selbst habe die Demo durch­aus live gese­hen, habe mit Teil­neh­mern gespro­chen und noch mehr ihren Gesprä­chen unter­ein­an­der zuge­hört und kann sagen: In dem Clip, den Prinz als Bestä­ti­gung für die Unter­wan­de­rung der Demo durch Nazis sieht, ist die Reak­ti­on der Teil­neh­mer auf die Regeln nicht des­we­gen ableh­nend, weil sie Gewalt ver­herr­li­chen und die Ukrai­ne zer­stört sehen wol­len, son­dern weil sie einem ande­ren Nar­ra­tiv fol­gen als dem, auf wel­chem die­se Regeln beru­hen. Es han­delt sich um die Kol­li­si­on zwei­er Rea­li­täts­tun­nel, wobei bei­de Sei­ten unter ande­rem der Über­zeu­gung sind, gegen Nazis zu kämp­fen – die einen gegen ver­meint­li­che Nazis auf der Demo, die ande­ren gegen die Nazi-Tole­ranz in der Ukrai­ne. Den jeweils ande­ren Rea­li­täts­tun­nel fin­det man absurd und lächer­lich, den eige­nen kei­nes­falls rechts oder ander­wei­tig „böse“, und es liegt in der Natur von Rea­li­täts­tun­neln, dass man anein­an­der vor­bei kom­mu­ni­ziert und sich gegen­sei­tig das Böses­te des Bösen unter­stellt. Als die Regeln ver­le­sen wer­den, wird den Demons­tran­ten also ein frem­der Rea­li­täts­tun­nel auf­ge­drückt – genau der, gegen den sie gekom­men sind zu pro­tes­tie­ren. Und des­we­gen pro­tes­tie­ren sie eben, wäh­rend die Regeln ver­le­sen wer­den. Prinz und ande­re Anhän­ger des feind­li­chen Rea­li­täts­tun­nels wie­der­um sehen ihre Vor­ur­tei­le bestätigt.

Außer­dem ist Prinz‘ auf den Clip und ande­re ver­meint­li­che Bewei­se für die Prä­senz rech­ter Ideo­lo­gie auf der Demo fol­gen­de Fra­ge auf­fäl­lig ober­fläch­lich und kein logi­sches Argu­ment bzw. kei­ne nüch­ter­ne Fra­ge­stel­lung für eine ernst­haf­te Ana­ly­se, son­dern eher Hetz­rhe­to­rik. Um das prak­tisch zu demons­trie­ren, dre­he ich die­se bereits zitier­te Fra­ge ein­fach um:

„Hat man eigent­lich eine Kon­takt­schuld, wenn man für die glei­chen Zie­le ein­tritt wie nach­ge­wie­se­ne Nazi-White­washer, auch wenn die­se Zie­le eigent­lich gut sein sol­len? Ich frag mal anders: Wenn du die­sel­ben Zie­le hast wie beken­nen­de Nazi-Ver­eh­rer, soll­test du dich nicht gene­rell hin­ter­fra­gen, was bei dir gera­de falsch läuft?“

Ich bezie­he mich dabei übri­gens auf sei­ne iro­ni­sie­ren­de Para­phra­sie­rung von Wagen­knechts For­de­run­gen etwa bei Minu­te 24:49:

„ ‚Ver­han­deln ist kein Kapi­tu­lie­ren.‘ – Ja, außer man hat kei­ne Trümp­fe mehr in der Hand. Also bit­te, Ukrai­ne, gib alle dei­ne Vor­tei­le in den Ver­hand­lun­gen auf, damit du nur noch kapi­tu­lie­ren kannst.“

Die Kri­tik und die For­de­rung, die aus die­ser Para­phra­sie­rung her­vor­ge­hen, ist deckungs­gleich mit der Kari­ka­tur, die unser guter Bekann­ter und Ban­de­ra-Fan, der ehe­ma­li­ge Bot­schaf­ter der Ukrai­ne Andrij Mel­nyk, anläss­lich der Demo bei X (damals noch Twit­ter) gepos­tet hat.

Ich will Prinz mit die­ser Umkehr natür­lich kei­nes­wegs Nähe zu Nazis bzw. beken­nen­den Nazi-White­washern unter­stel­len, son­dern nur zei­gen, wie leer und ober­fläch­lich sei­ne Fra­ge­stel­lung und Argu­men­ta­ti­on eigent­lich ist. Nazi­ver­glei­che und irgend­ei­ne poten­ti­el­le Kon­takt­schuld kann man immer an den Haa­ren her­bei­zie­hen. Bloß gibt es da abge­se­hen davon, dass es eine bil­li­ge Metho­de ist, um Anders­den­ken­de zu dis­kre­di­tie­ren, noch den Aspekt, dass es die Gräu­el der Nazi-Dik­ta­tur ver­harm­lost, wenn man alles Mög­li­che damit auf eine Stu­fe stellt.

So in etwa las­sen sich die meis­ten von Prinz‘ Punk­ten in dem Video zer­le­gen. Er wirft mit Behaup­tun­gen um sich, ohne sie jedoch zu ana­ly­sie­ren und zu über­prü­fen. Mit ande­ren Wor­ten: Prinz steckt in sei­nem eige­nen Rea­li­täts­tun­nel fest, hat sei­ne Vor­ur­tei­le und der Bestä­ti­gungs­feh­ler sorgt dafür, dass er sich in sei­nen Ansich­ten immer wei­ter bestä­tigt sieht und die Sicht­wei­se der Gegen­sei­te prin­zi­pi­ell nicht ver­ste­hen kann, bis er sich von sei­ner Selbst­über­zeugt­heit löst. Das ist an sich natür­lich nicht dra­ma­tisch, weil Prinz wie jeder ande­re Mensch auch ein Recht auf sei­nen Rea­li­täts­tun­nel hat. Pro­ble­ma­tisch wird es nur, wenn er sei­nen Rea­li­täts­tun­nel als nüch­ter­ne, objek­ti­ve Wahr­heit prä­sen­tiert, über Anders­den­ken­de in einem iro­nisch-ver­ächt­li­chen Ton spricht und Hun­dert­tau­sen­de Fol­lower hat, die dann los­zie­hen und Leu­te anpö­beln, die einen ande­ren Rea­li­täts­tun­nel haben, ohne auch nur ansatz­wei­se zu ver­su­chen, deren Sicht­wei­se zu ver­ste­hen. Sie glau­ben dabei ehr­lich und auf­rich­tig, sie wür­den für das Gute kämp­fen, doch in Wahr­heit ver­stär­ken sol­che Pöbe­lei­en nur die gesell­schaft­li­che Spal­tung. Zumal die Pöbe­lei­en sich auch noch gegen Men­schen rich­ten, die auf­grund ihrer ande­ren Ansich­ten ohne­hin bereits medi­al und gesell­schaft­lich aus­ge­grenzt wer­den: Gera­de die media­le Kam­pa­gne gegen die Demo von Wagen­knecht und Schwar­zer war ja enorm. Der Chor die­ser Aus­gren­zung von Anders­den­ken­den, der Can­cel Cul­tu­re und der damit ein­her­ge­hen­den Ein­schrän­kung der Mei­nungs­frei­heit wird ver­stärkt. Und das ist ein Stück weit auch die Mit­ver­ant­wor­tung von Alex­an­der Prinz, des­sen cha­ris­ma­ti­sche, selbst­ge­fäl­li­ge Art, die über jeden Zwei­fel am eige­nen Rea­li­täts­tun­nel erha­ben ist, eben Men­schen auf­hetzt – sicher­lich ohne dass er es will, aber den­noch. Hät­te er mehr von sei­ner sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung gespro­chen und das Gan­ze weni­ger als ver­meint­lich dif­fe­ren­zier­te Ana­ly­se insze­niert, hät­te sein Video zwei­fel­los weni­ger het­ze­risch gewirkt.

Zusammenfassung

Was lässt sich abschlie­ßend also sagen? Nun,

das Böse ist banal und steckt in uns allen.

Ste­reo­ty­pe und Kli­schees, oft sogar unter­be­wusst ras­sis­tisch, gepaart mit man­geln­dem Ver­ständ­nis der jewei­li­gen Fach­ge­bie­te, zum Bei­spiel von geo­po­li­ti­schen Prin­zi­pi­en, und Kri­te­ri­en, um Medi­en­qua­li­tät zu bewer­ten, sowie mit einer selek­ti­ven Igno­ranz von Fak­ten, die nicht in den eige­nen Rea­li­täts­tun­nel pas­sen, machen uns leicht zu den mit­läu­fe­ri­schen Arsch­lö­chern, die wir nun mal von Natur aus sind. Wir sind über­zeugt von unse­ren Rea­li­täts­tun­neln, wol­len nicht hin­ter­fra­gen und wer­den manch­mal offen und manch­mal nur sub­til aggres­siv, wenn die­se Rea­li­täts­tun­nel durch etwas oder jeman­den her­aus­ge­for­dert wer­den, was wir wie­der­um – meis­tens unter­be­wusst – als Angriff auf unser Selbst- und Welt­bild emp­fin­den. Wir alle haben das Gefühl, dass unse­re Mei­nung auf objek­ti­ven Fak­ten beruht, doch die wenigs­ten von uns gehen wirk­lich nüch­tern metho­do­lo­gisch vor, um uns die­se Mei­nung zu bil­den – wir glau­ben das nur. Doch wenn wir eine sol­che Kon­stel­la­ti­on von Vor­ur­tei­len, fach­li­cher Inkom­pe­tenz und kogni­ti­ven Blo­cka­den als Mei­nung bezeich­nen, dann wäre 2+2=22 eben­falls eine Mei­nung. Was ich damit mei­ne, ist:

Eine Mei­nung ohne aus­rei­chen­de metho­do­lo­gi­sche Grund­la­ge gleicht reli­giö­sen Glau­bens­sät­zen. Und mit die­sen Glau­bens­sät­zen auf den Lip­pen kämp­fen wir für das ver­meint­lich Gute, schla­gen uns die Köp­fe ein, statt uns gegen­sei­tig eine Chan­ce zu geben und zuzu­hö­ren, und wun­dern uns dann über die gesell­schaft­li­che Spal­tung.

Ganz am Ende heißt es schließ­lich: „Wir haben ja von nichts gewusst.“ Aber guess what: Unwis­sen schützt nicht vor Ver­ant­wor­tung! Denn eigent­lich hat­test du ja Hin­wei­se, Gegen­stim­men und die Wahl, die­sen Stim­men offen zu begegnen.

Spal­tend und des­we­gen gefähr­lich sind also nicht ver­schie­de­ne Mei­nun­gen oder (ver­meint­li­che) Des­in­for­ma­ti­on, son­dern man­geln­der zwi­schen­mensch­li­cher Respekt und Aggres­si­on, sei­en sie auch noch so unbe­wusst und sub­til, resul­tie­rend aus einem Man­gel an kri­ti­schem Den­ken.

Aber gut, wir haben offi­zi­ell fest­ge­stellt: Der Groß­teil von dem, was die meis­ten Men­schen als ihre Mei­nung dekla­rie­ren, ist nichts wei­ter als Unwis­sen. Und lei­der han­deln Men­schen oft nach die­sem Unwis­sen und rich­ten Scha­den an. Wie kommt man also an eine wirk­lich infor­mier­te, nüch­ter­ne Mei­nung? Wie bricht man aus sei­nem Rea­li­täts­tun­nel aus?

Fast jedes Kind weiß:

Eine infor­mier­te, kri­ti­sche Mei­nung soll­te sich auf sorg­fäl­tig über­prüf­te Fak­ten stüt­zen und nicht auf Spe­ku­la­tio­nen oder sub­jek­ti­ve Emp­fin­dun­gen, da letz­te­re leicht mani­pu­liert wer­den kön­nen, allem vor­an durch uns selbst bzw. unse­re eige­nen kogni­ti­ven Blockaden.

Ich glau­be, gera­de für uns hier im Wes­ten ist das auf­grund der im ers­ten Video die­ser Rei­he auf­ge­lis­te­ten Punk­te schwie­rig: Wegen unse­rer indi­vi­dua­lis­ti­schen Erzie­hung klam­mern wir uns an unse­re jeweils indi­vi­du­el­le Kom­bi­na­ti­on von Iden­ti­tä­ten, die Zuge­hö­rig­keit zu irgend­wel­chen Grup­pen, Com­mu­ni­tys und Bewe­gun­gen, wir wie­gen uns in ver­meint­li­cher Frei­heit und sind qua­si-reli­gi­ös über­zeugt von der Rich­tig­keit unse­rer Wer­te, was unse­re Empa­thie­fä­hig­keit gegen­über ande­ren Denk­wei­sen ein­schränkt, und wir haben im Übri­gen auch einen Kult von Selbst­dar­stel­lung, die wir als Selbst­be­wusst­sein miss­ver­ste­hen, die jedoch im Grun­de nur eine Obses­si­on mit dem eige­nen Selbst­bild ist.

Wir kön­nen uns, wenn wir kri­tisch den­ken wol­len, also nicht auf uns selbst ver­las­sen.

Des­we­gen gibt es metho­do­lo­gi­sche Ansät­ze, die uns hel­fen sol­len, uns eini­ger­ma­ßen von der eige­nen Sub­jek­ti­vi­tät zu befrei­en – eine voll­stän­di­ge Befrei­ung wird wohl nie mög­lich sein. Und weil wir nach der lan­gen Auf­lis­tung von Pro­ble­men auch über Lösun­gen reden soll­ten, geht es im drit­ten und letz­ten Teil die­ser Rei­he um eine Anlei­tung für selbst­stän­di­ges, kri­ti­sches Den­ken Schritt für Schritt, basie­rend auf geschichts­wis­sen­schaft­li­cher Quel­len­kri­tik und gewürzt mit jour­na­lis­ti­schen Metho­den und Ansät­zen aus der Erzähltheorie.

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