Kreatives Feedback geben und nehmen

Kreatives Feedback geben und nehmen

Feedback ist nicht immer einfach, vor allem in solchen kreativen Bereichen wie dem Schreiben. Wie gibt man also hilfreiche Kritik, ohne zu verletzen? Und wie geht man als Autor mit Kritik um? Wie zieht man aus nichtssagendem oder gar verletzendem Feedback dennoch einen Nutzen? In diesem Artikel besprechen wir konkrete Schritte für Feedback-Geber und Feedback-Nehmer.

Wer eine Geschichte schreibt, will in der Regel auch wissen, ob sie etwas taugt. Doch leider ist wirklich hilfreiche, konstruktive Kritik ein seltenes Gut. Und während man sich als Autor häufig mit nichtssagender oder gar beleidigender Kritik herumschlagen muss, gerät man als Feedback-Geber erschreckend oft an scheinbar kritikunfähige Adressaten, die auf vermeintlich sachliche Kritik wütend reagieren.

Was läuft also falsch in der Feedback-Welt? Was macht konstruktive Kritik aus? Wie erkennt man inkompetente Kritik und wie geht man damit um? Wie gibt man selbst hilfreiches Feedback ohne zu verletzen?

Um diese Fragen dreht sich der heutige Artikel. Ich sage nicht, dass ich die Wahrheit mit Löffeln gefressen habe – aber ich wage mal zu hoffen, dass meine Erkenntnisse aus 17 Jahren Erfahrung mit unterschiedlichen Arten von Geschichten-Feedback irgendwie hilfreich sind.

Viel Spaß!

Schlechte Kritik

Beginnen wir am besten mit einer Beschreibung des „Problems“: Wie sieht inkompetente Kritik eigentlich aus bzw. was kann man beim Kritisieren der Werke anderer alles falsch machen?

Nichtssagende Kritik

Die erste Anlaufstelle auf der Suche nach Feedback ist bei uns Autoren oft das unmittelbare Umfeld: Familie und Freunde. Von diesen Feedback-Gebern wird meistens jedoch abgeraten, und das aus gutem Grund: Denn das sind in der Regel Menschen, die Dich lieben und entweder tatsächlich alles toll finden, was Du tust, oder Dich zumindest nicht verletzen wollen. Außerdem haben diese Menschen mit Literatur oft herzlich wenig am Hut und drücken sich daher sehr schwammig aus. Oft wird die Geschichte als „toll“, „cool“ oder anderweitig nichtssagend beschrieben. Auf Dauer kann so viel schwammiges Lob sogar deprimierend wirken, wenn Dich nämlich irgendwann der Gedanke quält: „Gibt es zu meiner Geschichte denn nichts zu sagen außer: ‚Supi, mach weiter so‘?“

Sollte sich aber dennoch jemand zu Kritik durchringen, ist auch das oft wenig hilfreich, denn in der Regel können Nahestehende nicht ausdrücken, warum sie etwas „komisch“ finden. Du erfährst also nur, dass ihnen etwas nicht gefällt, aber nicht, wo das Problem liegt.

Und ja, natürlich kann schwammige Kritik auch von anderen als dem unmittelbaren Umfeld kommen: Wenn man seine Geschichten im Internet veröffentlicht, ist das die häufigste Art von Feedback durch anonyme Fremde. Und weil das meiste Feedback eben nichtssagend ist, sind ausführliche, konstruktive Kritiken so begehrt, dass sie den Beruf des Lektors notwendig machen.

Beleidigende Kritik

Erschreckend viele Menschen haben nur ein sehr eingeschränktes Empathievermögen oder wollen sich auf Deine Kosten selbst bestätigen und noch mehr Menschen sind es einfach nicht gewohnt, über ihre Wortwahl nachzudenken. Und so kommen dann Kritiken zustande, die mit Worten wie „Schwachsinn“, „dumm“ und „unerträglich“ hantieren. Oft wird auch der Autor selbst persönlich angegriffen. Dabei kann es durchaus sein, dass der Kritiker wichtige Punkte nennt, die in Kombination mit einer anderen Wortwahl erstklassiges Feedback wären. Andere wiederum wollen sich am Autor einfach nur die Füße abwischen und kritisieren beleidigend und schwammig, sodass der Nutzen von solchem Feedback irgendwo bei null liegt.

Allerdings sollte hier nochmal betont werden, dass beleidigende Kritik nicht immer böswillig ist. Denn, wie gesagt, viele Menschen – vor allem jüngere – denken einfach nicht ausreichend über ihre Formulierungen nach und merken bestenfalls erst im Nachhinein, dass es auch freundlicher ging. Sie drücken einfach ihre Gefühle und Gedanken aus, wie sie ihnen in den Sinn kommen, absolut ungefiltert. Und sie werfen oft mit Übertreibungen um sich, sodass statt beispielsweise einem Hinweis, dass eine Szene langweilig war, ein Frontalangriff kommt: „Gott, was hab ich da geschnarcht! Von Spannung verstehst du echt nix!“

Subjektive Kritik

Natürlich ist jede Kritik im Grunde subjektiv, weil wir alle Subjekte sind mit unseren subjektiven Erfahrungen, Meinungen und Geschmäckern. Problematisch wird es allerdings, wenn wir nur unsere Subjektivität gelten lassen und sie als objektive Meinung hinstellen. Also rigide Vorstellungen von dem, was gut und was schlecht ist. So gibt es zum Beispiel gerade unter Schreiberlingen solche, die offenbar zu viele Schreibratgeber gelesen haben und nun alles zerfetzen, was nicht den Empfehlungen der Ratgeber folgt. – Egal, ob die Empfehlungen in den Ratgebern zur Vision des Autors passen oder nicht. Eine primitivere Variante ist, wenn einfach alles niedergemäht wird, was nicht den eigenen Geschmack trifft bzw. was man selbst anders geschrieben hätte. – Also auch hier komplettes Ignorieren der Tatsache, dass der Autor seine eigene Vision hat.

Auch bei dieser Art von Kritik kann es in Wirklichkeit um Selbstbestätigung gehen, selbst wenn der Kritiker nicht beleidigend wird. So kann ein subjektiver Feedback-Geber seinen Lieblingsautor als Maß aller Dinge nehmen und äußerst höflich formulieren, warum die kritisierte Geschichte nicht an die Genialität von Kafka herankommt. Dass der Autor kein zweiter Kafka sein will, ist für einen solchen Kritiker irrelevant. Denn er will nicht helfen, sondern nur sich selbst erhöhen: „Guck, was für einen erlesenen Literaturgeschmack ich habe! Ich lese Kafka und du vermutlich nicht. Ich bin besser als du!!“

Hochgradig subjektiv und schwierig im Umgang sind in übrigens auch Leute, die emotional „getriggert“ wurden. Es kann eine Kleinigkeit sein oder auch etwas Grundsätzliches, das die emotionale Reaktion ausgelöst hat, und es muss auch nicht an Deiner Geschichte liegen. Manchmal hat ein Mensch einfach etwas sehr Spezifisches erlebt und hat seitdem einen sehr individuellen, für andere Menschen völlig unvorhersehbaren Trigger. Und wenn die emotionale Bombe hochgeht, sieht der Kritiker nur noch rot, hat einen kompletten Tunnelblick und lehnt die ganze Geschichte kategorisch ab. Natürlich ist es bei so einer Reaktion sinnvoll zu prüfen, ob Du nicht doch ein sensibles Thema unsensibel gehandhabt hast, aber, wie gesagt, sie kann auch bei durchaus sensibler Handhabung auftreten. – Einfach, weil wir Menschen eben individuell sind.

Unverständnis und/oder falsche Zielgruppe

Viel zu häufig kommt es vor, dass Menschen ein Werk nur deswegen kritisieren, weil sie es nicht verstehen. Entweder, weil sie beim Lesen bestimmte Details übersehen oder anders interpretiert haben, den Subtext nicht gelesen haben oder weil sie nicht zur Zielgruppe gehören und das Werk somit nicht verstehen oder genießen können. Häufig sind diese Menschen auch noch Opfer des Dunning-Kruger-Effekts und sind der felsenfesten Überzeugung, dass die Geschichte das Problem ist, nicht sie selbst. Dabei hat der Autor hier höchstens den Fehler gemacht, die Geschichte den falschen Leuten zu geben bzw. falsch zu vermarkten. Die Geschichte an sich ist, wenn sie der eigentlichen Zielgruppe gefällt, völlig in Ordnung. Und wenn ein liebesgeschichtenhassender Kritiker von sich aus das Werk gelesen hat, obwohl es klar als Liebesgeschichte deklariert wurde, dürfte er sich eigentlich nicht über das „Liebesgesülze“ beschweren.

Und wie gesagt, selbst wenn der Kritiker zur Zielgruppe gehört, kann es immer noch passieren, dass er, sagen wir mal, auf dem Schlauch steht. An einen solchen Dunning-Kruger-Moment erinnere ich mich besonders gut:

Die Geschichte hatte einen autodiegetischen Erzähler und die Kritik war, dass die Sprache viel zu beurteilend war und es keine Einblicke in das Innenleben der Nebenfiguren gab. Ich wiederhole: Es war ein autodiegetischer Erzähler. Der idealtypischste Ich-Erzähler, den es geben kann. Natürlich war seine Innenwelt hochgradig subjektiv und er konnte auch keine Gedanken lesen. Die Geschichte handelte vom Innenleben des Protagonisten. Der Kritiker darf durchaus sein Interesse am Innenleben der anderen Figuren äußern – aber wenn es nicht die Vision des Autors ist, dann ist es nicht die Vision des Autors, und die Geschichte wird dadurch an sich nicht schlechter. Man kann höchstens darüber diskutieren, ob die Vision des Autors durch eine andere Erzählperspektive nicht besser ausgedrückt worden wäre, aber andererseits wird der Autor sich doch aus bestimmten Gründen für den autodiegetischen Erzähler entschieden haben.

Jedenfalls: Obwohl ich damals nur eine unbeteiligte dritte Partei war, ist das in meiner Erinnerung einer der eindrücklichsten Feedback-Momente der letzten 17 Jahre. Es war ein kleiner und privater, aber dennoch Wettbewerb und der Kritiker saß in der Jury.

Deprimierend kann Unverständnis im Übrigen auch sein, wenn die Kritik positiv ausfällt: Nehmen wir mal an, Du bist der Autor von Breaking Bad und dann kommt jemand daher und lobt das Werk für seinen Protagonisten, weil er doch so ein positives männliches Vorbild sei. Sofort quält Dich die Frage, was Du um Himmels Willen falsch gemacht hast, dass das Werk mit all dem Lügen, Betrügen und Morden dermaßen falsch verstanden wurde.

Alles nutzlos?

So viel also zu meinem Versuch zu beschreiben, was inkompetente Kritik alles ausmachen kann. Und bestimmt hast Du selbst schon die ganze Zeit versucht, die Kritik, die Du bisher bekommen hast, hier irgendwo einzuordnen. Und bist gescheitert, weil inkompetentes Feedback häufig unter mehrere dieser Punkte gleichzeitig fällt. Deswegen ist das hier keine Typologie, sondern eher eine Sammlung von Merkmalen: Kritik, die nutzlos ist oder bei der man zumindest um die Ecke denken sollte. Doch dazu kommen wir später.

Kompetent kritisieren: Theorie

Vorerst befassen wir uns mit der Theorie von Kritik und einigen uns zunächst darauf, dass wir mit allem, was wir sagen und tun, etwas über uns selbst verraten. Unsere Umwelt hingegen nehmen wir durch ein subjektives Prisma wahr und können uns nur sehr bedingt von dieser Subjektivität lösen, sodass unsere Wahrnehmung der Umwelt vor allem unser eigenes Inneres spiegelt.

Was ich damit sagen will, ist:

Kritik sagt IMMER etwas über den Kritiker aus und nur manchmal etwas über das Werk!

Behalte das bitte stets im Hinterkopf. Sowohl wenn Du inkompetente Kritik bekommst, als auch wenn Du selbst kritisierst. Denn wenn Du inkompetent kritisierst, stehst Du schnell als rüpelhafter Vollidiot mit einem gewaltigen Minderwertigkeitskomplex da. (Es sei denn, du bist einfach ein Literaturdilettant und kannst es nicht besser oder Du bist gerade einfach von Deinen Emotionen überwältigt. In diesen Fällen sei Dir verziehen.)

Wie kritisiert man aber kompetent?

Persönlichkeitsgrenzen

Die psychologische Coachin Casy Dinsing, die den YouTube-Kanal Better Call Casy betreibt, stellt in einem ihrer Videos fünf Persönlichkeitsgrenzen vor, die man beim Kritisieren „angreifen“ kann:

  • Kontext: konkretes Verhalten in einer konkreten Situation

Beispiel: „In Kapitel 5 hast Du einen Satz, der über zehn Zeilen geht. Das ist schwer zu lesen.“

  • Verhalten: verallgemeinernde Beobachtungen zum Verhalten

Beispiel: „Du schreibst gerne lange Sätze. Das ist auf Dauer anstrengend zu lesen.“

  • Fähigkeiten: Rückschlüsse auf die Fähigkeiten der Person

Beispiel: „Du kannst Dich einfach nicht verständlich ausdrücken.“

  • Werte: Unterstellungen bestimmter Werte

Beispiel: „Es ist Dir wohl egal, ob Deine Leser den Text verstehen.“

  • Identität: Urteile über das Wesen des Adressaten

Beispiel: „Du bist ein schlechter Autor.“

Wie Du sicher gemerkt hast, ist da eine Steigerung, wie schmerzhaft die Kritik ist: Angriffe auf Kontext und Verhalten sind die harmlosesten, ab der Grenze der Fähigkeiten wird es persönlich und Angriffe auf die Identität sind die übelsten.

Was sich außerdem beobachten lässt, ist eine Steigerung der Subjektivität: Während kontextbasierte Kritik und Kritik am Verhalten in der Regel belegbar sind, geht es ab der Ebene der Fähigkeiten in den Bereich der subjektiven Interpretation des Kritikers. Wer also auf den Ebenen der Fähigkeiten, Werte oder gar der Identität kritisiert, sagt deutlich mehr über sich selbst aus als über das kritisierte Werk.

Und wenn Du selbst der Feedback-Geber bist, dann solltest Du penibel darauf achten,

dass Du ausschließlich das Werk interpretierst und kritisierst, nicht den Autor.

Das erleichtert es Dir, keine Grenzen zu überschreiten, ab denen Kritik persönlich wird. Denn wenn Du Dir nur das Werk anschaust und gar nicht darüber nachdenkst, welche persönlichen Schwächen des Autors zu den Schwächen im Text geführt haben, dann bist Du auch weniger versucht, diese vermeintlichen persönlichen Schwächen zu kritisieren. Vergiss nie, dass Du ein lebendes und fühlendes Wesen vor Dir bzw. am anderen Ende der Leitung hast. Und Du hast keine Ahnung, wie es im Inneren dieser Person wirklich aussieht und welche persönlichen Eigenschaften zu dem literarischen Werk geführt haben, das Dir vorliegt. Du hast einfach nicht genug Wissen, um über die persönlichen Hintergründe der literarischen Schwächen zu spekulieren. Deine Interpretation wird also mit größter Wahrscheinlichkeit falsch und verletzend ausfallen.

Verständnis der Vision

Wichtig ist bei kreativem Feedback jedoch nicht nur bloße Höflichkeit und ein Bemühen um Objektivität, sondern auch das Verständnis der Vision des Autors. Ein kreatives Werk ist nämlich vor allem etwas sehr Persönliches und das Schreiben wird nicht umsonst manchmal als „Seelenstriptease“ beschrieben.

Und was will ein Mensch, der anderen sein tiefstes Inneres offenbart?

Unterm Strich will er vor allem gesehen und verstanden werden.

Sicherlich macht er bei seinem „Seelenstriptease“ aber auch Fehler und könnte Dein Feedback gut gebrauchen. Doch um die Qualität von seinem „Striptease“ überhaupt beurteilen und Verbesserungsvorschläge geben zu können, musst Du überhaupt erst verstehen, was der Autor ausdrücken will.

In einem äußerst interessanten Blogartikel stellt der Autor Brandon die These auf, dass man an einem Werk nur drei Dinge beurteilen kann:

  • 1. Ist der Zweck hinter der Geschichte aufrichtig gut?
  • 2. Sind die verwendeten Mittel dem Zweck angemessen?
  • 3. Werden die Mittel gut eingesetzt?

Damit im Zusammenhang präsentiert Brandon auch eine Faustregel: Wenn Du die Absicht des Autors nicht erkennen kannst, ist Deine Meinung über das Werk irrelevant.

Doch so sehr der Artikel mir auch gefällt, würde ich hier eine Sache einwenden: Geschichten sind ein Mittel der Kommunikation und diese erfordert nicht nur Anstrengung seitens des Empfängers, sondern auch des Senders. Wir können nur verstehen und verstanden werden, wenn wir alle aufeinander zugehen.

Während ich also durchaus zustimme, dass ein guter Feedback-Geber versuchen sollte, die Absicht des Autors zu verstehen und seine Kritik darauf aufzubauen, möchte ich dennoch darauf hinweisen, dass auch der Autor sich bemühen sollte so zu schreiben, dass seine Absicht zumindest für sein Zielpublikum erkennbar wird.

Ich spreche dabei natürlich nicht von belehrenden Passagen, die die Moral von der Geschicht‘ zusammenfassen. Aber wenn niemand oder kaum jemand ein Werk versteht – und vor allem nicht Leute, für die das Werk bestimmt ist -, dann ist das die Schuld des Autors. Denn wie ich so gerne sage:

Wenn Du nur für Dich selbst schreibst, brauchst Du Dich nicht zu wundern, wenn es keiner liest bzw. versteht.

Aufbau der Kritik

Abgesehen vom Inhaltlichen – also dem, was man kritisiert und auf welcher Ebene -, sind auch formale Dinge wie Aufbau und Wortwahl entscheidend. Denn wenn die Form unappetitlich ist, will man gar nicht erst wissen, was da im Inneren steckt. In der Praxis führt das oft dazu, dass der Autor einer Kritik von vornherein ablehnend begegnet und über sie auch nicht nachdenken will.

So weißt Du sicherlich bereits, dass es keine gute Idee ist, auf einen Menschen einen ganzen Schwall von negativen Bemerkungen loszulassen, seien sie auch noch so berechtigt. Evolutionsbedingt nimmt der Mensch Negatives viel stärker wahr als Positives und wenn Du ihm nur Negatives servierst, vermittelst Du ihm zumindest auf rein emotional-instinktiver Ebene, dass an seinem Werk rein gar nichts stimmt. Und das ist schade, wenn die Geschichte Dir insgesamt gefallen hat und Du einfach nur die wenigen Dinge aufzählst, die verbessert werden sollten.

Daher meine Empfehlung:

Keine Kritik ohne Lob!

Ich gebe aber zu, dass Negatives meistens ausführlicher ausfällt als Positives, einfach weil es in der Regel näherer Erklärungen bedarf: Denn wenn Du lobst, dass die Figuren sehr gut herausgearbeitet sind, ist damit im Prinzip schon alles Wesentliche gesagt und Du kannst das Lob nur noch ein wenig ausschmücken. Wenn Du hingegen die ungenügende Herausarbeitung der Figuren kritisierst, ist es – wenn Du wirklich helfen willst – meistens notwendig zu erläutern, wo genau das Problem liegt bzw. wo Du es vermutest.

Dieser Sachverhalt macht eine gesunde Mischung von Lob und Kritik umso notwendiger. Vor allem ist es wichtig, mit Lob anzufangen und zu enden. Anzufangen, weil Lob am Anfang des Feedbacks dem Autor signalisiert, dass Du ihm wohlgesonnen bist, und es seine innere, oft unterbewusste Abwehrhaltung abbaut und ihn Deiner Kritik öffnet. Am Ende solltest Du loben, weil dem Menschen meistens das Letztgesagte am besten in Erinnerung bleibt. Daher hinterlässt Lob am Ende eines kritischen Feedbacks meistens einen angenehmen Nachgeschmack, der wiederum den Gesamteindruck vom Feedback positiv beeinflusst.

Außerdem ist es bei vielen kritischen Bemerkungen in der Mitte des Feedbacks sehr sinnvoll, die Kritik hier und da durch etwas Lob aufzulockern. So wird es für den Empfänger auf Dauer nicht zu deprimierend, die Welle der Negativität wird abgeschwächt. Hier und da ein kleiner Ego-Boost hilft dem Autor, die Schwachstellen seines Textes nicht als Mängel, sondern mehr als Möglichkeiten zur Verbesserung anzusehen. Die implizite Botschaft lautet dann im Prinzip: „Hey, Du hast X und Y klasse hingekriegt, also wirst Du Schwachstelle Z garantiert ausbügeln können!“

Wichtig ist bei Lob vor allem, dass es ehrlich ist. Die Sache ist einfach, dass wir die positiven Dinge an einem Werk oft nicht wirklich wahrnehmen. Zumindest weniger als die Dinge, die uns stören. Deswegen empfehle ich, dass Du, bevor Du jemandem Dein Feedback verabreichst, erstens überlegst, was Dir wirklich gefallen hat, und zweitens schaust, welche positiven Dinge Dir nicht aufgefallen sind. Hierbei kannst Du einfach allgemeine Punkte abchecken wie: Stimmen Grammatik und Zeichensetzung? Ist der Plot logisch? Sind die Figuren interessant? Hast Du eine Lieblingsfigur? Eine Lieblingsszene? Ist das World-Building spannend? Vermittelt die Geschichte eine gute Botschaft? Passt die Erzählperspektive zum Konzept der Geschichte? Und so weiter …

Formulierungen

Auch die Grundregeln für Formulierungen sind Dir sicherlich bereits bekannt:

  • So solltest Du bei Kritik vor allem Ich-Botschaften aussenden, keine Du-Botschaften. Dadurch unterstreichst Du, dass Du nur Deine eigene Sichtweise wiedergibst und Dir nicht anmaßt, die objektive Wahrheit zu predigen. Im Prinzip gestehst Du dem Autor dadurch einen gewissen Spielraum zu: Er kann sich Deine Bemerkungen anhören oder durchlesen und dann selbst entscheiden, was an Deinen subjektiven Wahrnehmungen dran ist. Du drängst ihn zu nichts, beschuldigst ihn nicht und dadurch sollte er es auch nicht nötig haben, in die Defensive zu gehen.
  • Außerdem bietet das Deutsche auch generell zahlreiche Möglichkeiten, scharfe Aussagen abzuschwächen. Und das ist vor allem bei schriftlicher Kommunikation wichtig, weil hier wesentliche Kommunikationskanäle wie Gestik, Mimik und Stimmführung wegfallen und an sich neutrale Aussagen in einem rein schriftlichen Text äußerst brutal wirken können. Wenn Du dem Adressaten Deines Feedbacks also wohlgesonnen bist, dann solltest Du es durch Deine Formulierungen auch rüberbringen. Ehrliches Feedback, verpackt in Samthandschuhe, ist immer noch ehrliches Feedback, aber dafür mit größerer Wahrscheinlichkeit, gehört und akzeptiert zu werden.

Beispiele für abschwächende Aussagen wären übrigens:

  • „Ich hätte es besser gefunden, wenn XY“ statt „XY wäre besser“

  • „Du könntest XY machen“ statt „Du solltest XY machen“

  • „Vielleicht wäre es möglich, XY zu machen“ statt „Mach am besten XY“

Ich glaube, Du verstehst das Prinzip. 😉 Und übrigens musst Du auch nicht auf Teufel komm raus jede Deiner Aussagen abschwächen. Vielmehr geht es um den Grundtenor: „Ich schlage nur Möglichkeiten vor, Du entscheidest.“ Wenn hier und da ein Imperativ auftritt oder eine Aussage mit Objektivitätsanspruch, dann ist das nicht schlimm, wenn die anderen Aussagen es ausbalancieren und der sanfte Grundtenor rüberkommt.

  • Ansonsten solltest Du penibel auf Deine Wortwahl Nichtssagende und/oder beleidigende Wörter wie „doof“ rutschen uns ziemlich leicht heraus. Und sie sind auch selbst dann nicht gerechtfertigt, wenn auf sie ein „weil“ mit einer ausführlichen Begründung folgt. Statt also die Hauptfigur als „doof, weil …“ zu beschreiben, solltest Du eine Beschreibung wählen, die weniger emotional aufgeladen, dafür aber präziser ist.

Beispielsweise: „Leider verkörpert die Hauptfigur etwas zu viele Klischees.“

Oder: „Die Szene im Café hatte keinen erkennbaren Konflikt, daher mangelte es ihr an Spannung.“
Statt: „Die Szene im Café war langweilig, weil es keinen erkennbaren Konflikt gab.“

Wie Du also siehst, schwächt das banale Herausfiltern von nichtssagenden, emotionalen Wörtern auch die Subjektivität ab, weil der Fokus von Deinen persönlichen Empfindungen auf konkrete Problemstellen gelenkt wird.

  • Und nicht zuletzt: Ironie, Sarkasmus und andere Witzeleien haben in konstruktivem Feedback nichts verloren. Aus Deiner Perspektive mögen sie das Feedback auflockern, unterhaltsamer machen und Deine ach so coole Persönlichkeit ausdrücken, aber erstens geht es beim Feedback um das Werk Deines Adressaten und nicht um Deine coole Persönlichkeit und zweitens hat der Autor sein Werk mit Herzblut geschrieben, er hat sich Dir emotional entblößt und ist dadurch gerade sehr verletzlich. Witzeleien über sein Werk sind Witzeleien über seine innere Essenz. Und nur die wenigsten können so etwas wirklich handhaben. Die meisten tun nur so. Füge anderen Menschen also nicht grundlos diesen Schmerz zu.

Kompetent kritisieren in der Praxis: Schritt-für-Schritt-Anleitung

So viel zu den theoretischen Grundprinzipien. Leiten wir daraus nun konkrete Schritte ab, die zu hilfreichem, konstruktivem Feedback führen, das auch dankbar angenommen wird.

Schritt 1: Arbeite das zentrale Thema des Werks und die Intention des Autors heraus.

Natürlich kannst Du keine Gedanken lesen und Dir daher auch nicht sicher sein, ob Deine Interpretation korrekt ist. Du musst damit arbeiten, was der Text hergibt. Lies ihn also aufmerksam, gerne auch mehrmals, und frage Dich:

  • Was ist der zentrale Konflikt?
  • Welchen Arc macht der Protagonist durch?
  • Welche Arcs machen die Nebenfiguren durch?
  • Welche Motive tauchen immer wieder und/oder an wichtigen Stellen auf?
  • Welche Themen werden immer wieder angesprochen?
  • Und wie hängt das alles zusammen?

Schraube also Deine persönlichen Erwartungen zurück und versuche zu verstehen, was der Autor will. Denn auf diesem Verständnis baut die gesamte Legitimität Deines Feedbacks auf.

Schritt 2a: Hinterfrage Deine Interpretation und u. U. auch Deine Intelligenz.

Viele Feedback-Geber gehen an ein Werk mit der Haltung heran: „Wenn ich etwas nicht mag oder verstehe, hat der Autor etwas falsch gemacht.“

Ich schlage vor, Du änderst diese Einstellung, denn sie ist ein direkter Weg zum Dunning-Kruger-Effekt. (Also wenn inkompetente Leute sich für unheimlich kompetent halten, weil ihnen die nötige Kompetenz fehlt, um ihre Inkompetenz zu erkennen.)

Bitte sei also kein Dunning-Kruger-Idiot und frage Dich jedes Mal, wenn Dir etwas nicht gefällt oder Du etwas nicht verstehst, ob es nicht Du selbst bist, der/die sich gerade doof anstellt. Ob dieses Etwas, ausgehend von der Botschaft des Werkes, nicht doch seine Berechtigung hat, wenn man lange genug darüber nachdenkt.

Schritt 2b: Löse Dich von Deinen Gefühlen.

Vergiss nie, dass Deine Eindrücke immer subjektiv sind. Überlege also jedes Mal, wie Deine Subjektivität Deine Wahrnehmung des Werkes beeinflusst. Es ist keineswegs falsch, dem Autor Deine subjektiven Eindrücke, deine Gefühle mitzuteilen. In der Regel interessiert es den Autor sogar sehr, welche Gefühle seine Geschichte in Dir auslöst.

Behandle Deine Gefühle jedoch als das, was sie sind: Deine subjektiven Gefühle.

Und wenn Du einen Schritt weiter gehen willst, kannst Du auch überlegen, warum bestimmte Dinge in der Geschichte diese Gefühle auslösen. Liegt das primär an der Geschichte oder an Dir? Passt der Auslöser dieser Gefühle nicht zur Botschaft des Werkes oder passt er einfach nicht in Dein subjektives Weltbild?

Und vor allem: Vorsicht, wenn Dich etwas emotional „triggert“!

Sollte der Text auf irgendeine Weise sehr starke negative Gefühle in Dir auslösen, dann nimm Dir eine Auszeit und schlaf eine Nacht drüber.

Kritik sollte niemals unter Emotionen geäußert werden. Denn es führt nur zur Eskalation, einem Konflikt und schlimmstenfalls zerbrechen Beziehungen. Vor allem wird der Autor Deine Kritik möglicherweise nicht annehmen, wenn Du ihn wütend angreifst. Du wirst Deine Zeit und Kraft also sinnlos verschwendet haben.

Schritt 3: Überprüfe die Umsetzung des Konzepts.

In den Schritten 2a und 2b hast Du das Werk von Deiner Subjektivität gelöst und geprüft, ob der Text in sich stimmig ist und zu seiner eigenen Botschaft passt. Nun kann es aber sein, dass im Text zwar in der Theorie alles zusammenpasst, in der Praxis aber nicht funktioniert.

Vielleicht handelt es sich um einen Krimi, den Du allerdings überhaupt nicht spannend findest. Und auf dem Papier passt alles: Der Autor will ein Statement gegen Tiermisshandlung machen und deswegen ermittelt der Detektiv gegen einen grausamen Tierquäler. Der Protagonist selbst liebt Tiere über alles und überprüft den Grad der Tierliebe unter den Verdächtigen. Das Problem ist aber, dass Du schon ganz am Anfang erkannt hast, wer der Tierquäler ist, sodass jede Spannung von vornherein verloren war.

Dass Du die Geschichte als langweilig empfindest, liegt in diesem Fall also offenbar nicht an Dir, sondern am Text. Der Autor hat ein solides Konzept herausgearbeitet, es aber nicht gut umgesetzt.

Du kannst Dich nun also fragen, warum Du den Täter schon gleich am Anfang identifiziert hast. Gab es viel zu eindeutige Hinweise? War der Red Herring, die Ablenkung vom Täter, nicht überzeugend genug? Hat sich der Autor eines altbekannten Klischees bedient?

Ich gebe zu, für diese Überlegungen sind oft Kenntnisse von schreibtechnischem Werkzeug nötig. Doch dazu hast Du diese Website. Und wenn Du dennoch nicht benennen kannst, was der Autor falsch gemacht hat, oder keine Zeit oder Lust hast, es zu recherchieren, dann reicht es auch durchaus, wenn Du dem Autor sagst, dass Du den Täter schon am Anfang identifiziert hast. Damit ist das Problem bereits ziemlich präzise benannt und der Autor kann selbst recherchieren. Teile dem Autor einfach mit, was Du ihm mitteilen kannst. Eine umfassendere Hilfestellung ist schon Aufgabe des Lektors.

Schritt 4: Liste Positives auf.

Weil Lob genauso wichtig ist wie Kritik, solltest Du möglichst frühzeitig anfangen, alles zu notieren oder zu markieren, was Dir gefällt. Stellen, an denen Du aufgelacht oder besonders mitgefiebert hast, zum Beispiel. Oder Du kannst auch ein solides Konzept loben. Oder auch einfach die Tatsache, dass der Autor den Erstentwurf tatsächlich zu Ende geführt hat. – Das ist nämlich tatsächlich eine besondere Leistung: Viele Menschen schreiben, aber die wenigsten beenden ihre Projekte.

Nun fragst Du Dich aber sicherlich: Was, wenn es an dem Werk nichts zu loben gibt?

Nun, solange es nicht so schlimm ist wie My Immortal von Tara Gilesbie oder Konsorten, wirst Du bestimmt etwas Lobenswertes finden, wenn Du lange genug suchst. Wenn Du nun aber tatsächlich gar nichts Gutes an der Geschichte findest, dann frage Dich, ob Du wirklich Deine Zeit damit verschwenden solltest. Denn wenn das Werk objektiv schlecht ist und der Autor sich offenbar nicht einmal bemüht, etwas Stimmiges zu erschaffen, dann ist er an Deiner Kritik ohnehin nicht interessiert. Und wenn Du einfach nicht zur Zielgruppe gehörst, wirst Du nichts Wertvolles sagen können. In beiden Fällen sind Deine Bemühungen, ein Feedback zu hinterlassen, also komplett sinnlos.

Schritt 5: Baue das Feedback sorgfältig auf und achte auf Deine Formulierungen.

Beginne und beende Dein Feedback mit Lob und lockere damit auch hin und wieder die Kritik auf. Begründe dabei jede Deiner Aussagen am Text und lass Deine Spekulationen über den Autor außen vor. Achte auf Deine Formulierungen und Deine Wortwahl und dränge dem Autor Deine Meinung nicht auf.

Bei Lob kannst Du allerdings einige Regeln über Bord werfen. Ja, wenn etwas nicht spannend ist, dann liegt das am Text. Aber wenn die Geschichte Dich wild mitfiebern lässt, dann darf der Autor ruhig erfahren, wie talentiert er ist. Wenn Du die Beweggründe des Protagonisten nicht verstehst, dann verstehst Du sie nicht und vielleicht liegt das am Text. Wenn die Motivation des Protagonisten aber gut rüberkommt, dann darfst Du dem Autor gerne sagen, wie sorgfältig und liebevoll er sie herausgearbeitet hat. Lob darf also ruhig persönlich sein, mit Du-Botschaften operieren und emotionsgeladene, unpräzise Ausdrücke wie „toll“, „mitreißend“ und „wunderbar“ enthalten. Der Autor wird sich freuen und Dein Feedback mit größerer Wahrscheinlichkeit dankbar annehmen und beherzigen.

Positive Erfahrungen

Wie Du also siehst:

Ein guter Kritiker ist vor allem selbstkritisch.

Er ist demütig und nimmt das Werk an, wie es ist. Er versucht nicht, daraus etwas zu machen, das es nicht sein will. Er versucht nicht, dem Autor seine vermeintlich objektiven Kriterien aufzudrücken. Und er ist sich stets seiner persönlichen Grenzen bewusst.

Ich sage nicht, dass ich selbst diese Prinzipien immer ideal umsetze, aber ich bemühe mich. Ich war in meinem Leben bereits auf beiden Seiten der Front und habe sowohl Fehler anderer erlebt als auch eigenen Mist verzapft. Und ich habe beobachtet, dass Autoren in 99 Prozent aller Fälle auf Feedback, das nach den hier präsentierten Prinzipien aufgebaut ist, mit Begeisterung und tiefer Dankbarkeit reagieren. Ich wiederum hatte in diesen Fällen das wunderbare Gefühl, tatsächlich geholfen zu haben.

Und das steht im Kontrast zu dem, was man manchmal sonst so liest von Feedback-Gebern, die meinen, sie würden gutes Feedback verteilen: Ich war früher ja sehr viel in Online-Schreibcommunities, vor allem auf Fanfiktion.de unterwegs. Und manchmal las man da Beschwerden von Usern, dass Autoren immer sooo aggressiv auf konstruktive Kritik reagieren würden. Und dann ging man auf ihr Profil, um zu schauen, was für Feedback sie so schreiben und Mamma mia! An Stelle der betroffenen Autoren hätte ich zwar zumindest so getan, als wäre ich für das Feedback dankbar, aber grundsätzlich war das Feedback nicht wirklich wohlwollend und wertschätzend. Das, was die entsprechenden Kritiker hinterließen, war rein inhaltlich zwar durchaus berechtigt, aber alles andere war die reinste Katastrophe. Unangemessener Sarkasmus, persönliche Beleidigungen, Du-Botschaften, aggressive Wortwahl und nur durchgängige Negativität. Kein Wunder, dass die Autoren defensiv wurden!

Allerdings will ich nicht so tun, als gäbe es keine kritikunfähigen Autoren. Es gibt nun mal Menschen, da bemüht man sich bewusst, nur das Verhalten zu kritisieren, und sie nehmen es als Angriff auf ihre Identität. Und so gibt es auch Autoren, die sofort Fackeln und Mistgabeln rausholen, wenn Du auch nur andeutest, dass Du nicht begeistert bist. – Aber ich denke, wir können uns leicht darauf einigen, dass diese Leute dringend einen Termin beim Psychotherapeuten brauchen. Vermutlich leiden sie auch in anderen Lebensbereichen unter ihrer offensichtlichen narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Mach einen großen Bogen um diese Leute und lass ihre Probleme nicht zu Deinen Problemen werden. Mögen sie in ihrem Sumpf einsam vor sich hin schmoren, solange sie wollen.

Ich jedenfalls bleibe dabei, dass fast jeder Mensch ohne narzisstische Persönlichkeitsstörung oder anderweitige Ursache für krankhafte Kritikunfähigkeit gerne Feedback annimmt, auch wenn es kritisch ist. Und beim Kritisieren sollte man aus Respekt vor dem Mitmenschen sensibel sein. Ja, manche Menschen mögen fordern, dass Autoren sich einfach eine dickere Haut zulegen sollen. Das Leben sei ja schließlich kein Ponyhof. Aber erstens ist es gar nicht so „einfach“ und zweitens wirken diese Kritiker, die sich in der Regel für ach so reif und erwachsen halten, außerordentlich infantil: „Nicht ich muss mich an die Welt anpassen, sondern die Welt an mich!!“ – Faustregel: Je mehr jemand auf seine geistige Reife pocht, desto infantiler ist er.

Und ja, das Leben ist kein Ponyhof. Doch genau deswegen sollten wir aufeinander so viel Rücksicht nehmen wie möglich. Jeder hat ein schweres, schmerzhaftes Päckchen zu tragen, und beim Schreiben wird dieses Päckchen geöffnet. Deswegen halte ich die hier aufgelisteten Prinzipien für essenziell und gebe mir Mühe, sie beim Lektorieren einzusetzen, selbst wenn die Autoren mir sagen, dass sie die Samthandschuhe nicht unbedingt brauchen. (Schaden tut es ja nicht, denn das Feedback ist inhaltlich dasselbe.)

Umgang mit schlechter Kritik

Nun wirst Du als Autor in 95 Prozent aller Fälle nicht solches Feedback bekommen. Selbst wenn Du von Beleidigungen verschont bleibst, bleiben da noch die ganzen subjektiven Schwammigkeiten und eventuell sogar mangelndes Verständnis des Werks. Wie holst Du aus solchem Feedback aber dennoch Nutzen heraus?

Schritt 1: Verdaue die Kritik.

Bedenke dabei vor allem, dass das Wort des Kritikers keine objektive, in Stein gemeißelte Wahrheit darstellt.

Es ist die Meinung eines Individuums, nicht mehr und nicht weniger.

Es ist dabei egal, ob das Feedback positiv oder negativ ist. Am Ende liegt es ausschließlich an Dir, das Feedback unterschiedlicher Leute auszuwerten, zu vergleichen und Deine Geschichte selbst kritisch zu beäugen. Du entscheidest, ob Du mit Deiner Geschichte zufrieden bist oder nicht. Ob Du erreicht hast, was Du erreichen wolltest, oder ob Du noch etwas verbessern solltest. Denn es ist Deine Geschichte, Deine Welt und Du bist hier Gott.

Sollte die Kritik dabei unsensibel, beleidigend oder anderweitig verletzend sein, dann gilt vor allem: Beruhige dich. Schlaf eine Nacht drüber. Der Kritiker hat seine höchst eigenen Gründe für sein Verhalten und sie haben nichts mit Dir zu tun. Und ja, ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, vor allem, wenn der Kritiker einen wunden Punkt getroffen hat. Aber bitte versuche dennoch, Dir ins Bewusstsein zu rufen, dass Kritik vor allem über den Kritiker etwas aussagt, und wenn die Kritik verletzend ausfällt, dann ist der Kritiker eben ein Rüpel, schlecht erzogen oder ein unwissendes Opfer des Dunning-Kruger-Effekts.

Schritt 2a: Wer ist der Kritiker?

Der Kritiker kritisiert eine Geschichte, weil er ist, was er ist. Er nimmt die Geschichte auf eine bestimmte Weise wahr, weil er ein bestimmter Mensch ist mit einer bestimmten Weltsicht und einem bestimmten Erfahrungshorizont. Um zu verstehen, warum ein Kritiker bestimmte Dinge kritisiert, musst Du ihn als Menschen wahrnehmen und verstehen.

Und wie gesagt:

Kritik ist voller Aussagen über den Kritiker!

Natürlich kannst Du keine Gedanken lesen und Deine Möglichkeiten sind somit durchaus eingeschränkt. Aber meistens lassen sich dennoch Informationen finden, mit denen man arbeiten kann:

  • Was verrät der Kritiker zum Beispiel direkt und indirekt durch sein Feedback? Wenn er explizit schreibt, dass er keine Liebesdreiecke mag, dann hast Du einen expliziten Hinweis auf seinen subjektiven Geschmack. Wenn er die schöne, poetische Sprache lobt, dann impliziert das, dass er poetische Sprache toll findet.
  • Was kannst Du sonst noch über ihn herausfinden? Weißt Du vielleicht bereits etwas, weil diese Person zu Deinem persönlichen Umfeld gehört? Ist diese Person vielleicht eine langjährige Internet-Bekanntschaft? Hat diese Person Profile in den sozialen Medien, die etwas preisgeben? Oder hast Du die Person sogar ganz strebsam einen Fragebogen ausfüllen lassen, um sie einer Zielgruppe zuordnen zu können?

Halte vor allem Ausschau nach Informationen über den persönlichen Geschmack, das Leseverhalten und die Erwartungen. Denn wenn der Kritiker in seinem Feedback seine Subjektivität nicht selbst von dem trennen kann, was tatsächlich im Text steht, dann helfen diese Informationen Dir dabei, diese Arbeit nachträglich zu machen. Also einzuschätzen, wo der Kritiker tatsächlich mehr oder weniger objektiv recht hat und wo er einfach durch seine Subjektivität verblendet ist. Außerdem kannst Du durch das Analysieren des Feedbacks und Deine Nachforschungen feststellen, ob der Kritiker überhaupt zu Deiner Zielgruppe gehört, ob er bestimmte Dinge nicht mag oder versteht, weil das Werk einfach nicht sein Ding ist, ob seine subjektive Meinung also überhaupt relevant ist.

Sei aber vor sichtig, dass Du nicht jeden, der von Deiner Geschichte nicht hellauf begeistert ist, unter „nicht meine Zielgruppe“ verordnest. Denn wenn Du so vorgehst, bist irgendwann vielleicht nur Du selbst als Deine Zielgruppe übrig und darfst Dich nicht darüber beschweren, dass sich niemand für Deine Geschichte interessiert.

Schritt 2b: Nimm den Kritiker ernst.

Das Ziel der Informationssammlung über den Kritiker besteht auch nicht darin, sich selbst die Erlaubnis zu erteilen, seine Meinung abzulehnen oder gar zu ignorieren. Egal, ob der Kritiker kompetent ist oder nicht, ob sein Feedback subjektiv ist oder nicht und ob er zur Zielgruppe gehört oder nicht: Nimm sein Feedback ernst!

Ob Du dieses Feedback beherzigen sollst, wirst Du später entscheiden. An dieser Stelle geht es vorerst darum, seine Wahrnehmung und sein Innenleben zu akzeptieren und zu respektieren. Denn in seiner eigenen Blase hat ein Feedback-Geber immer recht:

Wenn jemand Deine Geschichte kritisiert, weil er sich mit dem Protagonisten nicht identifizieren konnte, dann mag das daran liegen, dass er nicht zur Zielgruppe gehört, oder vielleicht hat er auch einfach nicht verstanden, dass Du Deine Geschichte bewusst so geschrieben hast, weil Du wolltest, dass die Leser den Protagonisten hinterfragen. Doch in seiner eigenen, kleinen Welt hat er jedes Recht der Welt, unzufrieden zu sein: Er wollte sich in jemand anderen hineinversetzen, es hat nicht geklappt und jetzt ist er enttäuscht. – Und Du kannst mit noch so guten Argumenten daherkommen: Die Wahrscheinlichkeit, dass es etwas an seinen Gefühlen ändert, ist äußerst gering.

Das solltest Du vor allem bei „Getriggerten“ bedenken: Wenn Deine Geschichte bei jemandem einen wunden Punkt getroffen hat, ist natürlich erst mal zu prüfen, ob Du die entsprechenden Themen wirklich sensibel gehandhabt hast. Vergiss dabei jedoch nicht, dass Menschen individuell sind und Du nicht jeden subjektiven Trigger vorhersehen kannst. Irgendwann, wenn bestimmte Standards eigehalten wurden, ist mit der Sensibilität auch Schluss. Wenn jemand sich dann subjektiv getriggert fühlt, ist das eine Überreaktion. Das ist irrational. Aber es sind auch echte Gefühle im Spiel. Und Gefühle kann man nicht wegdiskutieren. Solange der getriggerte Kritiker sich irrational aufregt, kann er keine rationalen Argumente aufnehmen – sofern Deine Argumente denn überhaupt rational sind und nicht ebenfalls eine Ausgeburt Deines subjektiven Innenlebens und des Dunning-Kruger-Effekts. Und wenn Du die Person zu beruhigen versuchst, indem Du diesen Gefühlen, die ja eine reale Ursache haben, die Legitimität absprichst, dann ist das bereits Gaslighting und damit eine emotionale Gewalttat. Solches Vorgehen ist unsensibel, unempathisch und führt nur zur Eskalation.

Was ich also sagen will, ist:

Jeder hat ein Recht darauf, so zu fühlen, wie er fühlt. Weil jeder einen Grund hat so zu fühlen, wie er fühlt. Und wenn diese Gefühle aus Deiner Sicht irrational wirken, ist das lediglich nur Deine subjektive Sicht. Du weißt nicht alles über die Person vor Dir und somit hast Du auch kein Recht zu beurteilen, ob ihre Gefühle berechtigt sind oder nicht.

Ob Du nun also mit starken Gefühlen oder einfach nur mit banaler Subjektivität konfrontiert bist: Am besten, Du nimmst so etwas einfach hin. Versuche nachzuvollziehen, warum der Kritiker so reagiert, wie er reagiert, und verurteile ihn nicht. Finde heraus, ob seine Reaktion für Dich relevant ist, aber sprich ihr nicht die Legitimität ab. Nimm die Gefühle und die subjektiven Wertungen als indirekte Hinweise auf die Erwartungen und den persönlichen Geschmack dieses Menschen und nicht als Ausdruck persönlicher Mängel.

Schritt 3: Überprüfe die Kritik.

Nun weißt du also, wer der Feedback-Geber ist und warum er Dir das Feedback gibt, das er Dir gibt. Im nächsten Schritt machst Du von diesen Informationen Gebrauch und überlegst, ob an der Kritik tatsächlich etwas dran ist.

Dabei ist wichtig zu bedenken, dass Kritik nicht immer wörtlich zu nehmen ist. Ein anschauliches Beispiel gibt es in einem anderen Bereich als dem Schreiben, nämlich in der Welt der Suchmaschinen:

Sicherlich kennst Du das, wenn Du bei Google etwas eingibst, Dich aber vertippst und Google Dir die richtige Schreibweise vorschlägt. – Nun, diese Funktion hatte Google nicht immer und eines Tages häuften sich Beschwerden, dass Google nicht einmal etwas über Stars wie Britney Spears finden konnte. Im Prinzip wurde also die Funktionsweise des Algorithmus infrage gestellt. In Wirklichkeit jedoch funktionierte der Algorithmus völlig einwandfrei und das Problem lag bei den Nutzern selbst, die ihre Suchanfragen mit Tippfehlern übersäten.

Nun hat Google aber nicht einfach die Schuld auf seine Nutzer geschoben, sondern eingesehen, dass seine Zielgruppe aus fehlbaren Menschen besteht. Deswegen wurde eben die Autokorrektur eingebaut und das Problem war für alle gelöst. Die unberechtigte Kritik am Algorithmus entpuppte sich also als wertvolle Anregung, wie Google seinen Service verbessern konnte.

Übertragen auf das Schreiben bedeutet das: Wenn eine Geschichte nicht gefällt, dann ist etwas schiefgelaufen. – Aber was? Manchmal kann der Feedback-Geber das Problem sehr genau benennen – vor allem, wenn er ein Profi ist. Manchmal ist es jedoch nötig, um die Ecke zu denken und nach alternativen Ursachen für das Missfallen zu suchen.

Vielleicht wunderst Du Dich, warum Deine Leser den Protagonisten für eine Mary Sue halten. Ich meine, Du hast penibel darauf geachtet, dass Dein Protagonist gravierende Schwächen hat und Fehler macht. Und trotzdem beschweren sich die Leute, dass er doch ach so perfekt ist. Also erinnerst Du Dich an John Trubys Empfehlung, dass der Protagonist möglichst früh in der Geschichte jemanden verletzten sollte. Und Dir fällt auf: Am Anfang der Geschichte macht der Protagonist tatsächlich keine Fehler! Somit ist der erste Eindruck, den die Leser bekommen, tatsächlich, dass der Protagonist fehlerlos ist. Und der erste Eindruck zählt nun mal am meisten.

Oder hast Du Deine Abenteuergeschichte vielleicht ungeschickterweise als Liebesgeschichte „verkauft“? Hast Du in der Beschreibung viel zu stark betont, dass die Protagonistin einem geheimnisvollen Prinzen begegnet, und damit unbeabsichtigt Erwartungen geschürt und eine ganz bestimmte, romanzenliebende Klientel angezogen? Natürlich sind die Leute dann enttäuscht, wenn die Protagonistin nicht mit dem Prinzen zusammenkommt!

Oder hast Du vielleicht nicht ausreichend klar gemacht, dass der Leser sich nicht mit dem Protagonisten identifizieren soll? Hast Du den Subtext nicht klar genug rübergebracht? Oder vielleicht solltest Du die Symbole und Motive etwas verständlicher machen?

Mit anderen Worten:

Überprüfe, ob der Feedback-Geber die Geschichte wirklich richtig verstanden und die essenziellen Details wahrgenommen hat. Nutze Dein Wissen über ihn, um zu verstehen, warum er etwas nicht verstanden oder übersehen hat. Und sofern er zu Deiner Zielgruppe gehört und dieselbe Kritik auch von anderen Lesern kommt, solltest Du Deinem Publikum entgegenkommen und das Problem ausbügeln.

Dabei kann es übrigens hilfreich sein, bei den Feedback-Gebern einfach weiter nachzufragen. Vor allem, wenn das Feedback schwammig ist. Vielleicht können sie, wenn Du nachhakst, konkret benennen, warum sie etwas langweilig oder unverständlich fanden.

Auch gibt es die Möglichkeit, von vornherein mit einem Fragenkatalog zu arbeiten. Nicht nur kannst Du darin Fragen zum Feedback-Geber selbst unterbringen, beispielsweise zu seinem Leseverhalten, sondern Du kannst auch fragen, was konkret die Person wie verstanden hat, was ihr gefallen hat und was nicht und was sie sich vielleicht noch gewünscht hätte. Ob der Text sich flüssig liest, ob die Motivationen der Figuren nachvollziehbar sind, ob der Plot Sinn ergibt etc. Gerade, wenn Deine Feedback-Geber Dilettanten sind, beispielsweise Familie, Freunde oder Bekannte, wissen sie oft nicht, worauf genau sie achten sollen, und wenn Du sie dann um Rückmeldungen bittest, setzt die Angst vor dem leeren Blatt ein und sie wissen erst recht nicht, was sie sagen sollen. Da kann es durchaus hilfreich sein, wenn sie Fragen haben, an denen sie sich endlanghangeln können. Und wenn jemand keine Angst vor dem leeren Blatt hat und Dir sein Feedback lieber „frei nach Schnauze“ geben möchte, kann diese Person es ja immer noch gerne tun.

Wenn Nachfragen Dich aber nicht weiterbringt, wirst Du wohl nicht umhin können, Dein theoretisches Wissen einzusetzen bzw. das nötige theoretische Wissen zu recherchieren: Wenn eine bestimmte Szene als langweilig empfunden wird, dann informiere Dich, was eine Szene interessant macht, und checke die Szene auf die entsprechenden Elemente und Techniken durch. Wenn jemand ganz pampig meint, dass Du Dich einfach nicht verständlich ausdrücken kannst, dann nimm Deinen Schreibstil und den Textaufbau genauer unter die Lupe. – Ein aufwendiges, aber einfaches Prinzip also.

Was erfahrenere Feedback-Geber angeht, so wissen sie in der Regel ziemlich genau, worauf man so achten kann. Langjährige Leseratten können Dein Werk mit zahlreichen anderen Büchern vergleichen und wissen in der Regel, was ein Buch ausmacht, das ihnen gefällt. Dass Lektoren einen Text in all seinen Facetten professionell durchchecken, versteht sich von selbst. Weder die Leseratten noch die Profis brauchen also einen Fragenkatalog. Doch wenn Dich bestimmte Aspekte besonders beschäftigen, kannst Du die Leute natürlich bitten, auf diese Dinge verstärkt zu achten.

Bei allen Feedback-Gebern sollte aber das Prinzip gelten:

Das Feedback ist nur eine Meinung von vielen.

Wenn ein einziger Testleser Deinen Protagonisten blöd findet, alle anderen aber begeistert sind, dann liegt es wahrscheinlich an dem einen Testleser und seinem individuellen Geschmack. Andererseits aber würde ich durchaus sagen, dass die Meinung von erfahrenen Leseratten und Literaturprofis schwerer wiegen sollte als die von Gelegenheitslesern oder sogar Nicht-Lesern. Denn Letztere haben oft einfach nicht die Kompetenz, Qualität einzuschätzen, weil sie Deine Geschichte nicht wirklich mit richtig guten und richtig schlechten Werken vergleichen können und auch die aktuellen Trends nicht kennen. Das kann dazu führen, dass sie einen Text loben, von dem jeder erfahrene Leser oder Profi sofort sagen würde, dass er sämtliche Klischees seines Genres enthält und daher zum Scheitern verurteilt ist.

Schritt 4: Auf die Kritik antworten und den Text korrigieren.

Wenn Du nun also weißt, was genau das „Problem“ ist, kannst Du entscheiden, wie Du darauf reagierst.

In jedem Fall solltest Du Dich als Erstes bedanken. Selbst dann, wenn die Kritik unangemessen und verletzend war. Tue wenigstens so, als wärst Du dankbar. – Es sei denn, das Feedback war wirklich substanzlos und durchgängig beleidigend, ein klassischer Hater-Kommentar. Dann kannst Du dieses „Feedback“ getrost ignorieren und nicht weiter Deine Zeit damit verschwenden.

Alles Weitere ist optional. Wenn Du Dich mit dem Feedback-Geber weiter austauschen möchtest und er das auch will, soll euch nichts im Weg stehen. Aber grundsätzlich bist Du nicht verpflichtet, Deine Entscheidungen zu erklären und zu rechtfertigen.

Eine Ausnahme ist es jedoch, wenn Dir etwas Schlimmes vorgeworfen wird. Besonders, wenn es öffentlich passiert. Hier geht es um Deinen Ruf und eine Erläuterung Deiner Position, eine Richtigstellung der Tatsachen oder auch eine Entschuldigung wäre durchaus sinnvoll. Aber sei vorsichtig und lass Dich nicht in eine toxische Endlos-Diskussion verwickeln.

Nach der Reaktion gegenüber dem Feedback-Geber kannst Du Dich daran machen, die Kritik umzusetzen. Hier solltest Du Dich zuerst aber entscheiden, ob Du sie überhaupt umsetzen kannst und willst. Frage Dich daher:

Passen die gewünschten Änderungen zu Deiner Vision und bist Du überhaupt in der Lage, sie einzubauen?

Wenn ein Kritiker sich poetischere Beschreibungen wünscht, dann ist erst mal zu prüfen, ob es überhaupt etwas zu Deiner Geschichte beitragen würde und ob Du sie wirklich haben willst. Denn wenn Du selbst keine poetischen Beschreibungen magst, dann musst Du sie auch nicht einbauen. Wenn Du den Vorschlag aber für eine gute Idee hältst, dann kannst Du Dich bemühen, recherchieren, üben und vielleicht kommt auch etwas Gutes dabei heraus. Vielleicht hast Du aber auch einfach kein Talent für sowas und die Beschreibungen so zu lassen, wie sie sind, wäre das geringste Übel. Entscheide selbst.

Und damit hängt zusammen:

Lass Dir nichts aufdrängen!

Nicht jeder, der vorgibt, Dir helfen zu wollen, meint es tatsächlich gut mit Dir. Manche Menschen glauben einfach, alles besser zu wissen, und wollen sich wichtigmachen. Setze daher nur das um, was Deine Geschichte tatsächlich bereichert: Feedback soll aufzeigen, wie Dein Werk verbessert werden kann. Ob diese Möglichkeiten nun direkt benannt oder erst von Dir ermittelt werden müssen. Aber sofern Deine Botschaft und Vision nicht toxisch sind und Du weiterhin zu ihnen stehen willst, besteht auch kein Grund, sie über den Haufen zu werfen, nur weil jemand anderes das so will.

Schlusswort: Wann welches Feedback einholen?

Am Ende dieses Artikels möchte ich nur noch sagen, dass jeder Text vor der Veröffentlichung mehrmals geprüft und überarbeitet werden sollte. Ob Du Dir jedoch schon während des Schreibens Feedback einholst oder Deinen Feedback-Gebern erst einen fertigen Entwurf präsentierst, musst Du selbst entscheiden: Je nach dem, wie Du besser arbeiten kannst.

In der Praxis ist aber auch die Verfügbarkeit von potentiellen Feedback-Gebern ein Faktor. Freunde, Familie und Bekannte sind oft gerne verfügbar, aber wie Du sicherlich bereits gemerkt hast, sind sie nicht immer die besten Kritiker. Manche Autoren suchen sich daher Kritikpartner, also andere Autoren, mit denen sie sich austauschen. Oder einen Nicht-Autor, der sich aber trotzdem mit dem Schreiben auskennt:

Denn in den ganz frühen Stadien der Entstehung des Textes sollte sich der Feedback-Geber in Deine Lage versetzen können. Die späteren Testleser, die den fertigen Entwurf oder das bereits überarbeitete Manuskript lesen sollen, können ruhig einfach nur Leute sein, die gerne lesen und in Deine Zielgruppe passen.

Bevor Du einen fertigen Entwurf verschickst, ist es übrigens sinnvoll, ihn erst mal selbst zu prüfen. So kannst Du bereits erste Fehler und Ungereimtheiten beseitigen. – Aber tu, was für Dich am meisten Sinn macht.

Wichtig ist, dass vor der Veröffentlichung auf jeden Fall ein Lektorat kommt. Wenn Du bei einem Verlag unterkommst, kümmert sich der Verlag darum. Wenn Du aber die Self-Publishing-Route einschlagen willst, musst Du selbst einen passenden Lektor finden, der Deinen Text auch annimmt. Viele Lektoren haben da ihre Schwerpunkte und Du solltest einem Lektor, der sich auf Liebesgeschichten spezialisiert, keinen Krimi zusenden.

Idealerweise sollte der Entwurf, den Du an einen Lektor schickst, abgeschlossen sein. Solange die Rohfassung noch im Entstehen ist, sind viele Dinge unklar, sodass kein wirklich umfassendes Feedback gegeben werden kann: Wenn die Geschichte noch kein Ende hat, dann kann noch nicht viel über den Arc des Protagonisten gesagt werden, das Thema und die Botschaft wurden noch nicht voll entfaltet, man kann noch nicht einschätzen, welche Szenen und Details eventuell überflüssig sind, etc. Außerdem: Ein Lektorat kostet und wer weiß, ob Du den Entwurf überhaupt beendest?

Also meine Empfehlung lautet:

Suche Dir schreibfreudige Mitstreiter, tausche Dich mit ihnen aus, beende den Entwurf und schicke ihn erst dann an Testleser und Lektor.

Aber wenn Du trotzdem professionelle Hilfe während der Entstehung des Manuskripts brauchst, kannst Du gerne auch eine Beratung buchen. Ich würde mit Dir dann über Deine Vision, das Konzept und Deine Stolpersteine reden. Über was immer Dir Kopfschmerzen bereitet.

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