Erzähl­tempo: Erzähl­zeit und erzählte Zeit

Erzähl­tempo: Erzähl­zeit und erzählte Zeit

Egal, ob man ein Buch liest oder schreibt, das Erzähl­tempo spielt immer eine Rolle. Durch unter­schied­liche Ver­hält­nisse von Erzähl­zeit und erzählter Zeit kann der Autor vor allem mit Zeit­raf­fung, Zeit­de­ckung und Zeit­deh­nung spielen. In diesem Artikel erfährst Du, was es mit diesen Zeit­spie­le­reien auf sich hat.

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Es gibt ein schönes Zitat von Anselm Paul Johann von Feu­er­bach:

„Stil ist rich­tiges Weg­lassen des Unwe­sent­li­chen.“

Hier kommt sehr gut rüber, dass das Erzählen immer ein Fil­ter­vor­gang ist. Zum Bei­spiel wird in der Regel nicht von jedem Toi­let­ten­gang der Figuren berichtet. Ande­rer­seits werden manchmal Per­sonen und Dinge so aus­führ­lich beschrieben, dass es deut­lich länger dauert, die Beschrei­bung zu lesen, statt die Person oder das Ding zu sehen.

Und damit wären wir auch bei den beiden Punkten, die man von­ein­ander unter­scheiden muss:

Auf der einen Seite haben wir die Erzähl­zeit: die Zeit, die man braucht, um das Werk zu lesen bzw. zu erzählen.

Auf der anderen Seite haben wir die erzählte Zeit: die Zeit, die in der Geschichte ver­geht.

Das Ver­hältnis von Erzähl­zeit und erzählter Zeit bestimmt das Erzähl­tempo. Ein Bei­spiel:

„Ein halbes Jahr lang hat Lies­chen Fritz­chen ange­schmachtet. Letzte Woche ist sie mit ihm end­lich zusam­men­ge­kommen.“

Es dauert ca. eine Sekunde, diese „Geschichte“ zu lesen. Das ist die Erzähl­zeit. In der „Geschichte“ selbst ist aber ein halbes Jahr ver­gangen. Das ist die erzählte Zeit.

Erzähl­tempo in Aktion

Was man mit dem Erzähl­tempo machen kann, sind drei äußerst nütz­liche Spie­le­reien:

  • Zeit­raf­fung: Die Erzähl­zeit ist kürzer als die erzählte Zeit.
    • Erzähltempo: Erzählzeit und erzählte ZeitEffekt: Beschleu­ni­gung der Erzäh­lung.
    • Ver­wen­dung: Man kann Unwich­tiges über­springen, Hin­ter­grund­in­for­ma­tionen ver­mit­teln und oft findet sich Zeit­raf­fung auch bei Über­gängen zwi­schen ein­zelnen Szenen.
    • Bei­spiel:

      „Zwar hatten die Viert­klässler eine Unmenge Haus­auf­gaben mit in die Ferien bekommen, doch wäh­rend der ersten freien Tage hatte Harry ein­fach keine Lust zu arbeiten und ließ es sich in den Vor­weih­nachts­tagen, wie alle anderen auch, mög­lichst gut gehen.“
      J. K. Row­ling: Harry Potter und der Feu­er­kelch, Kapitel: Der Weih­nachts­ball.

  • Zeit­de­ckung: Die Erzähl­zeit gleicht in etwa der erzählten Zeit.
    • Erzähltempo: Erzählzeit und erzählte ZeitEffekt: Der Leser erlebt die Erzäh­lung sozu­sagen unmit­telbar.
    • Ver­wen­dung: Sekun­den­stil (Sin­nes­wahr­neh­mungen und Gescheh­nisse werden sekun­den­genau wie­der­ge­geben), Dia­loge (sind in der Regel zeit­de­ckend); gene­rell gibt die zeit­de­ckende Erzähl­weise dem Leser das Gefühl, direkt vor Ort zu sein, und des­wegen wird Zeit­de­ckung häufig an beson­ders span­nenden Stellen ver­wendet.
    • Bei­spiel:

      „Und Harry rannte, wie er nie in seinem Leben gerannt war, warf zwei vor Schreck erstarrte Todesser um, lief im Zick­zack zwi­schen den Grä­bern hin­durch, spürte schon, wie ihre Flüche ihm nach­jagten, hörte, wie sie gegen Grab­steine prallten – er wich Flü­chen und Grä­bern aus, stürzte auf Ced­rics Körper zu, den Schmerz in seinem Bein nicht mehr spü­rend, sein ganzes Sein auf das kon­zen­triert, was er tun musste –
      »Schockt ihn!«, hörte er Vol­de­mort schreien.“
      J. K. Row­ling: Harry Potter und der Feu­er­kelch, Kapitel: Priori Incantatem.

  • Zeit­deh­nung: Die Erzähl­zeit ist länger als die erzählte Zeit.
    • Erzähltempo: Erzählzeit und erzählte ZeitEffekt: Ver­lang­sa­mung der Erzäh­lung.
    • Ver­wen­dung: Es ent­steht ein „Zeit­lupen-Effekt“ und gene­rell ein Pau­sieren der Erzäh­lung; es können Bewusst­seins­ströme wie­der­ge­geben und „Atmo­sphäre“ auf­ge­baut werden (zum Bei­spiel durch aus­führ­liche Beschrei­bungen).
    • Bei­spiel:

      „Der Hog­warts-Express mit seiner schar­lachrot leuch­tenden Dampflok stand schon bereit, und im Nebel der Dampf­schwaden, die aus dem Schorn­stein zischten, wirkten die vielen Hog­warts-Schüler und ihre Eltern auf dem Bahn­steig wie dahin­glei­tende Schatten.“
      J. K. Row­ling: Harry Potter und der Feu­er­kelch, Kapitel: Im Hog­warts-Express.

Pro­bleme bei der Arbeit mit Erzähl­zeit und erzählter Zeit

So viel zu den Zeit­spie­le­reien. Zum Schluss möchte ich aber auch auf die Pro­bleme ein­gehen, die im Zusam­men­hang mit der Erzähl­zeit und der erzählten Zeit auf­treten.

Und zwar gibt es bei der Erzähl­zeit das Pro­blem, dass sie nicht messbar ist. Wie lange es dauert, etwas zu erzählen, vari­iert je nach Person und Umständen. Es gibt ein­fach keine objek­tive Maß­ein­heit – aller­höchs­tens die Sei­ten­an­zahl in einem Buch, wenn man sich vorher noch auf die Schrift­größe und andere Stan­dards geei­nigt hat.

Auch die erzählte Zeit ist ohne expli­zite Angaben kaum messbar. Selbst bei wört­li­cher Rede, die in der Regel als zeit­de­ckend gilt, ist oft zum Bei­spiel nicht klar, wie schnell die Worte gespro­chen werden.

Wegen dieser und anderer Unge­nau­ig­keiten ist das Erzähl­tempo ins­ge­samt eine eher schwam­mige Sache.

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