Figurenanalyse: „The Breakfast Club“ von John Hughes

Figurenanalyse: „The Breakfast Club“ von John Hughes

Schon seit Jahrzehnten erfreut sich The Breakfast Club von John Hughes, eine Geschichte über fünf Teenager, die aus ihren Stereotypen ausbrechen, großer Beliebtheit. Doch wie funktioniert hier die Entwicklung der Hauptfiguren genau? In diesem Artikel nehmen wir die Arcs von Claire, Brian, Andrew, Bender und Allison einzeln auseinander und ordnen sie in den Gesamtkontext des Films ein.

In einem früheren Artikel habe ich die Möglichkeit angesprochen, eine Figur am Anfang in eine Klischee-Schublade zu packen, sie im weiteren Verlauf der Geschichte aber ausbrechen zu lassen. Und genau das ist, was mit den fünf Hauptfiguren im Film The Breakfast Club von John Hughes passiert:

Begegnen sie sich am Anfang als Prinzessin, Muskelprotz, Freak, Schlaukopf und Ausgeflippte, haben sie am Ende eingesehen, dass sie alle komplexe Persönlichkeiten haben und sich zugleich doch ähnlich sind: Dass in jedem von ihnen eine Prinzessin, ein Muskelprotz, ein Freak, ein Schlaukopf und eine Ausgeflippte steckt.

Wie funktioniert das also genau? Wie helfen die Hauptfiguren sich gegenseitig, sich zu entfalten? Und was bedeutet das für die Gesamtaussage des Films? – Das schauen wir uns heute an.

The Breakfast Club: Worum geht es?

Figurenanalyse: "The Breakfast Club" von John HughesThe Breakfast Club handelt von fünf scheinbar sehr unterschiedlichen Schülern einer US-amerikanischen Highschool, die aus sehr unterschiedlichen Gründen an einem Samstag nachsitzen müssen. Ihr „Aufseher“, der stellverstretende Schulleiter Richard Vernon, gibt ihnen dabei eine Aufgabe: Jeder von ihnen soll einen Aufsatz darüber schreiben, wer er bzw. sie ist.

Obwohl die fünf Schüler sich selbst und vor allem die jeweils anderen anfangs als Stereotypen wahrnehmen, interagieren sie im Verlauf des Tages miteinander, lernen sich gegenseitig als einzigartige Individuen mit dennoch sehr ähnlichen Problemen und Sehnsüchten kennen und verlassen die Schule am Ende als Freunde. Ob sie am nächsten Montag dem Druck ihrer jeweiligen Cliquen trotzen und sich zu ihrer Freundschaft öffentlich bekennen werden, bleibt allerdings offen.

Die fünf Stereotypen und der Ausbruch aus der Schublade

Die Entfaltung der fünf Persönlichkeiten verläuft nach dem gleichen Schema:

  • Am Anfang sehen wir, wie sie zur Schule kommen und welches Verhältnis sie zu ihren Eltern haben und wie und wo sie sich in der Bibliothek, wo sie nachsitzen müssen, platzieren. Auch ihre Outfits sind sehr aussagekräftig. Auf diese Weise wird dem Zuschauer in wenigen Minuten gezeigt, wer in welche Schublade gehört, aber es werden auch ihre tiefsitzenden Probleme angedeutet.
  • Im Mittelteil entwickeln sich Interaktionen, die Figuren fordern sich gegenseitig heraus und entdecken neue Facetten an sich selbst und anderen. Es gibt dramatische Szenen, Streitereien, Tränen, aber auch fröhliches Miteinander und tiefe, therapeutische Gespräche.
  • Am Ende sind die Fünf ein Ganzes, sie sehen sich gegenseitig als gleichberechtigte Individuen und neben einer Freundschaft, die sie alle verbindet, haben sich auch zwei Paare gebildet.

Mit diesem Schema als Werkzeug können wir uns nun jeden der fünf Schüler genauer ansehen:

Claire Standish

Die „Prinzessin“ Claire Standish wird am Anfang des Films von ihrem Vater in einem fetten BMW herbeikutschiert und beklagt sich, dass der reiche und mächtige Papi sie aus dem Schlamassel mit dem Nachsitzen nicht herausgeholt hat. Es wird schnell klar, wie verwöhnt sie ist. Die Strafe hat sie sich eingehandelt, weil sie während des Unterrichts beim Shoppen war.

In der Highschool-Hierarchie gehört sie quasi zum „Adel“. Sie ist beliebt, wird beneidet und alle denken, sie hätte keine Sorgen im Leben. In Wirklichkeit jedoch wirkt ihre Interaktion mit dem sie materiell verwöhnenden Papi eher kühl und später gesteht sie den anderen Figuren, dass ihre Eltern ihre Streitereien auf ihrem Rücken austragen und dass sie sich in der Schule einem massiven Gruppenzwang ausgesetzt sieht. Sie hat einen hohen sozialen Status, aber sie hat auch viel zu verlieren und traut sich daher nicht zu tun, was sie tun möchte, aus Angst, was ihre Freunde dazu sagen würden.

Somit ist sie gar nicht so glücklich, wie alle denken:

Zu Hause bekommt sie nicht die Liebe und Anerkennung, nach der sie sich sehnt, und in der Schule muss sie sich dafür verstellen.

Im Verlauf des ganzen Films wird sie vom „Rebell“ John Bender belästigt. Zwar provoziert er auch die anderen Figuren, aber Claire ist sein Lieblingsopfer. Dennoch werden Claire und Bender am Ende ein Paar. Das sorgt in der heutigen Zeit – vor allem nach #MeToo – für Kritik: Immerhin sind Benders Belästigungen in Claires Fall auch sexueller Natur und er hätte dafür nicht mit ihrer Zuneigung belohnt werden dürfen.

Vor dem Hintergrund von Claires Problemen und Ängsten ergibt diese Konstellation aber – für mich zumindest – durchaus Sinn: Tief in ihrem Inneren will Claire rebellieren – gegen ihre Eltern, die sich gegenseitig nicht mehr lieben und ihre Liebe zu ihr anscheinend nur mit Geld ausdrücken können, und auch gegen ihre Freunde, die sie sofort verurteilen würden, wenn sie jemanden wie Bender auch nur anschauen würde. Bender, die personifizierte Rebellion, ist daher sehr interessant für sie, auch wenn sie sich selbst zunächst nicht die Erlaubnis erteilen kann, sich mit ihm abzugeben. Wenn sie auf seine plumpen Avancen ablehnend reagiert, tut sie in erster Linie das, was von ihr erwartet wird, und nicht das, was sie will. Schließlich rebelliert sie aber doch gegen die Erwartungen ihres Umfelds, als sie die Beziehung mit Bender initiiert. Dieser Moment stellt für sie eine Befreiung dar, zu der sie nur fähig ist, als ihre vier anderen Mitnachsitzer sie so akzeptiert haben, wie sie ist. Außerdem hat auch sie Bender als Individuum mit Sorgen und Ängsten kennengelernt, hat gesehen, dass seine Belästigungen von seiner inneren Verletzlichkeit herrühren, und ist daher in der Lage, ihm zu verzeihen.

Allerdings gebe ich zu, dass der Film – oberflächlich betrachtet – in diesem Punkt eine sehr falsche Botschaft sendet: Claire und Bender sind ein individueller Fall und man darf ihre Geschichte nicht auf andere Beziehungen übertragen. Doch es gibt die Gefahr, dass naive Zuschauer genau das tun – und sich dann wundern, warum ihr Schwarm sie nach all den sexuellen Belästigungen meidet oder sogar anzeigt. Auf keinen Fall darf übersehen werden, dass die Interaktionen zwischen Claire und Bender am Anfang und in der Mitte zwar toxisch sind, eine Beziehung sich aber erst entwickelt, als die beiden die verwundbare Seite des jeweils anderen kennenlernen und sich gegenseitig in erster Linie als Menschen wahrnehmen. Ein Mädchen stundenlang belästigen und dann erwarten, dass sie die eigenen Gefühle plötzlich erwidert, funktioniert auch in The Breakfast Club nicht.

Brian Johnson

Der „Schlaukopf“ Brian Johnson wirkt in vielerlei Hinsicht wie eine Randfigur. Bei seinem ersten Auftauchen sitzt er im Auto seiner Mutter, eingequetscht neben seiner kleinen Schwester, visuell an den Rand gedrückt. Dabei übt seine Mutter auch verbal Druck auf ihn aus, damit er sich nie wieder Nachsitzen einhandelt und die Zeit in der Schulbibliothek zum Lernen nutzt, und auch die kleine Schwester gibt eins drauf, während Brian nur klein beigibt.

Später, wenn die fünf Hauptfiguren interagieren, wirkt er oft wie das fünfte Rad am Wagen. Er lässt sich von Bender herumscheuchen, vermeidet Konflikte und ist gehorsam. Während die anderen beiden Jungen um die Position des „Alphamännchens“ konkurrieren, versucht er, sich mit beiden gut zu stellen. Und er ist willig, den Aufsatz für Vernon zu schreiben. Kurzum: Er ist ein chronischer Ja-Sager.

Nichtsdestotrotz entwickelt er sich durchaus zu einem vollwertigen Mitglied der Gruppe und nimmt an all ihren Unternehmungen teil. Als er mehr und mehr von sich zeigt, wird er mehr und mehr respektiert. Gesteht er in der ersten Hälfte nur widerwillig, dass er noch Jungfrau ist, und reagiert etwas erleichtert, als Claire sagt, dass sie es okay findet, enthüllt er in der zweiten Hälfte von sich aus den dramatischen Grund, warum er nachsitzen muss:

Ja, er kommt aus einer liebenden Familie, die ihm fürs Nachsitzen reichlich nahrhaftes Proviant eingepackt hat und sich um ihn sorgt. Aber wie am Anfang des Films bereits angedeutet wurde, übt diese liebende Familie auch einen enormen Druck auf ihn aus. Er soll ein guter Junge sein, keinen Mist bauen und – vor allem – gute Schulnoten haben. Als er in Werken eine Sechs (ein F) bekommen hat, die erste Sechs in seinem Leben, konnte er das nicht ertragen und besorgte sich eine Pistole, um Selbstmord zu begehen. Diese Pistole wurde in seinem Schließfach gefunden und so hat er sich die Strafe eingehandelt. Dabei war sowohl für die Schule als auch für seine Eltern offenbar nur relevant, dass er eine Pistole in seinem Schließfach hatte. Warum sie dort gelandet ist, scheint niemanden ernsthaft gekümmert zu haben, denn dann hätte er doch eher psychotherapeutische Hilfe bekommen und kein Nachsitzen.

Somit wirkt Brian so erdrückt von der „Liebe“ und „Sorge“ seiner Familie, dass er keine eigene Stimme besitzt und seine Persönlichkeit nicht ausdrücken kann.

Daher ist es sehr bemerkenswert, dass Brian am Ende als Stimme der Gruppe fungiert. Oft wird gesagt, dass er auch am Ende eher der arme Loser ist, der im Namen aller den Aufsatz schreibt, während die anderen sich ihren Romanzen widmen. Und ja, er wird von Claire durchaus in diese Rolle manipuliert, weil die anderen keine Lust auf diesen Aufsatz haben. Aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass er im Verlauf des Films durchaus gelernt hat, aus sich herauszugehen, seine eigenen Gedanken und Gefühle zu äußern. Und vor allem: Der Film beginnt und endet mit seinem Aufsatz und seiner Stimme. Und während Bender Vernon nur provoziert und die anderen nur unterschwellig gegen den stellverstretenden Schulleiter rebellieren, ist es ausgerechnet der ursprünglich stimmlose Ja-Sager Brian, der Vernon tatsächlich besiegt: Zwar spielt er sein Spiel mit und schreibt den Aufsatz, aber er führt darin aus, dass alle fünf Nachsitzer vielschichtige Individuen sind, so sehr Vernon sie auch als Prinzessin, Muskelprotz, Freak, Schlaukopf und Ausgeflippte abstempeln mag. Dabei ist Brian sichtlich zufrieden mit seinem Meisterwerk und während die anderen miteinander knutschen, küsst er seinen Aufsatz, seine Stimme, seinen Selbstausdruck gegenüber dem Hauptantagonisten des Films.

Andrew Clark

Der „Muskelprotz“ Andrew Clark gehört als Sportskanone, ebenso wie Claire, zum „Schuladel“ und hat, wenn es nach seinem Vater geht, eine glorreiche Zukunft vor sich. Mr. Clark meint, dass Andys Vergehen an sich nicht schlimm ist, weil Jungs nun mal Mist bauen; das Problem sei eher, dass Andy sich hat erwischen lassen, weil er später vielleicht kein Stipendium kriegt. Damit ist schnell klar: Ebenso wie Brian wird Andy von seinen Eltern unter Druck gesetzt.

Anders als Brian jedoch gilt Andy in der Highschool-Hierarchie als Respektperson, benimmt sich dementsprechend und wird auch von Vernon so wahrgenommen. Der stellvertretende Schulleiter instrumentalisiert ihn als rechte Hand, beispielsweise als er nach einer Lösung sucht, um die von Bender sabotierte Tür offenzuhalten, oder als für die Nachsitzenden Getränke besorgt werden sollen. Und auch in Vernons Abwesenheit verhält Andy sich als Sprachrohr der Lehrer, indem er die anderen – speziell Bender – immer wieder zurechtweist.

Andy tut, was von ihm erwartet wird, aber im Verlauf des Films stellt sich heraus, dass er das gar nicht möchte:

Er enthüllt, dass er sich als Rennpferd wahrnimmt, gehetzt von den Erwartungen seines Vaters, der die Welt in starke Sieger und schwache Verlierer aufteilt. Andy soll dabei natürlich ein starker Sieger sein, nicht mehr und nicht weniger.

Seinen Frust über den Druck, stark und cool zu sein, hat er an einem anderen Schüler ausgelassen, indem er ihm die Pobacken zusammengeklebt hat. Und obwohl sein Vater meint, das an sich wäre ja nicht schlimm und er habe in seiner Schulzeit auch Mist gebaut, schämt sich Andy für seine Tat. Denn in Wirklichkeit ist er eine sensible, einfühlsame Natur.

Das wird vor allem an seinen Interaktionen mit Allison deutlich. Anfangs zeigt er zwar ein Interesse an Claire, beispielsweise, als er sich neben sie setzt, sie zu einer Party einlädt und Vernon gegenüber andeutet, dass er sie als Begleiterin beim Getränkeholen haben möchte; aber als Allison auf recht aggressive Weise ihren Gesprächsbedarf signalisiert, kommt er auf sie zu und leiht ihr sein Ohr. Dabei ist es nicht ihre erste Interaktion, denn als Allison Andy als Begleiterin beim Getränkeholen zugeteilt wird, bemüht er sich um Smalltalk und das Gespräch entwickelt sich schnell in eine persönliche Richtung: In dieser Szene und später beim therapeutischen Gruppengespräch lässt Allison durchblitzen, dass sie ihn durchschaut. Das dürfte der Grund sein, warum er ein spezielles Interesse an ihr entwickelt und ihr geduldig zuhört, so anstrengend es auch sein mag.

Als die Nachsitzer sich gegenseitig mehr und mehr akzeptieren, wirft Andy den elterlichen Druck schließlich ab, lässt die Zügel los und akzeptiert Bender als Anführer. Seine Rebellion besteht darin, sich zu entspannen und seine empfindsame Seite zu zeigen, ohne sich dabei als schwacher Verlierer zu fühlen. Und er kommt mit Allison zusammen, die als „Ausgeflippte“ eigentlich am anderen Ende der Schulhierarchie steht. Auch das repräsentiert seine Rebellion, denn statt seinem Stereotyp entsprechend die Schulprinzessin zu hofieren, wendet er sich einem Mädchen zu, das in sein Inneres schauen kann.

John Bender

Der kriminelle „Freak“ John Bender scheint am Anfang des Films nur zu existieren, um anderen Menschen auf die Nerven zu gehen. Denn angeblich kümmert es ihn nicht, was um ihn herum passiert und was andere von ihm denken. Zur Schule kommt er allein zu Fuß, was auf eine nicht-existente Beziehung zu seinen Eltern und auf deren niedriges Einkommen hindeutet. Dabei spaziert er ganz achtlos über die Straße, sodass das Auto von Allisons Eltern scharf bremsen muss. Und die Frage, warum er nachsitzen soll, stellt sich bei all seinen Provokationen gar nicht erst: Mit größter Wahrscheinlichkeit ist dieser Unruhestifter samstags ein Dauergast. Aber der Vollständigkeit halber: Er hat einen falschen Feueralarm ausgelöst.

Wie sich in der Mitte des Films jedoch herausstellt, hat Bender es von allen Nachsitzern am schwersten. Nicht nur kommt er aus der sozialen Unterschicht, sondern er hat auch einen gewalttätigen Vater. Während Claire, Brian und Andy gute Gründe haben, auf ihre Eltern wütend zu sein, erfahren sie von ihnen dennoch in der ein oder anderen – noch so perfiden Form – Liebe. Bender bekommt nur Beleidigungen, Drohungen und Schläge und hat auch kaum Aussichten, irgendwann aus seinem Milieu auszubrechen. Er rebelliert, trotzt und provoziert – und wird von seinem Umfeld dafür nur noch mehr stigmatisiert, wodurch seine Perspektiven im Leben weiter schwinden.

Wenn Bender die anderen Figuren ärgert, mobbt und belästigt, dann tut er das vor allem, weil sie Dinge verkörpern, die ihn frustrieren: Claire mit ihren Diamantohrsteckern repräsentiert soziale Ungerechtigkeit, Brian hat eine Familie, die sich um ihn sorgt, und Andy bekommt überall automatisch Respekt und Anerkennung. Vernon als Repräsentant der Erwachsenenwelt, die pausenlos auf ihm herumhackt, ist ohnehin das ultimative Böse. Die einzige Person, die er in Ruhe lässt, ist Allison, die in der Schulhierarchie ganz unten steht. Somit muss man Bender wenigstens zugutehalten, dass er offenbar nur Menschen provoziert, die er als ebenbürtig oder in irgendeiner Hinsicht als privilegierter wahrnimmt. Schwächere fasst er nicht an.

Damit ist Bender vor allem ein Opfer seiner Abstammung, tagtäglich mit allgegenwärtiger Ungerechtigkeit und Gehässigkeit ihm gegenüber konfrontiert, und er überspielt seine Ängste, seine Minderwertigkeitsgefühle und seine Verletzlichkeit durch Aggression. Er versucht, sich Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erkämpfen, folgt dabei aber offenbar auch einer Art von Ehrenkodex.

Letzteres lässt ihn ein wenig wie Robin Hood wirken: Er ist zwar ein Schurke, aber ein fairer Schurke. Er kämpft auf seine Weise gegen Ungerechtigkeit und bringt dafür Opfer allein aus Prinzip. So handelt er sich zwei zusätzliche Monate Nachsitzen ein, weil er sich weigert, Vernon gegenüber klein beizugeben. Auch ist er es, der die Nachsitzer überhaupt erst zusammenbringt, indem er die Tür, durch die Vernon die Schüler beobachtet, sabotiert und der Gruppe dadurch ein ungestörtes Miteinander ermöglicht. Später, als die Gruppe verbotenerweise die Bibliothek verlässt, lenkt er Vernon ab und lässt sich zur Strafe in eine Abstellkammer sperren, damit die anderen ungesehen wieder in die Bibliothek kommen können. Nach seinem Ausbruch aus der Besenkammer teilt er sein Marijuana großzügig mit den anderen. Man kann also sagen: Weil Bender nichts hat, hat er auch nichts zu verlieren und ist dadurch freier als die anderen. Und er lehrt sie indirekt, ebenfalls frei zu sein.

Zum Ende des Films erkennt er, wie auch die anderen, dass jeder von ihnen ein Individuum ist. Wohl zum ersten Mal wird er von Menschen, die auf ihn normalerweise herabsehen würden, nicht nur akzeptiert, sondern auch als Anführer anerkannt. Denn auch wenn er Schwierigkeiten hat, seine Gefühle auszudrücken, vermutlich weil er das von Haus aus nie gelernt hat, wird spätestens zum Ende hin deutlich, dass hinter seiner explosiven Fassade viel Zuneigung für seine vier neuen Freunde steckt. Sonst hätte er ja nicht seinen Kopf für sie hingehalten.

Das ist es wohl auch, was ihn in den Augen seines Lieblingsopfers Claire rehabilitiert. Er hat eindeutig von Anfang an Interesse an ihr und sucht ihre Aufmerksamkeit, wenn auch auf sehr plumpe, sexistische Weise. Einerseits weiß er es, wie gesagt, nicht besser, aber andererseits ist er sich auch dessen bewusst, dass die Prinzessin mit ihren Diamantohrsteckern für ihn ohnehin unerreichbar ist. Erst als Claire seine Gefühle eindeutig erwidert … Man schaue sich nur an, wie zärtlich und brav er plötzlich ist und wie bereitwillig er zugibt, dass er ihren Lippenstift-Trick, den er vorhin ins Lächerliche gezogen hat, in Wirklichkeit gar nicht eklig fand. Durch die Gruppe und speziell durch Claire hat er eine Aufwertung erfahren, die schließlich mit dem Diamantohrstecker, den Claire ihm schenkt, auch eine materielle Ausprägung bekommt. Als er nicht mehr die Notwendigkeit verspürt, andere – und speziell Claire – zu provozieren, unterlässt er das auch.

Allison Reynolds

Die „Ausgeflippte“ Allison Reynolds unterscheidet sich von den anderen Nachsitzern insofern, als dass sie nichts verbrochen hat und gekommen ist, weil sie sonst nichts zu tun hatte. Als sie das gegen Ende des Films enthüllt, ist es bei ihrer exzentrischen Art nicht mehr verwunderlich. Und bereits die Art und Weise, wie sie zur Schule erscheint, unterscheidet sich von der der anderen: Während Claire, Brian und Andy noch ein letztes Gespräch mit ihren Eltern haben und Bender selbstbewusst über die Straße marschiert, wird Allison wie ein Stück Müll einfach abgeladen und als sie sich zum Autofenster beugt, um sich zu verabschieden, fährt das Auto einfach weg. Das ist eine sehr herzzerreißende Andeutung für den Grund, warum sie so exzentrisch ist.

Während des Nachsitzens fällt Allison vor allem dadurch auf, dass sie weitestgehend unauffällig ist. Sie sitzt allein in der entferntesten Ecke, spricht die ersten zwei Drittel des Films über kaum, beobachtet die anderen und macht ihr eigenes Ding. Dennoch ist sie bei allen Unternehmungen der Gruppe mit von der Partie, stiehlt kleine Andenken und lenkt durch exzentrische Aktionen die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, beispielsweise als sie sich ein Cornflakes-Sandwich zubereitet und es geräuschvoll verspeist.

Allison sendet widersprüchliche Botschaften aus: Einerseits hält sie sich strikt im Hintergrund und verweigert weitestgehend direkte Kommunikation, andererseits aber drängt sie sich in Momenten, in denen man es am wenigsten erwartet, plump und exzentrisch in den Vordergrund. Das erste Mal, dass sie aktiv auf andere zugeht, kippt sie vor Brian und Andy den Inhalt ihrer Tasche aus. Sie möchte dabei geheimnisvoll und edgy wirken und sagt, dass sie ihre Familie „unbefriedigend“ findet und weglaufen möchte. Als Andy aber ernsthaft wissen will, was mit ihr los ist, faucht sie ihn an und läuft weg. Sie hat offensichtlich Redebedarf, aber sie traut sich nicht.

Andy durchschaut ihre Fassade. Seinen ersten Dialog mit ihr hatte er während des Getränkeholens und war derjenige, der ihn initiiert hat. Damals war wohl eine Mischung aus Smalltalk und Neugierde seine Motivation, aber nach der Taschenszene scheint er ernsthaft wissen zu wollen, was hinter ihrer Art steckt. Letztendlich schafft er es, dass sie sich ihm anvertraut und gesteht, dass ihre Eltern sie ignorieren. Dabei wirkt Allison erschüttert, dass jemand sie tatsächlich wahrnimmt, ihr zuhört und mit ihr mitfühlt.

Dadurch wird klar, dass Allison sich durch die Kälte ihrer Eltern als minderwertig empfindet. In ihrem Inneren will sie Aufmerksamkeit und Bestätigung, aber aus Angst vor Ablehnung hat sie sich einen dicken Panzer der Exzentrik zugelegt, um andere Menschen auf Abstand zu halten.

Diesen Panzer baut sie ab, als sie von den anderen Nachsitzern und speziell Andy Akzeptanz erfährt. Und als sie sich den anderen öffnet, öffnen sie sich auch ihr. Schließlich nimmt dieser Wandel auch eine physische Form an, als sie zulässt, dass Claire ihr ein kleines Makeover verpasst: Am Ende des Films ist Allison eine Prinzessin und wirkt wie ein gewöhnlicher Teenager. Außer dass sie es sich nicht nehmen lässt, einen Aufnäher von Andys Jacke zu stibitzen.

Ebenso wie die Beziehung von Claire und Bender wird dieser Punkt jedoch kontrovers diskutiert: Es wird vorgeworfen, das Makeover beraube sie ihrer Persönlichkeit und sende die Botschaft, dass man sich einem oberflächlichen Schönheitsideal beugen muss, um einen Mann zu erobern. Und ich muss sagen, als ich den Film im Teenager-Alter gesehen habe und Allisons exzentrische Art sehr mochte, war ich von dem Makeover ebenfalls enttäuscht. Allerdings bin ich, während meiner Schulzeit auch eine Allison, seitdem älter geworden und hatte auch einen ähnlichen Moment. Und mittlerweile finde ich, dass Kritik dieser Art Allisons Gefühle ignoriert. Denn ihre Exzentrik ist kein individueller Stil und kein Ausdruck ihrer Persönlichkeit, sondern, wie gesagt, ein Panzer, eine Gefängniszelle, in die sie sich selbst gesperrt hat. Das Makeover drückt ihre Befreiung aus und das Entdecken neuer Facetten an sich. Aus Erfahrung würde ich sagen, dass Allison nach diesem Makeover experimentieren und neue Ausdrucksformen für ihre Persönlichkeit finden wird. Was Andy angeht, so hat er sich auch vor dem Makeover für sie interessiert und dass sie nun aussieht wie eine Prinzessin, ist da nur das Sahnehäubchen.

Gemeinsame Rebellion gegen die Erwachsenen

Bei all ihren Unterschieden haben die fünf Hauptfiguren eine entscheidende Gemeinsamkeit:

Sie werden von Erwachsenen unterdrückt, speziell von ihren Eltern, sie werden stigmatisiert und auf einen bestimmten Lebenspfad gedrängt, den sie sich nicht ausgesucht haben. Sie alle sind am Anfang des Films auf direktem Wege, so zu werden wie ihre Eltern, und als sie das erkennen, macht es ihnen Angst.

Diese Unterdrückung wird im Film hauptsächlich durch den Antagonisten Richard Vernon repräsentiert und alle fünf Hauptfiguren rebellieren gegen ihn auf die ein oder andere Weise. Zwar zeigt nur Bender seinen Widerstand offen, aber die anderen Nachsitzer decken ihn äußerst bereitwillig, wenn er mal wieder etwas angestellt hat, auch wenn sie ihn nachher kritisieren und sich für die Befolgung von Vernons Anweisungen aussprechen.

Die Abneigung gegen Vernon eint sie also von Anfang an und im Laufe des Tages entdecken sie auch all die anderen Gemeinsamkeiten. Und ihr tatsächlicher Widerstand gegen Vernon, die Erwachsenen und die Gesellschaft generell besteht darin, die stereotypen Vorstellungen voneinander zu begraben und sich gegenseitig als liebenswürdige Individuen anzuerkennen:

Haben sie am Anfang noch eine hierarchische Sitzordnung mit dem „Schuladel“ in der ersten Reihe, dem Rebell, der dem „Adel“ buchstäblich im Nacken sitzt, in der zweiten, dem nerdigen Schlaukopf etwas abseits, aber immer noch in der zweiten Reihe und der exzentrischen Außenseiterin in der entferntesten Ecke, verlassen sie die Schule am Ende mehr oder weniger in einer Reihe, auf einer Höhe.

Sie haben sich von den Stereotypen und Stigmata der Erwachsenen gelöst und diese Werkzeuge der Unterdrückung können ihnen nichts mehr anhaben. Sie haben sich gegenseitig befreit.

… Oder nicht?

Fazit: Was passiert am Montag?

Gegen Ende des Films stellt Brian die Frage, ob die Fünf am Montag, wenn sie wieder in Gesellschaft ihrer jeweiligen Cliquen sind, immer noch Freunde sein werden. Die Meinungen gehen dabei auseinander und das Ende des Films lässt die Frage ebenfalls offen. Dementsprechend diskutieren die Zuschauer bis an den heutigen Tag, wie die Situation am Montag aussehen wird.

Ich persönlich war dabei schon in beiden Lagern, sowohl im realistisch-pessimistischen mit der Ansicht, dass sie am Montag so tun werden, als würden sie sich nicht kennen, als auch im romantisch-optimistischen, wo man an den Erhalt der Freundschaft glaubt.

Nach dieser Analyse tendiere ich mehr zur optimistischeren Seite. Ich kann einfach nicht abweisen, dass die Fünf eine Intimität erlebt haben wie wohl noch nie zuvor in ihren Cliquen, und ein so intensives Erlebnis muss einfach Spuren hinterlassen. Immerhin haben die Fünf durch ihr Miteinander eine Möglichkeit gefunden, sich ihren tiefsten Ängsten zu stellen. Sie haben Freiheit gekostet und sie sind noch jung genug für einen Kurswechsel, um eben nicht so zu werden wie ihre Eltern. Ich denke zwar nicht, dass sie öffentlich als Clique auftreten werden, aber ich kann mir vorstellen, dass sie auch weiterhin füreinander da sein werden. Sonst hätte das kathartische Miteinander im Film doch keine Bedeutung.

Unterm Strich jedoch muss wohl jeder Zuschauer selbst entscheiden, wie es am Montag weitergeht. Und diese Entscheidung sagt wiederum sehr viel über einen selbst aus und über die eigene Situation zum jeweiligen Zeitpunkt.

Daher will ich niemandem vorschreiben, was die richtige Antwort ist, und wäre sehr gespannt auf Deine Gedanken zu dem Thema.

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