Was ist guter Schreib­stil?

Was ist guter Schreib­stil?

Ein guter Schreib­stil stei­gert die Wahr­schein­lich­keit, dass ein Buch ein Best­seller wird. In ihrer Mono­gra­phie Der Best­seller-Code erklären Jodie Archer und Matthew L. Jockers, was laut ihrem Com­puter-Algo­rithmus einen best­sel­ler­taug­li­chen Schreib­stil aus­macht. In diesem Artikel werfen wir einen Blick auf ihre Beob­ach­tungen und die daraus fol­genden Tipps für einen bes­seren Schreib­stil.

Die Folien für dieses Video gibt es für Steady-Abon­nenten und Kanal­mitglieder auf You­Tube als PDF zum Down­load.

Wenn Men­schen gefragt werden, warum sie einen bestimmten Autor mögen, nennen sie oft u.a. den Schreib­stil. Mehr noch, meis­tens sind Autoren anhand von ihrem Stil iden­ti­fi­zierbar, selbst wenn sie unter einem anderen Namen schreiben.

Sowohl Joanne K. Row­ling als auch Ste­phen King haben das gezeigt:

Beide haben mit Pseud­onymen (Robert Gal­braith und Richard Bach­mann) expe­ri­men­tiert, wurden aber recht schnell ent­tarnt. Und natür­lich sind die Ver­käufe nach der Ent­tar­nung in die Höhe geschossen. Aber: Erfolg­reich waren die unter Pseud­onym ver­öf­fent­lichten Bücher auch vorher schon.

Was lernen wir also daraus?

Der Schreib­stil ist ein wich­tiger Erfols­faktor von Romanen.

Aller­dings geht es hier nicht um Meta­phern und per­fekt gewählte Aus­drücke. Nein. Nachdem Jodie Archer und Matthew L. Jockers 5000 Best­seller und Nicht-Best­seller an einen Com­puter-Algo­rithmus „ver­füt­tert“ haben, stellen sie fest, dass hier in der Regel nur unbe­wusst wahr­ge­nom­mene Details eine Rolle spielen.

Werfen wir also einen genaueren Blick darauf, wie ein best­sel­ler­taug­li­cher Schreib­stil laut dem Best­seller-Code von Archer und Jockers aus­sieht.

Schreib­stil und „lin­gu­is­ti­sche DNA“

Stellen wir uns zual­ler­erst die Frage:

Was ist Schreib­stil über­haupt?

Denn wir schreiben ja nicht immer gleich: Eine E‑Mail an einen Freund hat einen ganz anderen Stil als ein offi­zi­eller Brief ans Finanzamt. Wir alle passen unseren Stil stets dem Zweck und der Ziel­gruppe unseres Textes an.

Gleich­zeitig ist es mit dem Schreib­stil aber ähn­lich wie mit dem Aus­sehen eines Men­schen:

Wir können unsere Frisur ändern, wir können uns Tat­toos ste­chen lassen oder uns sogar einer plas­ti­schen Ope­ra­tion unter­ziehen. Das alles ändert aber rein gar nichts an unserer DNA. Auch wenn wir alle Register ziehen, um unser Aus­sehen zu ver­än­dern: Wir können unsere Gene nicht aus­tau­schen.

Genauso können wir unseren Schreib­stil so sehr anpassen wie wir wollen:

Unser rein indi­vi­du­eller Sprach­ge­brauch scheint in allem durch, was wir schreiben.

Archer und Jockers nennen es die „lin­gu­is­ti­sche DNA“. Und offenbar können manche Men­schen tat­säch­lich von Natur aus „best­sel­ler­taug­li­cher“ schreiben als andere. Aber es gibt auch Dinge, die man sich durchaus abgu­cken kann. Genau dazu ist dieser Artikel ja da. 😉

Merk­male eines best­sel­ler­taug­li­chen Schreib­stils

Was macht also einen best­sel­ler­taug­li­chen Schreib­stil aus?

Um diese Frage zu beant­worten, unter­suchten Archer und Jockers den Sprach­ge­brauch in Bezug auf:

  • Artikel, Kon­junk­tionen, Prä­po­si­tionen
  • Syntax, Satz­länge, Zei­chen­set­zung, Wort­arten
  • häu­figste Verben, Sub­stan­tive, Adjek­tive, Adver­bien

Natür­lich muss man berück­sich­tigen, dass ihr Text­korpus aus eng­lisch­spra­chigen Werken besteht. Des­wegen müssen wir ihre Beob­ach­tungen immer ins Deut­sche „umdenken“. An den Grund­prin­zi­pien, die diese Beob­ach­tungen zu Tage bringen, dürfte das aber nichts ändern.

Schauen wir uns also nun diese Beob­ach­tungen an:

  • Das Wort „do“ („tun“) kommt in Best­sel­lern häu­figer vor als in Nicht-Best­sel­lern. Das Wort „very“ („sehr“) sieht man häu­figer in Nicht-Best­sel­lern.
  • Best­seller ent­halten häu­figer Ver­kür­zungen (z.B. „don’t“, „can’t“) und infor­melle Wörter („okay“, „ugh“).
  • Im Ver­gleich zu Nicht-Best­sel­lern ent­halten Best­seller mehr Fra­ge­zei­chen und weniger Aus­ru­fe­zei­chen.
  • In Best­sel­lern finden sich auch öfter Ellipsen, die für unvoll­endete Über­le­gungen stehen.
  • Punkte kommen in Best­sel­lern oft vor, Semi­ko­lons und Dop­pel­punkte sel­tener.
  • Best­seller setzen weniger auf Adjek­tive und Adver­bien, dafür aber stärker auf Verben.
  • Gene­rell bestehen Best­seller eher aus kür­zeren, sau­beren Sätzen ohne unnö­tige Wörter.

Der sti­lis­ti­sche Trend ist hier klar erkennbar:

Leser mögen eine authen­ti­sche All­tags­sprache und keine „Schwa­felei“. Der Stil sollte mög­lichst ein­fach und umgangs­sprach­lich sein, mög­lichst nah am Leser.

Texte sollten keine Über­trei­bungen im Gebrauch von Aus­ru­fe­zei­chen und Beschrei­bungen ent­halten, dafür aber hand­lungs­ori­en­tiert sein.

Außerdem mögen es Leser, Gedanken des Erzäh­lers oder der Figuren zu Ende zu denken.

Natür­lich gibt es auch Best­seller, die gegen diesen Trend ver­stoßen. Nichts­des­to­trotz ist er aber da und Leser merken sehr schnell, mit wel­cher Art von Stil sie es zu tun haben …

Guter Schreib­stil vom ersten Satz an

Archer und Jockers finden, dass man den Stil eines Autors bereits am ersten Satz des Romans erkennt. Des­wegen ist es beson­ders wichtig, dass dieser erste Satz gut ist. Und gute erste Sätze fallen laut Archer und Jockers durch fol­gende Merk­male auf:

  • Sie sind kurz und relativ ein­fach.
  • Die Zei­chen­set­zung sorgt für eine klare Struktur.
  • Sie wirken authen­tisch und der Erzähler strahlt Auto­rität aus, denn er spricht mit Gewiss­heit. Seine Über­zeu­gungen bringt er idea­ler­weise witzig und scheinbar mühelos auf den Punkt.
  • Sie ent­halten den gesamten Kon­flikt des Romans in ca. 20 Wör­tern oder weniger und ver­spre­chen vor allem: Hand­lung, Hand­lung, Hand­lung!

Fazit

Abschlie­ßend halten wir also fest:

Leser wollen einen leicht dahin­plät­schernden Fluss, keinen Wald, durch den man sich kämpfen muss.

Sie wollen sich vom Strom der Hand­lung treiben lassen.

Gleich­zeitig wollen sie aber auch mit­denken - und zwar über das Inhalt­liche (nicht wegen sprach­li­cher Kom­ple­xität).

Wer sich für genauere Details inter­es­siert, findet sie in Der Best­seller-Code von Archer und Jockers.

6 Kommentare

  1. Sehr guter Artikel, leider ein kleiner Tipp­fehler im „bet­seller-“:

    erklären Jodie Archer und Matthew L. Jockers, was laut ihre
    im Com­puter-Algo­rithmus einen bet­sel­ler­taug­li­chen Schreib­stil aus­macht.

    Wolfgang Möckel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert