Span­nend erzählen mit hoher Ereig­nis­haf­tig­keit

Span­nend erzählen mit hoher Ereig­nis­haf­tig­keit

Wir alle lieben span­nende Erzäh­lungen und oft ver­su­chen wir auch selbst, span­nend zu schreiben. Wolf Schmids erzähl­theo­re­ti­sches Kon­zept der Ereig­nis­haf­tig­keit kann dabei sehr hilf­reich sein. Es erklärt nicht nur, warum so manche Action­szene eher lang­weilig und ein so man­ches Gespräch unheim­lich span­nend ist. Man kann es auch ver­wenden, um seine eigene Geschichte span­nend zu schreiben.

Die Folien für dieses Video gibt es für Steady-Abon­nenten und Kanal­mitglieder auf You­Tube als PDF zum Down­load.

Es gibt da so ein paar Phä­no­mene, die bestimmt jeder kennt:

  • Zum Bei­spiel liest man einen Roman, man schaut einen Film, eine Serie oder spielt ein Video­spiel … und darin pas­siert etwas, aber man hat trotzdem das Gefühl, dass nichts pas­siert.
  • Oder es gibt auch den umge­kehrten Fall – näm­lich, dass man sich von einer Geschichte nicht los­reißen kann, weil ständig etwas pas­siert, das die Hand­lung auf den Kopf stellt.

Beide Phä­no­mene haben zum Teil etwas mit der Ereig­nis­haf­tig­keit zu tun. Um diesen Begriff jedoch zu defi­nieren, müssen wir uns zunächst mit der Defi­ni­tion von „Erzählen“ beschäf­tigen. Diese Defi­ni­tion habe ich bereits in einem frü­heren Artikel gegeben:

Erzählen ist das Beschreiben einer Zustands­ver­än­de­rung durch eine Erzähl­in­stanz.

Dabei kann eine Zustands­ver­än­de­rung alles Mög­liche bedeuten: Dinge wie Toi­let­ten­gänge, Wet­ter­um­schwünge und Niesen sind mit ein­ge­schlossen.

Was uns aber inter­es­siert, sind Zustands­ver­än­de­rungen, die eine Bedeu­tung in der Erzäh­lung haben: näm­lich Ereig­nisse.

Was ist ein Ereignis?

Unter einem Ereignis ver­steht man einen beson­deren, nicht all­täg­li­chen Vor­fall, also ein Abwei­chen von Gesetz­mä­ßig­keiten - zumin­dest von den Gesetz­mä­ßig­keiten inner­halb der nar­ra­tiven Welt (der Welt, in der die Geschichte spielt).

In Bezug auf die Tat­sache, dass ein Ereignis eine Zustands­ver­än­de­rung ist, muss man sich vor allem merken:

„Jedes Ereignis impli­ziert eine Zustands­ver­än­de­rung, aber nicht jede Zustands­ver­än­de­rung bildet ein Ereignis.“
Wolf Schmid: Ele­mente der Nar­ra­to­logie, 2. Auf­lage von 2008, Kapitel: I.1. d) Ereignis und Ereig­nis­haf­tig­keit.

Damit ein Ereignis wirk­lich als Ereignis gelten kann, müssen zwei Grund­be­din­gungen erfüllt sein:

  1. Fak­ti­zität bzw. Rea­lität: Das Ereignis muss in der nar­ra­tiven Welt tat­säch­lich statt­ge­funden haben. Träume, Visionen und Wunsch­vor­stel­lungen sind dadurch also von vorn­herein aus­ge­schlossen.
  2. Resul­ta­ti­vität: Das Ereignis muss abge­schlossen werden. Am Ende des Textes ist es also nicht mehr „in Arbeit“ und auch nicht abge­bro­chen.

Diese Grund­be­din­gungen kann man demons­trieren anhand von Brea­king Dawn – Bis(s) zum Ende der Nacht – Teil 2:

Die finale Schlacht ist die Vision einer mög­li­chen Zukunft. Unter anderem dadurch, dass der Feind erfährt, dass er die Schlacht ver­lieren wird, wird die Schlacht ver­hin­dert.

Damit ist die Vision an sich durchaus ein Ereignis. Aber alles, was in dieser Vision pas­siert (d.h. auch die dra­ma­ti­schen Tode meh­rerer wich­tiger Figuren), ist kein Ereignis.

Das bedeutet: Die finale Schlacht ist ein­fach nur eine Action­se­quenz, in der de facto nichts pas­siert, weil nicht einmal die Grund­be­din­gungen für ein Ereignis erfüllt sind.

Bei den Grund­be­din­gungen muss man aller­dings bedenken, dass sie allein kein Ereignis aus­ma­chen. Das liegt daran, dass auch all­täg­liche Zustands­ver­än­de­rungen die Grund­be­din­gungen erfüllen können.

Zum Bei­spiel: Wenn eine Figur niest, dann kann dieses Niesen tat­säch­lich statt­finden (eine Figur macht wirk­lich hat­schi!). Das Niesen kann auch abge­schlossen werden (der Rotz ist raus). Aber ansonsten wird ein Niesen in der Regel für den Rest der Geschichte völlig bedeu­tungslos sein.

Merk­male der Ereig­nis­haf­tig­keit

Weil die Grund­be­din­gungen also nicht aus­rei­chend sind, um ein Ereignis zu einem Ereignis zu machen, schlägt Wolf Schmid (in Ele­mente der Nar­ra­to­logie) fünf Merk­male vor, die eine Zustands­ver­än­de­rung tat­säch­lich zu einem Ereignis machen. Diese Merk­male sind unter­schied­lich wichtig und können in unter­schied­li­chem Maß aus­ge­prägt sein. Das bedeutet, dass ein Ereignis mehr oder weniger ereig­nis­haft sein kann als ein anderes.

Die vor­ge­schla­genen fünf Merk­male der Ereig­nis­haf­tig­keit sind fol­gende:

  • Rele­vanz (Haupt­kri­te­rium):
    Je relevanter/wesentlicher die Zustands­ver­än­de­rung für die Figuren, desto ereig­nis­hafter.
  • Imprä­dik­ta­bi­lität (Haupt­kri­te­rium):
    Je ungewöhnlicher/unerwarteter die Zustands­ver­än­de­rung für die nar­ra­tive Welt, desto ereig­nis­hafter.
  • Kon­se­ku­tivität:
    Je größer die Folgen der Zustands­ver­än­de­rung, desto ereig­nis­hafter.
  • Irrever­si­bi­lität:
    Je geringer die Wahr­schein­lich­keit, die Zustands­ver­än­de­rung rück­gängig zu machen, desto ereig­nis­hafter.
  • Non-Ite­ra­ti­vität:
    Je sel­tener sich die Zustands­ver­än­de­rung wie­der­holt, desto ereig­nis­hafter.

Bei­spiele für hohe und nied­rige Ereig­nis­haf­tig­keit

Schauen wir uns nun die Ereig­nis­haf­tig­keit in zwei Bei­spielen an:

Nied­rige Ereig­nis­haf­tig­keit: Matrix Rel­oaded

Wäh­rend des langen Kampfes zwi­schen Neo und den Smith-Klonen pas­siert wenig Rele­vantes oder Fol­gen­rei­ches. Die Kampf­st­unts sind zwar unter­schied­lich, aber dass Stunt auf Stunt folgt, wird schnell repe­titiv.

Die Begeg­nung an sich ist ein Ereignis: Es ist wichtig, dass Neo sieht, dass Smith sich ver­viel­fäl­tigt hat, und es ist auch wichtig, dass Smith ihn angreift. Die Minu­ten­lange Kampf­se­quenz ist aber eher wenig ereig­nis­haft und des­wegen hand­lungs­tech­nisch leer.

Hohe Ereig­nis­haf­tig­keit: Death Note

Der Prot­ago­nist Light tötet Men­schen, indem er ihre Namen in ein magi­sches Notiz­buch schreibt. Der Pri­vat­de­tektiv L ver­däch­tigt ihn, Light weiß das und ver­sucht des­wegen, Ls rich­tigen Namen her­aus­zu­finden, um ihn töten zu können. L geht bei seinen Ermitt­lungen schließ­lich so weit, dass er sich Light per­sön­lich vor­stellt.

Diese Begeg­nung ist wichtig und hat Aus­wir­kungen auf die kom­plette Geschichte. Dass L sich Light vor­stellt, kommt uner­wartet (außer für L selbst, der eine bestimmte Stra­tegie damit ver­folgt). Die Vor­stel­lung kann nicht rück­gängig gemacht werden und das Ereignis ist ein­zig­artig.

Die hohe Ereig­nis­haf­tig­keit ist einer der Gründe, warum ich per­sön­lich Death Note als eine der span­nendsten Geschichten betrachte, die ich kenne.

Schluss­be­mer­kungen

So inter­es­sant die Ereig­nis­haf­tig­keit auch ist, sie allein macht noch keine span­nende Erzäh­lung aus. Sie ist nur ein Faktor von vielen. Zum Bei­spiel: Selbst die ereig­nis­haf­teste Hand­lung nützt gar nichts, wenn die Figuren lang­weilig sind und dem Leser egal ist, was mit ihnen pas­siert.

Es muss auch nicht jede Erzäh­lung span­nend sein. Ja, Span­nung ist ein Qua­li­täts­faktor. – Aber nicht der ein­zige.

Den­noch kann Ereig­nis­haf­tig­keit viele Emp­fin­dungen beim Rezi­pieren von Geschichten erklären. (Zum Bei­spiel, warum eine Action­szene einen lang­weilt oder warum man eine Szene, in der zwei Men­schen mit­ein­ander reden, unheim­lich span­nend findet.) Und beim Schreiben können die von Wolf Schmid vor­ge­schla­genen Merk­male beim Aufbau einer span­nenden Hand­lung hilf­reich sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert