Schreibregeln und Perfektionismus: Richtiger Umgang mit Schreibtipps, -Regeln und Modellen

Schreibregeln und Perfektionismus: Richtiger Umgang mit Schreibtipps, -Regeln und Modellen

Schreibtipps helfen uns, bessere Geschichten zu schreiben. Doch jeden Schreibtipp zu befolgen geht gerne auch nach hinten los. Deswegen ist es wichtig, die vielen Schreibtipps, Schreibregeln und theoretischen Modelle zu hinterfragen: Machen sie Deine Geschichte wirklich besser? In diesem Artikel besprechen wir, worauf es beim Befolgen von Schreibtipps ankommt.

Unsere ersten Geschichten schreiben wir in der Regel, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Die meisten von uns sind zu dem Zeitpunkt noch recht jung und/oder schlicht und ergreifend unerfahren. Damit haben wir nicht die notwendige Kompetenz, um die Qualität unseres Geschreibsels zu hinterfragen.

Mit der Zeit gewinnen wir als Autoren aber an Reife und allmählich kommt die Erkenntnis, dass unsere erste Geschichte ein einziger großer, stinkender Hundehaufen ist.

Im ersten Moment ist diese Erkenntnis schockierend: Diese Geschichte, die wir mit so viel Begeisterung und Herzblut geschrieben haben, ist nichts weiter als ein peinliches Stück Dreck. Doch sobald dieser Schock erst einmal verdaut ist, packt uns der Ehrgeiz, es beim nächsten Mal besser zu machen und wir stürzen uns gierig auf alle Schreibtipps, die wir finden können. Der Haken daran ist:

Es gibt mehr Schreibtipps als man umsetzen kann und oft widersprechen sie sich auch.

Außerdem läuft man Gefahr, mit dem, was man schreibt, nie wirklich zufrieden zu sein, weil irgendein Qualitätskriterium XY nicht erfüllt und die Geschichte damit nicht perfekt ist.

Dass Schreibtipps und theoretische Modelle oft als Regeln betitelt werden, macht die Sache nur noch noch schlimmer. Denn während Tipps einfach nur Hilfen sind, fühlt man sich beinahe kriminell, wenn man “Regeln” bricht. Deswegen ist es mir eine Herzensangelegenheit, meine persönliche Meinung zu Schreibtipps, -Regeln und Modellen zu erläutern:

Die einzige wirkliche Regel beim Schreiben ist, dass es überhaupt keine Schreibregeln gibt.

Und damit im Zusammenhang:

Eine perfekte Geschichte gibt es nicht.

Das bedeutet jedoch nicht, dass man komplett auf Hilfen verzichten sollte. Vielmehr sollte man lernen, mit ihnen richtig umzugehen. Und wie das geht, besprechen wir in diesem Artikel.

Schreiben lernen vs. Tanzen lernen

In Schreibcommunities bin ich schon so manches Mal auf das Argument gestoßen, man müsse erst das Laufen lernen, bevor man Tanzen lernt. Das heißt: Man müsse erst die Schreibregeln lernen, bevor man sie bricht.

Ich persönlich sehe da aber einen Denkfehler: Denn man kann das Schreiben und das Tanzen nicht vergleichen.

Es gibt eine richtige Art, einen Walzer zu tanzen. Und dazu muss man sich aufrecht auf zwei Beinen fortbewegen können.

Eine richtige Art zu Schreiben gibt es aber nicht. Die Art und Weise, wie Geschichten erzählt werden, ist einer ständigen Veränderung unterworfen und es gibt auch bemerkenswerte kulturelle Unterschiede. Die mündliche Tradition geht in die schriftliche Tradition über, die Medien, auf denen Geschichten schriftlich festgehalten werden, verändern sich und auch die Lesegewohnheiten entwickeln sich Hand in Hand mit der kulturellen, gesellschaftlichen und technologischen Evolution. Konnte früher nur eine kleine Elite lesen und schreiben, haben wir heute einen Massenmarkt. War die Buchproduktion früher immer mit Materialkosten verbunden, entfallen sie bei einem E-Book komplett. Hat sich früher niemand an der Langatmigkeit mancher Klassiker gestört, ist die Aufmerksamkeitsspanne des heutigen Durchschnittsmenschen deutlich kürzer geworden und er ist zudem einem konstanten Strom von Ablenkungen ausgeliefert. Und so traurig es vielleicht ist: Ein nur sehr geringer Prozentsatz von Publikationen ist Jahre später noch genießbar. Die meisten Bestseller der vergangenen Jahrhunderte kennt heute kein Mensch mehr. Shakespeare, Goethe und Co. sind Ausnahmen, nicht die Regel.

Während ein Walzer also immer ein Walzer bleibt, versteht man unter einer guten Geschichte alle paar Jahre etwas anderes. – Und wenn eine Geschichte dann doch die Jahrhunderte überdauert … Dazu kommen wir später.

Was ist eine gute Geschichte?

Wie schreibt man eine gute Geschichte, wenn die Vorstellung von einer guten Geschichte einem ständigen Wandel unterworfen ist? Und wenn wir einen Schritt weiter denken: Wie schreibt man eine gute Geschichte mit dem Wissen, dass gerade der heutige Markt sehr vielfältig ist und es unzählige Lesergeschmäcker gibt? Wie schreibt man eine gute Geschichte, wenn man es nicht jedem recht machen kann?

Es gibt Autoren, die das Unmögliche versuchen. Sie beherzigen – oft unhinterfragt – so ziemlich jede Schreibregel, die sie finden – und fabrizieren persönlichkeitslose Gebilde, die man im nächsten Moment schon wieder vergessen hat.

Wir kennen das von Hollywood: Wer mehrere Filme gesehen hat, die nach den klassischen Hollywood-Formeln erschaffen wurden, weiß bei einem neuen Film oft schon nach den ersten 10 Minuten, wie der Film endet. Zu viel des Guten ist eben auch Gift.

Ich finde, dass wir Autoren uns von der eigentlich sehr christilich-dualistischen Vorstellung von guten und schlechten Geschichten lösen sollten. Denken wir lieber mit Aristoteles: Er war nämlich der Ansicht, dass es für gutes Handeln keine Regeln gibt. Gut zu handeln bedeutet vielmehr, in einer konkreten Situation das Richtige zu tun. Nicht Gut und Schlecht sind Gegenteile, sondern Übermaß und Mangel: Beide sind kontraproduktiv. Statt sich dem einen oder anderen hinzugeben sollte man vernünftig und besonnen schauen, wo die goldene Mitte liegt:

Vor jeder Gefahr wegzulaufen (Mangel an Mut, Feigheit) ist genauso falsch wie sich in jede Gefahr zu stürzen (Übermaß an Mut, Tollkühnheit). Vielmehr soll man in jeder konkreten Situation abwägen, ob man sich der Gefahr stellt oder ob Flucht nicht die weisere Entscheidung wäre (gesundes Maß an Mut).

Wenden wir die Aristotelische Ethik nun auf das Schreiben an, kommen wir zu der These:

Ein Autor, der sklavisch alle Schreibtipps befolgt, ist nicht besser als ein Autor, der von Schreibtipps gar nichts wissen will. Ein guter Autor lässt Schreibtipps, Schreibregeln und Modelle auf sich wirken, macht sich klar, was er mit seiner Geschichte erreichen will und was seine Zielgruppe erwartet, und entscheidet dann, wann er welche Tipps umsetzt und welche Tipps er gänzlich über Bord wirft.

Was sind Schreibtipps?

Wir müssen uns unbedingt klar machen:

Unterm Strich sind Schreibtipps und Modelle nichts weiter als ein Werkzeug.

Es sind Erkenntnisse, die auf den Erfahrungen früherer Generationen von Autoren beruhen:

  • Wenn man A macht, hat das den Effekt B.
  • Wenn man C macht, hat das den Effekt D.
  • Und so weiter.

Es geht darum, das Rad nicht immer neu zu erfinden. Wenn schon andere Leute vor Dir interessante Dialoge geschrieben haben, musst Du Dir die Tricks und Techniken nicht von Null selbst erarbeiten, sondern kannst schauen, wie es erfolgreiche Autoren bereits gemacht haben.

Allerdings musst Du Dir stehts darüber im Klaren sein, welche Art von Rad welche Funktion hat. Wenn Du aus bestimmten Gründen nicht willst, dass die Leser sich mit Deiner Hauptfigur identifizieren, dann musst Du andere Ratschläge befolgen als jemand, dessen Hauptfigur viel Identifikationspotential haben soll.

Oft führen auch viele verschiedene Wege zum Ziel. Du kannst einen nullfokalisierten bzw. auktorialen Erzähler verwenden oder auf viele intern fokalisierte bzw. personale Perspektiven zurückgreifen. Oder beides. Jede Variante hat ihre eigenen Vor- und Nachteile und einzigartige Nuancen. Es liegt an Dir, wofür Du Dich bei Deiner konkreten Geschichte entscheidest.

Die wichtigste Frage

Schreiben bedeutet, sich ständig für oder gegen etwas zu entscheiden.

  • Soll meine Figur Eigenschaft XY haben?
  • Soll ich an Stelle Z einen Plottwist einbauen?
  • Braucht meine Geschichte mehr Introspektion?

Für solche Fragen gibt es keine objektiv richtige Antwort, die für alle Geschichten gilt. Damit Du sie für Dich beantworten kannst, musst Du Dein Ziel kennen:

Was willst Du mit Deiner Geschichte erreichen – und vor allem: wen?

Definiere ganz klar Deine Ziele und Deine Zielgruppe.

  • Lerne Deine Zielgruppe kennen, ihre Erwartungen und ihre Bedürfnisse.
  • Lerne Dich selbst kennen und Deine Möglichkeiten, Talente und Schwachstellen.
  • Lege fest, welche Wirkung Deine Geschichte auf Deine Zielgruppe haben soll.
  • Lege Dir einen Plan zurecht, wie Du dieses konkrete Ziel erreichen willst.
  • Lerne von ähnlichen Geschichten und deren Publikum: Ein guter Autor ist vor allem jemand, der sehr viel liest.

Eine Geschichte, die jedem gefällt, wirst Du nie schreiben können. Aber eine Geschichte, die auf eine bestimmte Gruppe von Menschen eine bestimmte Wirkung hat, ist durchaus realistisch.

Perfektionismus ist unproduktiv

Um mit Schreibtipps bewusst umgehen zu können, musst Du Dich aber auch von Deinem Perfektionismus lösen. Denn Perfektionismus ist vor allem eins:

Selbstsabotage und der Ausdruck von einem Minderwertigkeitskomplex.

Wenn Du ständig etwas nachbesserst, bekommst Du Deine Geschichte nie geschrieben. Denn ich verspreche Dir:

Weil es keine perfekte Geschichte geben kann, wirst Du nie eine schreiben. Wenn Du also von Dir selbst immer Perfektion forderst, wirst Du mit Deinem Werk nie zufrieden sein.

Gib es auf, Goethe sein zu wollen. Du kannst nur auf Deine eigene Weise genial sein. Deswegen musst Du lernen, Dir selbst zu vertrauen. Denn wenn Du alles perfekt machen willst, bedeutet das, dass Du in Wirklichkeit mit Dir selbst unzufrieden bist. Du glaubst, dass Du nicht gut genug schreibst, setzt Dich unter Druck und machst etwas, das Du lieben solltest, zu einem Stressfaktor. Deswegen geht Perfektionismus gerne mal auch nach hinten los und die Geschichte wird nicht besser, sondern schlechter.

Daher: Ändere Deine Einstellung zum Schreiben (und auch zu Dir selbst).

Ja, Du bist kein Genie. Du machst Fehler. Deine Geschichte wird vielen nicht gefallen. – Aber das ist gut so. Denn alles andere wäre gruselig.

Hör auf, an Genies zu glauben. Das alles sind und waren Menschen aus Fleisch und Blut wie Du und ich, und jeder von ihnen hat peinliche Fehler gemacht. Konzentriere Dich lieber auf Deine Geschichte und Deine Zielgruppe. Und wenn Du Dir nicht sicher bist, ob Deine Geschichte die beabsichtigte Wirkung hat, dann gib sie Testlesern. Ansonsten habe ich noch einen Artikel mit Tipps, wie Du als Autor einen nüchterneren Blick auf Deine Geschichte bekommst. Mögen sie Dir eine Hilfe sein!

Genies und Klassiker

Nun magst Du aber vielleicht erwidern, dass es ja doch Werke gibt, die den Test der Zeit überstanden haben. Und Du hast völlig recht, wenn Du sagst, dass sie ja etwas Grundsätzliches richtig gemacht haben müssen:

  • Denn es gibt bestimmte Themen, die für Menschen aller Jahrhunderte und aller Kulturen relevant sind, weil sie mit dem Menschsein an sich zu tun haben. Je intensiver man sich damit auseinandersetzt und je weniger diese Themen mit konkreten Problemen einer bestimmten Zeit und Gesellschaft verknüpft sind, desto universeller und langlebiger ist das Werk. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht auch Geschichten brauchen, die sich mit den vergänglichen Problemen unserer Gegenwart befassen.
  • Es gibt gewisse Dinge und Strukturen, die auf Menschen generell eine bestimmte Wirkung haben. Genauso wie es Farben und Töne gibt, die beruhigend oder aufrüttelnd wirken, haben auch bestimmte Dinge in Sprache, Plot und Struktur, einen bestimmten Effekt. Mit zunehmender Erfahrung lernst Du den Umgang damit. Die Autoren von Klassikern sind ja auch nicht mit diesem Wissen auf die Welt gekommen, sondern mussten es sich hart erarbeiten.
  • Nicht zuletzt wird Werken, die in der Vergangenheit geschrieben wurden, auch mehr nachgesehen, weil sie ja in einer anderen Zeit und für ein anderes Publikum geschrieben wurden. Ja, ich mag den Herrn der Ringe lieber als Harry Potter, aber Harry Potter ist für mich trotzdem viel angenehmer zu lesen, weil die Bücher für ein modernes, junges Publikum geschrieben wurden. Und wenn ich den Herrn der Ringe lieber mag, dann liegt das unter anderem daran, dass ich an vielen Stellen das ein oder andere Auge zudrücke, weil das Buch ja in einer anderen Zeit geschrieben wurde.

Schlusswort

Was ich mit diesem ganzen Artikel eingentlich sagen möchte, ist schnell zusammengefasst:

Entspann Dich!

Deine Geschichte ist Dein Reich, in dem Du nach Belieben Gott spielen kannst. Denn es ist – ich betone – deine Geschichte. Du entscheidest, was gut für sie ist. Hole dir Rat und Hilfestellungen in Form von Schreibtipps und Modellen, wenn Du sie brauchst. Aber fühle Dich nie gezwungen, etwas zu tun, nur weil andere Leute meinen, dass es Geschichten besser macht.

Setze nur das um, was Deine Geschichte besser macht. – Aber ja, dazu musst Du natürlich wissen, was für eine Geschichte Du schreibst und für wen.

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